Die Weiterflucht unnötig machen

Der Landsberger Seenotretter Claus-Peter Reisch war mit LandsAid in den Camps um Izmir

Claus-Peter Reisch verteilt Lebensmittel in den „wilden“ Camps um Izmir.
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Claus-Peter Reisch verteilt Lebensmittel in den „wilden“ Camps um Izmir.
  • vonAndrea Schmelzle
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Landsberg/Kaufering – Schiffsführer, Seenotretter – engagiert aus Überzeugung. Dafür nimmt der Wahl-Landsberger Claus-Peter Reisch, bekannt als Ex-Lifeline-Kapitan, Hürden auf sich. Macht weiter, auch wenn es unbequem wird. Gerade erst ist er aus Izmir zurückgekehrt. Hier war er mit Sven Weber, dem Geschäftsführer der Kauferinger Hilfsorganisation LandsAid, um syrischen Geflüchteten in den umliegenden inoffiziellen Lagern zu helfen (der KREISBOTE berichtete). Mit Mitarbeitern der Partner-Organisation Drei Musketiere haben sie Lebensmittelpakete und Hygieneartikel verteilt. Nicht nur als Akuthilfe gegen den Hunger, sondern auch mit einem höheren Ziel: die Weiterflucht auf die griechischen Inseln zu vermeiden. Der KREISBOTE hat mit Claus-Peter Reisch gesprochen. 

Herr Reisch, wie kam es zu der Zusammenarbeit mit LandsAid?

„Im LandsAid-Weihnachtsbrief habe ich vom Türkei-Projekt gelesen. Das war für mich der Anknüpfungspunkt. Ich habe Kontakt zu Sven Weber aufgenommen und mir war schnell klar, dass ich hier unterstützen wollte. Gemeinsam haben wir überlegt, welchen Beitrag ich leisten kann. Und da ich Dinge gerne mit meinen Augen sehe, damit ich später authentisch darüber berichten kann, habe ich mich entschlossen, mit LandsAid in die Türkei zu reisen.“

Warum hat Sie gerade das Türkei-Projekt überzeugt?

„Das Thema Fluchtursachenbekämpfung ist mir sehr wichtig. Auch in meinen Vorträgen referiere ich darüber. Man muss schauen, dass man den Ursachen der Flucht so nahe wie möglich kommt und einen Beitrag leistet, dass die Menschen sich nicht auf die oft tödlich endende Reise übers Meer begeben. LandsAid und die Drei Musketiere setzen genau hier an. Ich empfinde es als höchst sinnvoll, was die Organisationen machen: zum einen bisher 700 – in den Sommermonaten nochmals circa 1.500 – Familien, mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln zu versorgen. Zum anderen den Menschen durch ein langfristiges Weiterbildungsprojekt berufliche Perspektiven zu verschaffen.“

Wie sieht es in den Camps aus?

„Die wenigsten verfügen über eine Versorgung mit Wasser, zum Teil haben sie nicht mal Kanalisation. Dadurch herrschen katastrophale hygienische Verhältnisse. Die Zelte sind notdürftig aus Ästen oder Holzstangen aufgebaut und mit Plastikplanen überzogen. Sie sind kaum eingerichtet, nur ein Teppich und ein paar Matratzen liegen auf dem Boden. Mehr besitzen die Geflüchteten nicht. Manchmal steht ein Kanonenofen im Zelt, dessen Kamin durch die Plastikplane nach außen führt. Da braucht man sich nicht zu wundern, dass so ein Zelt schon mal abbrennt. Bei starkem Regen steht das Lager komplett unter Wasser und die Zelte versinken im Schlamm. Umstände, die es verständlich machen, nicht bleiben zu wollen.“

Und die Menschen machen sich auf die Überfahrt. Aber wie?

„Vor Ort verschaffen Schlepper den Geflüchteten ein Schlauchboot, damit sie die vermeintlich kurze Reise von acht Meilen zurücklegen können. Ein paar Meilen sind nicht die Welt, meint man, und man kann sogar von Cesma nach Chios rüberschauen. Aber viele Geflüchtete können nicht schwimmen – und Schwimmwesten sind nicht vorhanden. So endet die Fahrt übers Meer in diesen untauglichen Booten leider oft in einer tödlichen Katastrophe.“

Was passiert, wenn die Überfahrt gelingt?

