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Verdrängen und Verschweigen: Diskussion im Stadttheater

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Von: Andrea Schmelzle

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Alexandra Senfft bei Diskussion im Stadttheater Landsberg
Auch Autorin Alexandra Senfft nahm bei der Diskussion zur Erinnerungskultur mit Wolfgang Hauck (links) und Manfred Deiler im Stadttheater teil. © Conny Kurz

Landsberg – Anlässlich der Ausstellung „Set the Night on Fire“ von dieKunstBauStelle, die noch bis zum 9. Oktober auf dem Infanterieplatz zu sehen ist, initiierte Vereinsvorsitzender Wolfgang Hauck vergangene Woche im Foyer des Stadttheaters eine Diskussionsrunde: Mit Autorin Alexandra Senfft und Manfred Deiler, Präsident der Europäischen Holocaustgedenkstätte Stiftung, sprach er vor einem 40-köpfigen Publikum über Erinnerungskultur und Geschichtsbewusstsein – und über das Verdrängen, Vergessen und Verschweigen. 

Anlass von Ausstellung und Dialog war ein Jubiläum: Vor 85 Jahren, am 19. September 1937, zogen rund 1.600 Hitlerjungen aus ganz Deutschland nach Landsberg, zum Abschluss und Höhepunkt des „Adolf-Hitler-Bekenntnismarsches“, erläutert Hauck. Noch auf dem Hauptplatz wurde Landsberg vom Reichsjugendführer zur „Stadt der Jugend“ ernannt und baute damit den schon durch die ‚Hitlerzelle‘ bestehenden Status als „Wallfahrtsort des Nationalsozialismus“ aus. 85 Jahre später sei dieses Ereignis aus dem kollektiven Bewusstsein der Öffentlichkeit verdrängt, so Hauck.

Zu dieser Erkenntnis seien auch zwei Praktikantinnen der dieKunstBauStelle gekommen: Für ein Projekt hatten sie Quellen und Materialien geordnet – und erstmalig etwas von den Märschen nach Landsberg erfahren. „Sie waren erschrocken und irritiert, wie nah die Geschichte des Nationalsozialismus plötzlich war“, so Hauck. Nach Umfragen in der Stadt seien sie mit der ernüchternden Erkenntnis zurückgekehrt: Es gebe kaum ein Bewusstsein darüber, was der Titel „Stadt der Jugend“ bedeutet.

Um diese Wissenslücke aufzufüllen, habe man die Idee für ein Informations-Angebot mit einer Ausstellung im öffentlichen Raum verfolgt. Im Nachgang sollte ein öffentliche Austausch stattfinden. Damit werde ein für Landsberg bedeutendes Thema 29 Jahre nach ersten Veröffentlichungen wieder aufgegriffen.

Hauck lud Autorin Senfft ein, die sich unter anderem mit den intergenerationellen Folgen des Holocaust beschäftigt. Als Enkelin eines NS-Kriegsverbrechers, mitverantwortlich für die Deportation und die Ermordung der slowakischen Juden und 1947 als Kriegsverbrecher erhängt, arbeite sie in ihrem Buch „Schweigen tut weh“ ihre eigene Geschichte auf. In ihrer Familie sei keine Erinnerungskultur betrieben worden – im Familiengedächtnis lediglich ein geschöntes Bild dieses NS-Verbrechers vorzufinden.

Verdrängung sei menschlich, aber auch gefährlich, weil man dadurch die Erinnerung abspalte. „Solange wir aber emotional nicht an uns heranlassen, dass ein Teil unserer Verwandten an den Massenmorden beteiligt war, können wir solche Vorgänge nicht verstehen“, meint Senfft. Sie sehe das kollektive Gedächtnis wie eine Zwiebel: „Es fängt bei mir an, der nächste Zwiebelring ist die Familie, dann die Gesellschaft.“ Alles hänge zusammen. Um diese Muster zu durchschauen, helfe Information und Dialog – im Gegensatz zu verschweigen, verdrängen oder gar lügen.

Abwehr und Angst?

Deiler, dessen Bezug eher die Stadt Landsberg als seine Heimatstadt sei, beschäftigt sich mit dem Thema seit 1989 – da habe es noch nahezu keine Publikationen zur Landsberger NS-Geschichte gegeben: „Eine Stadt, in der nichts passiert ist“, hätten seine Eltern gesagt. Aber er sei neugierig gewesen und immer weiter in das Thema hineingeschlittert. Jede Erinnerungskultur sei eine gesamtgesellschaftliche Angelegenheit und werde ins kollektive Gedächtnis überführt, meint er. Dabei dürfe sie jedoch nicht institutionalisiert oder politisch genutzt werden.

In den letzten 32 Jahren hätten „alle Bescheid gewusst, aber nicht darüber geredet“ – vielleicht aus einer Abwehrhaltung oder auch Ängsten heraus. Gerade in einer Kleinstadt gelte der, der das Schweigen bricht, oft als Nestbeschmutzer und laufe Gefahr, aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. „In diesem Denken kommen wir nicht weiter“, meint Deiler. „Wir müssen uns emotional stellen, sonst bleiben wir stehen.“ Das müsse die kommende Generation, unter anderem durch „entdeckendes Lernen“ und „gemeinsame Aufarbeitung“ beherzigen. Dabei komme es nicht auf ein „Vollstopfen mit Wissen an“, ergänzt Hauck, sondern es müsse ein „Methodenaustausch der Entwicklung“ sein, in dem es stets auch darum gehe, Empathie aufzubauen.

Man sollte gerade im Zuge des Wiederaufblühens rechten Gedankenguts für die Demokratie kämpfen, betont Senfft. Dafür müsse man reflektieren, Dialoge führen. Aber vorab: sich erinnern. „Ein Dialog als Prozess ist die stärkste Methode der Aufarbeitung, die wir haben“, sagt Hauck. Keine Ausstellungstafel, kein Audiowalk erreiche diese Intensität. Man müsse auch darüber sprechen, wie die Stadt vom Wallfahrtsortstatus profitiert habe – und warum darüber nicht gesprochen wird.

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