Wenn Mobilität zur Sünde wird

Der Staat will weniger Autoverkehr - Stadt und Kreis bieten keine Lösung

Parkplätze mit mit Lademöglichkeit für E-Autos in Tiefgarage
+
Mehr Lademöglichkeiten für E-Autos anzubieten steht für Berthold Lesch von LENA an vorderster Stelle, um die E-Mobilität zu fördern. Der Ladeplatz sollte allerdings kostenlos sein. Laden wie hier in der Lechgarage geht hingegen nur, wenn man die Parkgebühr entrichtet.
  • Werner Lauff
    VonWerner Lauff
    schließen

Landkreis – Der Staat greift durch. Er will Individualverkehr und Staus reduzieren, den Verbrauch fossiler Brennstoffe begrenzen, die Auto­industrie zur Innovation anhalten und mehr Luftqualität in Innenstädten erreichen. Das alles ist legitim und zum Teil auch verfassungsrechtlich gefordert. Aber es bedarf flankierender Maßnahmen der Städte und Landkreise: Gut organisierter öffentlicher Personennahverkehr, ein attraktives Radwegenetz samt begleitender Infrastruktur, Bahnhöfe ohne Parkplatzsuche, passende Takte und Tarife. Da viele Maßnahmen Jahre bis zur Umsetzung brauchen, wird es höchste Zeit, sie zu beschließen. Sonst manövrieren Kreis und Stadt die Landsberger in die Klimafalle. Dann wird Mobilität zur Sünde, für die man sich rechtfertigen muss.

Am selben Tag, an dem dieser Artikel entsteht, gibt es eine interessante Nachricht aus Frankreich. Die dortige Regierung hat die Bahngesellschaften SNCF und RER verpflichtet, bis zum Jahr 2024 an allen Bahnhöfen Fahrradständer zu errichten. Zum Beispiel 1.000 in Lyon, 1.000 in Straßburg, 880 in Bordeaux. Nicht irgendwelche Abstellplätze, sondern solche, die überdacht, beleuchtet und mit einer Schließanlage versehen sind. Die Meldung verdeutlicht gleich drei Aspekte: Maßnahmen zur „modalen“ Verlagerung der Mobilität, etwa vom Pkw aufs Fahrrad, brauchen eine lange Vorbereitungszeit. Dabei muss etwaigen Beschränkungen eine Leistung vorausgehen, so dass praktikable Alternativen vorhanden sind. Und diese Leistung muss eine bestimmte Qualität haben, weil sie sonst nicht akzeptiert wird.

Man könnte das Vorgehen der Regierung Macron als Blaupause nehmen. Wer möchte, dass Bürger vom Auto auf den Bus umsteigen, der muss früh über neue Linien, neue Takte und neue Tarife sprechen und dafür sorgen, dass die Entscheidung für den Bus im Vergleich zum Auto clever, bequem, kostengünstig und zeitsparend ist. Am besten wäre, ein einfach zu verstehendes, fahrplanloses Bussystem einzurichten, das gleichermaßen für Bürger, Pendler und Besucher geeignet ist und bei dem man nicht dauernd am Ticketautomaten steht. So etwas muss sorgfältig geplant werden, und zwar jetzt, nicht erst, wenn aktuelle Verträge mit den Busunternehmen auslaufen.

Einer derjenigen, die das früh verstanden haben, ist der Vorsitzende der Landsberger Energie Agentur, Berthold Lesch. Seit 2014 berät der eingetragene Verein Gemeinden und Bürger ehrenamtlich, wie sie zur Energie­wende beitragen können. Aktuell initiieren er und seine Mitstreiter einen „auto­freien Sonntag“ (lesen Sie mehr dazu auf Seite 3). Leschs Motto ist deutlich: „Über das Klima in 50 Jahren entscheiden wir jetzt. Unsere Nachfolgegenerationen werden es nicht mehr entscheiden können.“.

