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Wenn die Stadt Landsberg mit Rückkauf droht

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Von: Werner Lauff

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Handwerkerhof - Frauenwald - Landsberg
Der Handwerkerhof im Frauenwald, der anders genutzt wird als angekündigt. © Lauff

Landsberg – Chipmangel, schleppende Lieferketten und Inflation, die Energiekrise, der Klimawandel und die Angst vor weiteren Pandemien, das alles belastet die mittelständische Wirtschaft wie in keiner Krise zuvor. Mitten in dieser misslichen Lage öffnete die Stadt Landsberg ihr Waffenarsenal und drohte mit dem Rückkauf des „Handwerkerhofs“, weil er die falschen Nutzer habe. Dreimal tagten die Stadträte nichtöffentlich unter Ausschluss von Mit-Investor Wolfgang Weisensee (Landsberger Mitte). Am Ende verzichtete die Stadt auf die Geltendmachung der Forderung.

Der Grund für die Aktion, die auch die beiden anderen Investoren Ex-Kreishandwerksmeister Michael Riedle (Hohenfurch) und Helmut Schiessl (Denklingen) belastete, war die Abweichung vom Ursprungsplan des Trios. Dieser Plan sah vor, dass in dem Neubau vor allem junge Handwerker die Möglichkeit erhalten sollten, ohne eigenen Aufwand Lager, Büros und Werkstätten zu nutzen. Derartige Zielsetzungen fließen im Allgemeinen auch in die vertraglichen Regelungen zur Grundstücksvergabe ein. Werden sie nicht erreicht, hat die Stadt die Option auf einen Rückkauf des Grundstücks (samt Gebäude) zu einem von Gutachtern zu ermittelnden Wert.

Tatsächlich sei schon bald klar geworden, dass sich der Geschäftszweck des Handwerker­hofs nur schleppend verwirklichen ließ. Zwar habe der erste Mieter schnell zugegriffen; er sei auch heute noch an Bord. Andere Betriebe und angehende Handwerksmeister hätten ihre Reservierungen aber zu Beginn der ersten Coronawelle zurückgezogen. „Damit brach das ursprüngliche Konstrukt komplett zusammen“, schrieben Riedle, Schiessl und Weisensee, die drei Gesellschafter der HWL GmbH&Co. KG, im April an die Stadtverwaltung. Das sei „für die Bank und die Betreiber gleichsam misslich gewesen“.

Durststrecke

Nach einer längeren Durststrecke sei es dann gelungen, weitere Pächter zu finden; den zusätzlichen Büro- und Hallenservice habe aber niemand benötigt. Nun wird der Bau für die nächsten 30 Jahre überwiegend von einem zumindest hand­werks­nahen Mieter genutzt – vom Konstanzer Unternehmen Christiani, das sich auf die Aus- und Fortbildung in mittelständischen Betrieben spezialisiert hat (der KREISBOTE berichtete). Auf einer Fläche von 1.500 Quadratmetern präsentiert das Unternehmen komplett eingerichtete Ausbildungswerkstätten für die Bereiche Metalltechnik, Fahrzeugtechnik sowie Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik ebenso wie Fachräume für Steuerungs-, Elektro- und Automatisierungstechnik. Zu den innovativen Highlights zählen ein Raum für co-kreatives Arbeiten sowie Anwendungen mit Virtual und Augmented Reality.

Christiani nutzt den Handwerkerhof seit vergangenem Jahr als eines von drei Kompetenzzentren in Deutschland. Die Zentren bieten Ausbildern, Lehrern und Personalverantwortlichen die Möglichkeit, sich über die Lehrmittel und Lernkonzepte zu informieren und sie auch auszuprobieren. Dazu gehören Simulatoren zur Steuerung eines Hochregallagers, Robotic-Sets in Klassenraum-Stärke und Fernlehrgänge in elektrischer Antriebstechnik. Zudem bietet das 1931 gegründete Unternehmen, das zeitweise im Besitz von Conrad Elektronik stand, in Landsberg Fortbildungen, Seminare, Schulungen und andere Veranstaltungen an.

Die jetzige Nutzung sei „nahezu kostendeckend“, teilten die drei Investoren im April mit. Zu ihren Gunsten wiesen die Gesellschafter noch darauf hin, dass die überwiegend mittels der PV-Anlage erzeugte erneuerbare Energie zur Beheizung und Eigenstrombezug des Bürogebäudes sowie der Schulungsräume ausreiche. Es gebe auch eine CO2-neutral gespeiste Ladeinfrastruktur für E-Mobilität. Auch sei die Firma Christiani für Landsberg „ein Gewinn“. Das Schreiben an die Stadt endet mit dem Satz „Wir bedauern, das ursprüngliche innovative Konzept nicht konsequent umgesetzt zu haben, und bitten den geänderten Nutzungszweck wohlwollend zu prüfen und zu billigen.“

Das tat die Stadt offenbar letztlich. Dass und warum die Gremien diese Entscheidung getroffen haben, wollte die Stadtverwaltung auf Anfrage des KREISBOTEN aber nicht mitteilen. Auch darüber, warum die Entscheidungsfindung so lange gedauert hat, kann man nur spekulieren. Das alles ist für das Investoren-Trio nicht mehr ganz so entscheidend. Die drei hätten möglicherweise auch mit einem Rückkauf leben können, denn durch die Aufwertung des Grundstücks und den gestiegenen Bodenrichtwert wäre ein Gewinn entstanden. Das ist aber nicht immer der Fall – und dürfte auch mal in die andere Richtung laufen. Im Extremfall droht die Insolvenz. Für künftige Bewerber um den (knappen) Grund im Frauenwald wäre daher eine Präzisierung hilfreich: Wie viel Planabweichung darf sein, wie viel Rückkauf-Risiko bleibt?

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