Die Heimatgeschichte ausgraben

Der Hobby-Archäologe Michael Schwaiger aus Denklingen

Michael Schwaiger aus Denklingen
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Hobby-Archäologe aus Denklingen Michael Schwaiger.

Denklingen – Hobby-Archäologie ist kein Zuckerschlecken. Wenn der Metalldetektor ausschlägt, verspricht das noch lange keinen Schatz, geschweige denn einen historisch wertvollen Fund. „Hauptsächlich gräbt man Müll aus“, sagt Hobby-Archäologe Michael Schwai­ger. Und an vielen Tagen findet man trotz stundenlanger Arbeit überhaupt nichts. Das hält den 39-Jährigen aber nicht davon ab, einen Großteil seiner Freizeit dem Wühlen in der Erde rund um seine Heimat zu widmen. Seit sechs Jahren ist der Denklinger vom Ausgrabungsvirus infiziert. Und hat auch schon Bedeutendes gefunden.

Michael Schwaiger kommt mit einer Pappschachtel. Darin sind, sorgsam eingewickelt und exakt beschriftet, einzelne Fundstücke. Ein ganzer Beutel voller Reichs­pfennige, „da hab ich ganze Gläser voll“, lacht der Hobby-Archäologe. „Für jede Münze hab ich ein Loch gebuddelt.“ Er hat auch andere Münzen entdeckt, zum Beispiel den Ulmer Stadtpfennig: eine Kupfermünze, gerade mal sieben Millimeter im Durchmesser, mit einem kleinen Bäumchen darauf. Daneben liegt eine Kaiser-Hadriansmünze. Die jeweils abgebildeten Profile der römischen Herrscher kann Schwaiger inzwischen identifizieren. „Die Nasen kennt man mit der Zeit.“ Auch „Piratengeld“ – eine Münze zu acht Reales, „Piece of Eight“ genannt – hat der Hobbyarchäologe in Denklingen gefunden: grob geformte Münzen mit unebener Oberfläche, die Spanien mit dem aus den Kolonien ausgebeuteten Silber prägen ließ, um das Edelmetall leichter transportieren zu können. Wohl eine der ersten globalen Währungen.

Der 39-Jährige, hauptberuflich Beamter, war schon mit zwölf von den Innereien des Bodens fasziniert. „Eine unserer Lehrerinnen ist mal mit uns nach Epfach zum Scherben-Ausgraben gegangen“, erinnert er sich. Geschichte habe ihn generell interessiert. „Mein Kumpel hatte einen Metalldetektor“, erinnert er sich. Was sein erster Fund war, weiß er nicht mehr genau. Wahrscheinlich Reichs­pfennige. Aber er hat damals auch eine französische Silber-Münze entdeckt, von 1785, zur Zeit Ludwig XVI. Und das, ohne zu graben: „Die lag im Lech, nahe am Ufer, das Wasser war nicht mal knietief.“

Nach der Schule sei die Leidenschaft aber eingeschlafen, erzählt Schwaiger. Erst kam die Schreiner-Lehre, dann ging er zwölf Jahre zum Bund als Zeitsoldat, anschließend die Berufsausbildung, Familie, der Job. Aber vor sechs Jahren hat er wieder Blut geleckt. Hat sich einen Metalldetektor gekauft, einen Spaten, Handschuhe. Und seinen ersten römischen Fund gemacht: die Hadrians-Münze.

„Ich gehe jetzt manchmal morgens raus, wenn ich Spätschicht habe, so zwei, drei Stunden.“ Oder eben, wenn er von der Arbeit nachhause kommt. Findet er etwas, muss er die Funde per GPS-Gerät samt Fundtiefe – maximal 20 bis 30 Zentimeter – genau lokalisieren, exakt bestimmen und letztendlich dem Landesamt für Denkmalschutz melden. Das trägt dann im Falle eines Falles den ‚roten Punkt‘ ein“. „Das dauert auch gerne mal ein, zwei Stunden.“ Nicht zu vergessen das Reinigen der Fundstücke. „Man sollte sich vorher gut überlegen, ob man sich so ein zeitaufwendiges Hobby und auch diese Bürokratie antut“, warnt Schwaiger.

Bisher geschieht das alles im Wohnzimmer, wo sich auch die Kisten mit den Fundstücken stapeln. „Aber demnächst richten wir für mich einen eigenen Raum her.“ Auch wenn sein Hobby viel Zeit in Anspruch nehme, sei es dennoch der perfekte Ausgleich zu seinem anstrengenden Job. „Und manchmal kommen auch meine zwei kleinen Kinder mit.“

Neben die Münzen legt der Familienvater auch eine Dolchspitze, die Bronze von Grünspan bedeckt. Das schadet der Bronze wenig. Weitaus schädlicher seien dagegen die Düngemittel der Landwirte, sagt Kreisheimatpfleger Dr. Bernd Steidl, der Schwaiger in seinem Hobby unterstützt. „Vor allem die künstlichen Dünger, aber zunehmend auch die Gülle.“ Es gebe Funde aus dem 19. Jahrhundert, bei denen glänze das Metall noch fast wie neu. Heute seien viele Materialien total verätzt.