Deswegen betont der frühere CSU-Stadtrat im Gespräch mit dem KREISBOTEN auch, dass man „jetzt“ unter Einhaltung der vereinbarten finanziellen Bedingungen mit den beauftragten Busunternehmen über neue Strecken und Tarife verhandeln müsse. Er könne sich beispielsweise in Landsberg als erste Maßnahme einen Ein-Euro-Tagestarif vorstellen. Dass damit weniger Geld in die Kasse komme, sei noch gar nicht so sicher. „Als Ortsgespräche getaktet wurden, hat sich jeder überlegt, ob er das Telefonat jetzt führt, auf eine tarifmäßig günstigere Zeit verschiebt oder ganz darauf verzichtet. Heute telefoniert jeder flat, wann und solange er will. So etwas müssen wir auch beim Nahverkehr erreichen“, sagt Lesch, „mehr Fahrgäste wiegen geringere Preise auf“. Aber notfalls koste es die öffentliche Hand halt mehr. Wenn die Busverträge auslaufen und 2028 neu zu verhandeln sind, dürfe es selbstverständlich nur noch Elektrobusse geben. Dann brauche man auch ein völlig neues Streckennetz, eine längere Abdeckung sowie Busverkehr an Samstagen und Sonntagen.

Sechs Tonnen CO2

Dass man nicht mehr warten kann, verdeutlicht auch diese Zahl: Der Landkreis muss in sieben Jahren sechs Tonnen CO2 reduzieren. Das ist ein großes Stück mehr als die bisherigen zwei Tonnen in sieben Jahren. Wenn er dabei nicht alsbald Fortschritte erzielt, manövriert er seine Bürger in Sachen Mobi­lität in eine Falle. Wenn man das Autofahren bundesweit immens verteuert und zudem noch diskreditiert, die praktikable lokale Alternative aber fehlt, führt das zur unsozialen Teilung. Wer beruflich fährt, steht immer noch recht gut da. Wer aber nicht mehr zwingend fahren muss, jedoch soziale Kontakte sucht, am Kulturleben teilhaben will oder seine Einkäufe nicht mehr schleppen möchte, gerät in Rechtfertigungszwang.

„Wir müssen an jeder Stellschraube drehen“, sagt Lesch. „Wer E-Mobilität will, muss Ladesäulen schaffen“; dazu sollte die Stadt Parkplätze umwidmen und kostenlos zur Verfügung stellen. Nur wer die Angst verliert, stromlos stehen zu bleiben, wagt den Schritt zu reiner Elektrik. Wichtige Maßnahmen seien auch der inzwischen vorgestellte Bahnhofsumbau in Kaufering und der Bau eines Parkhauses auf der Südseite. Jedenfalls dann, wenn es jetzt nicht einen Mega-Trend in Sachen „Remote Office“ gibt und viele Parkplätze leer bleiben. Tatsächlich hat der Bahnhofsumbau in Buchloe sogar zu einer höheren Nachfrage nach Wohnraum geführt. Gute Bahnhöfe scheinen magnetische Wirkung zu haben.

Nächstes Thema: Radwege. Viele Radwege in Landsberg erfüllen, obwohl sie abgegrenzt sind, nicht die Mindestabstände zu Pkw und Lkw. „Wir müssen erreichen, dass die Leute gerne und sicher aufs Fahrrad umsteigen“. Und dazu zählten eben auch an definierten Übergängen zur Bahn und zum Bus ausreichend große, beleuchtete und überdachte Abstellplätze mit Abschließmöglichkeit. Lesch und Macron verfolgen das gleiche Konzept, stellen wir fest. Klar: Weil das Problem überall das Gleiche ist und die Lösung jetzt erfolgen muss, weil sie Vorlauf braucht.

Pläne in Arbeit

Zugegeben: Die Stadt Landsberg arbeitet an einem neuen Flächennutzungsplan, einem Verkehrsentwicklungsplan und einem Radwegeplan. Aber das macht sie schon ganz lange und es liegen noch keine Vorschläge auf dem Tisch, geschweige denn, dass sie in ein Zeit- und Kostenraster eingebettet wären. In diesem Bereich ist auch noch nicht einmal ein Hauch von Bürgerbeteiligung in Sicht.

