"162 Ways to Die"

Geschichte vermitteln: preisgekrönte Medien-Installation fürs Stadtmuseum

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Die Interaction-Designer Michael Ognew, Georg Reil (1. und 2. von links) und Kelvyn Marte (sitzend – gefehlt haben Robi Hammerle und Anna Levandovska) erläutern Stadtmuseumsleiterin Sonia Fischer und Clemens Brodkorb, Archivar der Deutschen Jesuitenprovinz München, ihre interaktive Installation zu den auf den Jesuitentafeln abgebildeten Einzelschicksalen.

Landsberg – Es sieht aus wie Spielzeug. Aber es ist viel mehr: eine geniale Idee, wie Geschichten aus vergangenen Jahrhunderten mit den heutigen Medien erzählt werden können. Die interaktive Installation „162 Ways to Die“ erzählt die Geschichte der Jesuiten-Missionare – oder besser: die Art ihres Todes. Denn die wurde auf den Jesuitentafeln aus dem Jahr 1700 festgehalten, die zum Bestand des Stadtmuseums Landsberg gehören. Und weil die Idee der fünf Entwickler so ‚catchy‘ ist, haben sie beim bundesweiten Kultur-Hackaton ‚Coding da Vinci‘ gleich zwei Preise abgeräumt: den für den ‚funniest hack‘. Und den ‚everybody‘s darling‘.

Der Holzrahmen erinnert an ein gotisches Kirchenfenster. In seiner ‚Scheibe‘ zu lesen: „Schicke einen Jesuiten auf die Reise.“ Das funktioniert, indem man eine der schlichten Holzfiguren – man denkt an ‚Mensch ärgere-dich-nicht‘ – in die Aussparung des halbrunden ‚Fenstersimses‘ stellt. Und die mittels Platine am Fuß einen Film auf dem Fenster-Monitor über Mission und Tod der Figur startet. Denn jedes Holzmännchen verkörpert einen Missionar.

Die in dem Projekt erzählten Schicksale stammen von den Jesuitentafeln, zwei davon im Bestand des Stadtmuseums: pro Tafel 28 Kupferstiche in vier Reihen à sieben Bildern. Zu sehen waren sie in ‚Die Jesuitenmission in China‘ und ‚Demoversion Stadtmuseum‘. Schon da zog die teilweise blutrünstige Darstellung der Todesarten Aufmerksamkeit auf sich.

Die umfangreiche und herausfordernde Arbeit, die Daten über die Missions-Jesuiten für den Kultur-Hackaton ‚Coding Da Vinci‘ präsentabel und vor allem ansprechend aufzuarbeiten, hatte die wissenschaftliche Stadtmuseums-Mitarbeiterin Anna Leiter. Zu den in den Stichen enthaltenen Daten wie Name, Herkunft und Sterbeort kamen noch Metadaten aus Mathias Tanners Wälzer von 1683. Und vier weitere Tafeln als Leihgaben der Deutschen Jesuitenprovinz München. Von 162 Figuren hat Leiter die Daten aufgearbeitet – eben „162 Ways to Die“.

Mit den Daten im Gepäck ging Leiter zum Kick-Off von ‚Coding Da Vinci‘ für Süddeutschland: ein Kultur-Hackaton, bei dem Programmierer und Vertreter von Museen aufeinandertreffen, um Möglichkeiten zu erkunden, wie Museumswissen medial vermittelt werden kann. Anwesend waren 30 Kultureinrichtungen. Zum Beispiel das Deutsche Museum, die Bayerische Staatsgemäldesammlung, das Landesmuseum Württemberg. Und Anna Leiter vom Stadtmuseum mit den Jesuiten im Gepäck.

„Der Hackaton ist für uns wie eine offene Spielwiese“, beschreibt Interaction-Designer Georg Reil, sonst eher für Automobilfirmen tätig. „Auf dem Kick-Off war alles hektisch, Information-Overload. Aber Anna hat die Daten klasse präsentiert. Und sie war super vorbereitet.“ Wohlgemerkt: Es ist Leiter gelungen, die fünf Designer in nur einer Minute zu überzeugen. Denn mehr Zeit zur Vorstellung gab es nicht. „Uns hat auch die leicht skurrile Note des Projektes gereizt“, gibt Reil zu. „Viel Tod, alles ein bisschen schräg. Und außerdem war Landsberg in gewisser Weise auch der sympathische Underdog.“

Die Herausforderung des Projekts wurde dem Fünfer-Team im Sprint, der sechswöchigen Projektentwicklungsphase, deutlich. Wie das Thema verpacken? Einerseits mit Humor und Leichtigkeit, andererseits ohne dem Jesuitenorden auf die Füße zu treten – ein Balanceakt zwischen Schmunzeln und Ernst. „Wir wollten nicht, dass das ins Lächerliche gezogen wird“, beschreibt Museumsleiterin Sonia Fischer anfängliche Sorgen. „Aber uns gefällt die schlichte Umsetzung mit dem leichten Humoreinfall sehr, sehr gut.“

Schlichtes Design, das überzeugt: die Holzfigur symbolisiert einen Jesuiten-Missionar, dessen Geschichte in einer Minute akustisch und visuell erzählt wird.

Am Anfang hätten sie alle Details darstellen wollen, erzählt Michael Ognew: die Reise des Missionars und auch die Todesart. „Aber dann haben wir gemerkt, dass das zu brutal wird. Dass wir lieber aufs Kopfkino setzen wollen.“ Herausgekommen ist eine zurückhaltend animierte Darstellung, pro parallel vorgelesener Lebensgeschichte eine Minute lang, am Ende erscheint der originale Kupferstich. Antonius Iscias Japanreise begleitet ein Kirschblütenbaum, in einer Klosterzelle brennt eine Kerze herunter, Indien grüßt mit Elefantensound, Rom per Petersdomgeläut. Dann kommt der Tod – und die Holzfigur hüpft aus ihrem Standpunkt heraus. Ein Moment, bei dem auch das Publikum beim ‚Coding Da Vinci‘ unweigerlich lachen musste. Und der die Liebenswürdigkeit des Projekts deutlich macht.

Die „162 Ways to Die“ werden die Dauerausstellung des Stadtmuseums beim Schwerpunkt „Jesuiten“ bereichern. Aber vielleicht wäre auch eine vom Museumsbudget finanzierte online-Entwicklung des ‚Spiels‘ möglich, so Fischer. Auch insgesamt setzt das Stadtmuseum auf Open Data: „Man kann heute nicht mehr erwarten, dass jeder ins Museum geht. Wir müssen unsere Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen“, ist Fischer überzeugt. Eine sicher notwendige Maßnahme. Und wenn dabei so ungemein inspirierende Projekte wie „162 Ways to Die“ herauskommen – was will man mehr?

Susanne Greiner

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