Denklinger Bodenfund: Fibeln

Außer Münzen und Dolchspitzen hat Schwaiger auch mehrere Fibeln gefunden: Spangen oder Schnallen, mit denen beispielsweise Umhänge zusammengehalten wurden. Manche stammen aus dem ersten Jahrhundert vor Christus, andere aus späteren Zeiten. Teilweise sind sie fein ausgearbeitet: mit farbigen Emaille-Einlassungen, ins Metall eingeritzten Verzierungen, ausgeklügelten Verschlussmechanismen. Auf einer sind Del­phindarstellungen zu sehen, „mit Nadeln wurde hier wohl eine Scheibe aus Knochen aufgesteckt“, sagt Schwaiger und deutet auf ein kleines Loch.

Solche Funde sind eher Ausnahmen. „Nach jeder Fläche habe ich eine große Kiste mit Müll“, sagt der Hobby-Archäologe. Metall, Alufetzen, Kronkorken, Plastik. Den entsorgt er, natürlich getrennt. Die Denklinger Landwirte, denen der Grund gehört – und die Schwaiger vor jeder Grabung um Erlaubnis bittet –, sind ihm dafür dankbar. Und verzichten dafür auch gerne mal auf die in Bayern gültige Hadrianische Fundteilung: Der Landwirt hat laut dieser Regel ein Anrecht auf die Hälfte des Fundes. Die Denklinger Landwirte hätten aber nur selten dieses recht in Anspruch genommen, sagt Schwaiger. Gut für ihn, denn den Rest darf er behalten. Natürlich nur, wenn sich der rechtmäßige Eigentümer nicht mehr finden lässt, wie das vor Kurzem bei dem 30 Jahre verschollenen Ehering der Fall war (der KREISBOTE berichtete).

Wenn Schwaiger etwas ‚Herausragendes‘ entdeckt, muss er das einem Archäologen vorlegen. „Wie erst vor Kurzem bei einem Bronze-Dolch-Fragment von 1.200 vor Christus.“ Es zeigte sich, dass das Fundgebiet ein Grabhügelfeld ist. Das ist nun als Bodendenkmal eingetragen – und damit tabu für Hobbyarchäologen wie Schwaiger.

Eine Bronzene Speerspitze

Sein spannendster Fund sei die Entdeckung eines Brandopferplatz, sagt der 39-Jährige. Dort wurden Tiere geopfert, nachdem ihnen das Fleisch, der Torso entnommen war. Deshalb finde man an solchen Orten nur die Knochen der Tierköpfe und -füße. Funde, aus denen der Sachkundige lesen kann: „Für mich ist das der geschichtliche Wert meiner Ortschaft, meine Heimatgeschichte.“

Geschichte erschließen

In der Archäologie gehe es darum, Muster zu finden, erklärt Dr. Bernd Steidl. Wenn man zum Beispiel eine Münze auf einem Hügel finde, mit Tonscherben und einer Feuerstelle, könne man aus Parallelfunden mit ähnlichen Bedingungen Rückschlüsse auf das treffen, was an diesem Ort stattgefunden hat. Oder man entdecke mehrere Münzen entlang einer Linie – und könne so auf eine ehemalige Straße schließen. Steidl ist froh, dass es solche Hobby-Acrhäologen wie Schwaiger gibt: „Er ist hier so etwas wie ein Vorzeigesucher.“ Er erfasse Daten exakt, lokalisiere mittels GPS, dokumentiere den Fundort, fotografiere alles. Und seine Bestimmungen seien meistens richtig. „Er leistet hier etwas, was der Staat personell gar nicht leisten kann.“ Dennoch beurteile das Landesamt für Denkmalpflege Hobbyarchäologen kritisch: „Die sehen eben nur die schwarzen Schafe, nicht den wissenschaftlichen Gewinn.“

Wenn Schwaiger die Möglichkeit hätte und es zeitlich einrichten könnte, würde er gerne studieren. Provinzialrömische Archäologie oder Vor- und Frühgeschichte – die eher ‚erdverbundenen‘, kulturgeschichtlichen Sparten der Archäologie. Was er sich noch wünscht? „Ich würde gerne mal eine Goldmünze finden.“ Den glücklichen Landwirt, auf dessen Grund das geschieht, werde er dann gerne auszahlen.

Susanne Greiner

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