An vielen Stellen gibt es aber ganz erheblichen Änderungsbedarf, vor allem auf der Augsburger Straße stadtauswärts, der Breslauer Straße und an den Dreiecken auf der zentralen Achse von Kaufering zum Landsberger Süden. Völlig ungelöst ist die Radthematik an der Neuen Bergstraße. Dort hat man nur bergab für etwas mehr Sicherheit gesorgt. Die Liste der gefährlichen Stellen erstreckt sich aber nicht nur auf Hauptstraßen. Generell gilt: Im eigenen Viertel kennen Radler die Wege und wissen, worauf sie aufpassen müssen. Es muss halt gelingen, Bus und Radverkehr zu kombinieren. Das ist im großen und höhenmäßig getrennten Landsberg die einzige praktikable Lösung. Kurzstrecke: Fahrrad. Langstrecke: Fahrrad und Bus.

Eine Möglichkeit zu einer kurzfristig wirksamen Regelung wäre jedoch, viel mehr Tempo 30-Zonen einzuführen; diese Option soll ab 2022 bundesgesetzlich erleichtert werden. Denn bei Tempo 30 stellt sich das Problem fehlender oder zu enger Radwege nicht mehr – dann können Radler meist auf der Straße fahren. Aber ist es legitim, dass das eine Verkehrsmittel das andere verdrängt und nahezu unwirksam macht? Pendler müssen pendeln, Lieferanten liefern, Handwerker mit Transportern zur Baustelle fahren – was wären eigentlich die gesamtwirtschaftlichen Kosten von nahezu flächendeckenden Tempo 30-Zonen? Auch hier wird deutlich: Nur wenn die Wende jetzt eingeleitet wird, ist sie für alle Seiten akzeptabel regelbar. Ad hoc kommt wohl nur etwas Leidvolles heraus.

Schnell handeln

Mobilität, der Schwerpunkt in diesem Beitrag, macht nur ein Viertel der gesamten Klimathematik aus. Die Hälfte des Gesamtenergieverbrauchs entfällt auf die fossile Wärmeerzeugung, die es zu ersetzen gilt. Das geht nur dadurch, dass man Öl und Gas durch Holz und Strom ersetzt. Das Holz der Wälder wird aber auch gebraucht, um CO2 zu speichern. Deswegen müssen Bauherren Photovoltaik-Anlagen schaffen. Die Kommunen müssen Freiflächen identifizieren. Und das Thema Windräder wird im Landkreis wohl ebenfalls an Bedeutung zunehmen.

Wer in Sachen Mobilität früh überzeugende Lösungen präsentiert, wird es nachher leichter haben, wenn es um die anderen Einschränkungen geht. Das Schlimmste, was Stadt und Landkreis Landsberg passieren kann, ist eine Fundamental-Opposition gegen Klimapolitik. Auch das ist ein Motiv zu schnellem und abge­wogenem Handeln.

Zukunft Landsberg

KREISBOTE-Autor Werner Lauff fragt: Wie gehen wir vor Ort mit vier Herausforderungen um, die in Deutschland besonders virulent sind? Wie steht es in der Lechstadt um den digitalen Wandel, adäquates Wohnen, klimaneutrale Mobilität und demokratische Teilhabe? Heute: klimaneutrale Mobilität.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mehrere Schüler positiv getestet
Landsberg
Mehrere Schüler positiv getestet
Mehrere Schüler positiv getestet
Kultursommer am Lech startete am Freitag mit Adi Hauke
Landsberg
Kultursommer am Lech startete am Freitag mit Adi Hauke
Kultursommer am Lech startete am Freitag mit Adi Hauke
Neue Adresse für Sushi-Liebhaber: SHIRO Sushi in der Landsberger Katharinenstraße
Landsberg
Neue Adresse für Sushi-Liebhaber: SHIRO Sushi in der Landsberger Katharinenstraße
Neue Adresse für Sushi-Liebhaber: SHIRO Sushi in der Landsberger Katharinenstraße
Der neue Leiter der Dießener Albert-Teuto-Bücherei
Landsberg
Der neue Leiter der Dießener Albert-Teuto-Bücherei
Der neue Leiter der Dießener Albert-Teuto-Bücherei

Kommentare