Faulenzen bringt kein Brot ins Haus

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Die Grille (Sebastian Griegel) zupft noch optimistisch die Ukulele, während die Ameise (Svetlana Bielievtsova) schon deren Schicksal besiegelt. Die Theaterstudenten der Theaterakademie August Everding überzeugten in „Der Goldene Drache“ mit Spielfreude und Können.

Landsberg – Hoffnungsvoll fängt es an: Von der Ukulele begleitet summt ein Schauspieler „Over the Rainbow“, singt von dem Land, in dem Träume wahr werden. Die Realität sieht anders aus. Es ist laut in der Küche des China-Vietnam-Restaurants „Der Goldene Drache“: Am laufenden Band kommen neue Essensbestellungen herein, die sieben Küchenmitarbeiter auf engstem Raum bewerkstelligen müssen. Oder besser gesagt: sechs. Einer, der kleine Chinese, sitzt auf dem Boden und heult. Vor Zahnschmerzen. Aber als Illegaler, ohne Papiere und ohne Geld, da ist ein Arzt einfach nicht drin. Deshalb wird ihm der Zahn mitten in der Küche gezogen, mithilfe der Rohrzange. Doch das kostet den kleinen Chinesen sein Leben.

Der kleine Chinese wollte arbeiten und Geld an seine Familie schicken. Und vor allem seine Schwester finden. Aber all das gelingt ihm nicht. Diese Geschichte ist nur eine derer, die Roland Schimmelpfennig in seinem Stück „Der Goldene Drache“ anreißt. Im Haus des Restaurants gibt es noch andere Bewohner, die an ihrem Leben scheitern: den einsamen, zynischen Großvater und seinen Enkel; den Enkel mitsamt ungewollt schwangerer Freundin; ein Paar, das sich gerade trennt; den versoffenen Ladenbesitzer Horst; und schließlich zwei Flugbegleiterinnen, deren Leben nicht stattfindet. Verschiedene Geschichten, die die Schwäche und Schlechtigkeit des Menschen zeigen.

Doch die eigentliche Geschichte spielt sich vor dem in schwarz stilisierten Gebäude ab: Die Grille, die von der Ameise ausgebeutet wird, eine Geschichte, die auf einer Fabel von Äsop beruht: Da die Grille den ganzen Sommer gesungen hat, fehlt ihr im Winter Nahrung. Sie geht zur Ameise und bittet um Hilfe. Doch wie die Ameise in Äsops Fabel so schön sagt: „Das Faulenzen bringt kein Brot ins Haus“. Und so könne die Grille doch jetzt im Winter tanzen und Hunger leiden. Aber Schimmelpfennig dreht die Schraube weiter: Noch besser ist es doch, wenn sich die Grille für die Ameise prostituiert: „Die Grille soll froh sein, dass die Ameise sie nicht zurückschickt in den Schnee.“

Die Schauspieler in Schimmelpfennigs Stück schlüpfen nicht in ihre Rollen, sie zitieren sie – so, wie es vom Autor gewollt ist: Die Handlung wird nicht gespielt, sie wird erzählt, und dass alle Männerrollen von Frauen und umgekehrt gespielt werden, trägt noch mehr zur Verfremdung à la Brecht bei. In der Inszenierung des Metropoltheaters verstärkt Regisseur Jochen Schölch die Verfremdung durch ein ab­strakt-schwarzes Bühnenbild, durch Schauspieler in schlichtem schwarz und durch übermäßig spritzendes Blut aus dem Mund des kleinen Chinesen.

Bis auf die Rolle des kleinen Chinesen (Barbara Krzoska) springen die sieben anderen Schauspieler der Theaterakademie August Everding zwischen mehreren Rollen gekonnt hin und her, wechseln in einem Wimpernschlag vom Erzähler zur jeweiligen Rolle, spielen die Rollen genussvoll übertrieben aus. Die Geschichten werden kurz angerissen. Wenn’s am spannendsten ist und der Zuschauer sich Antworten auf all die Fragen erhofft, zappt das Stück weiter zum nächsten Raum und zum nächsten Drama. Das Stück ist eine Beschreibung, eine Schilderung, aber es bietet keine Erklärungen – das wollen sowohl Autor als auch Regisseur nicht.

Grille und Ameise wirken schon allein wegen ihres Insektendaseins verfremdet: Die Grille, hervorragend von Sebastian Griegel gespielt, trägt Strapse, die Ameise eine dunkle Sonnenbrille. Irgendwann versucht die Grille auszubrechen, aber der Versuch endet damit, dass sie brutal geschändet wird. Originalton Ameise: „Das arme Ding. Wie soll sie denn jemals wieder…?“

Der kleine Chinese verblutet an der offenen Zahnwunde. Seine Kollegen werfen ihn von der Brücke in den Fluss, von dem er in einer langen Reise bis zurück nach China getragen wird. Endlich wieder zu Hause, wenn es auch nur noch Knochen sind. Der gezogene Zahn, der in der Suppe der Flugbegleiterin Inga gelandet ist, wird von ihr ebenso in den Fluss geworfen. Er sinkt zu Boden, „ist weg, als ob er nie dagewesen ist.“

Schimmelpfennig reißt viele Themen an, bleibt aber an der Oberfläche: Das Alter, die Liebe, die Oberflächlichkeit, die Globalisierung, alles wichtige und problembeladene Themen, die der Autor auf den Tisch bringt – und sofort zum nächsten hüpft. Letztendlich bleibt dem Zuschauer nur die Unbedeutsamkeit all dessen, was ihm da gezeigt wird. Und das war’s jetzt? Dank der Spielfreude und des Könnens der Theaterstudenten und einer engagierten Regie wird aus Schimmelpfennigs Werk ein unterhaltsames Stück mit zynischem Humor und – teilweise – Tiefgang. Und da es die Dernière für das Ensemble war, regnete es zum Schluss pinkfarbenes Konfetti vom Bühnenhimmel.

Susanne Greiner

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