„Die Zustände der Lager auf den griechischen Inseln kennt man ja zur Genüge aus den Medien. Es erwartet sie dort nichts Besseres als in der Türkei, im Gegenteil. Sie werden auf den Inseln kaserniert, es fehlt ihnen die Freiheit, sich fortzubewegen. Die Weiterreise aufs griechische Festland wird meist verwehrt. Die Menschen sitzen hier zum Teil über Jahre fest, es gibt für sie weder ein Vor noch ein Zurück.“

Können Sie sich vorstellen, nochmal als Kapitän und Seenotretter auf ein Schiff zu gehen?

„Ja, auf jeden Fall. Der ‚Mission Lifeline‘-Prozess in Malta ist abgeschlossen – ich habe letztlich mit einem Freispruch Recht bekommen. Es läuft jedoch noch ein weiterer Strafbefehl über 300.000 Euro. Mit meinem Schiff ‚Eleonore‘ bin ich im September 2019 mit 104 geretteten Flüchtlingen nach sieben Tagen Fahrt und einem starken Gewitter entgegen der Anweisung der Behörden im Hafen von Pozallo eingelaufen. Aber ich lasse mich von so etwas nicht einschüchtern. Wenn sich jeder durch Willkür kleinkriegen lässt, würde das jedes zivilgesellschaftliches Engagement verhindern. Man muss für seine Werte geradestehen. Daher würde ich es wieder machen. Als genauso wichtig empfinde ich es aber, der Seenotrettung zuvorzukommen, Fluchtursachen zu ergründen und zu bekämpfen.“

Was kann der Einzelne Ihrer Meinung nach hier tun?

„Im Syrien-Kontext konkret vermutlich relativ wenig. Hier hat man auf die Fluchtursache als kleiner Mann keinen Einfluss. Aber grundsätzlich kann man etwas tun: zum Beispiel bewusst Ware aus Ländern einkaufen, aus denen die Menschen fliehen. Ich unterstütze zum Beispiel das Projekt der fairafric-Schokolade. Hier geht es darum, dass die Wertschöpfungskette im Erzeugerland – in dem Fall in Ghana – bleibt. Dadurch werden qualifizierte Arbeitsplätze für die Menschen geschaffen. Von diesen Familien wird sich niemand auf den Weg nach Europa machen. Und das sollte das Ziel sein. Die Menschen aus ihrer Abhängigkeit herauszuholen und ihnen eine Chance zu geben, sich selber zu entwickeln. Ich nutze die Publicity der Seenotrettung, um neue Projekte anzukurbeln. Dadurch entsteht ein Mehrwert und man kann auf anderen Ebenen etwas erreichen. Jeder kann Organisationen wie fairafric, LandsAid oder die Drei Musketiere unterstützen, um etwas zu bewirken. Man muss sich klar sein: Wenn diese Organisationen kein Geld bekommen, können sie vor Ort auch nichts kaufen. Und damit nicht mehr helfen. So einfach ist das.“

Was ist die Motivation für Ihr großes Engagement?

„Man kann nicht wie die Maus vor der Schlange sitzen – sondern muss einfach etwas tun. Mir geht es gut. Wer in Europa lebt, ist doch ohnehin auf der Sonnenseite im Vergleich zu anderen Kontinenten. Meine Reisen, insbesondere die in die Dritte Welt, haben es mir ermöglicht, auch über den Tellerrand zu schauen: zu sehen, dass es uns hier unglaublich gut geht, zum Teil jedoch auf Kosten anderer.

Ich denke, dass es für jeden wichtig ist, sich zu engagieren. Diese extreme, unverschuldete Not, die in den Camps herrscht, berührt mich. Und bringt mich dazu, an der Stelle etwas verbessern zu wollen. Jeder kann einen kleinen Beitrag leisten, jede finanzielle Unterstützung ist wichtig. Ein Lebensmittelpaket kostet 15 Euro und reicht im Schnitt für vier Personen zwei Wochen lang. Da muss man nicht gleich selber ‚die Schaufel in die Hand nehmen‘.“

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