Ausstellung im studioRose: Yorck Dertinger 

Die 99 Schondorfer – ein »Dorfporträt«

Fotograf Yorck Dertinger (rechts)
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Fotograf Yorck Dertinger (rechts) bei der Eröffnung seiner Ausstellung „Dorfporträt“ im studiRose mit Schondorfs Bürgermeister Alexander Herrmann.

Schondorf – Stell dir vor, du betrittst einen leeren Raum – und 99 Augenpaare mustern dich. Alte Menschen, deren Weisheit aus den Falten schimmert, junge, glatte Gesichter, deren Haut das Leben erst noch prägen wird. Keiner von ihnen lächelt. Und alle sind in schwarz-weiß. Der Fotograf Yorck Dertinger hat ein Porträt seiner Heimat erstellt: ein „Dorfporträt“, Schondorf als Puzzle aus 99 Bewohnern, arm und reich, alt und jung, hier geboren oder eingewandert – genau so, wie es der Zensus für die Ammerseegemeinde sagt. Seit Freitagabend kann man den 99 in die Augen sehen – und sich ihren Blicken aussetzen.

Dertingers Absicht: den Ort ins Atelier holen, das, was von der Straße hereinschwappt, einsaugen. Die Kunst des jeweiligen Artist in Residence in Schondorfs „Villa minimo“ soll ja mit dem Ort zu tun haben, betont Bürgermeister Alexander Herrmann bei der Eröffnung. Deshalb startet Dertinger im Oktober 2020 einen Aufruf: „Schondorf sucht den Durchschnittsbürger.“ Sein Fotostudio hat er im benachbarten atelierRose eingerichtet, durch dessen großes Nordfenster Tageslicht strömt. „Die Porträts sind alle ohne Beleuchtung entstanden“, sagt der Fotograf. Da die Menschen zu unterschiedlichen Tageszeiten fotografiert wurden, ist der Hintergrund deshalb beim einen dunkler, beim anderen heller – aber immer gleichmäßig: Damit nichts den Blick vom Eigentlichen ablenkt. Bearbeitet sind die Bilder nicht. Keine Falte geglättet, keine Unebenheit retuschiert – ein Kontra dem ‚Insta-Zeitgeist‘ und ‚Filter-Hype‘.

„In den ersten Tagen nach dem Aufruf kam natürlich niemand“, erzählt Dertinger. Als der vor fünf Jahren nach Deutschland geflüchtete und inzwischen für die Gemeinde arbeitende Äthiopier Mehavi die Straße vor dem Atelier reinigt, fragt Dertinger ihn, ob er nicht mitmachen will – und hat seinen ersten „Schondorfer“. Bis Ende Dezember folgen 351 weitere. „Die Türe stand immer offen“, aber viele spricht Dertinger auch direkt an – „alle, die zum Supermarkt gehen, laufen zum Glück hier vorbei.“ Mit jedem redet er, um ihn einordnen zu können. Denn er muss 253 aussortieren: „Die Arbeit war von vorneherein auf exakt 99 konzipiert.“ Weil es ein „Dorfporträt“ sein soll, erfolgt die Auswahl streng nach dem Zensus. Das Alter und das Geschlecht wird berücksichtigt, der soziale Status samt Beruf und Vermögen, die Herkunft natürlich, aber auch, wie lange derjenige schon in Schondorf wohnt. „Es sind ein paar dabei, die erst zwei Wochen hier leben“, sagt Dertinger.

Für den Fotografen ist das Projekt „eine Art Zeitkapsel als Geschenk an Schondorf, ein Herzensprojekt“. Denn als er vor 14 Jahren hierherkam, habe er schon nach der ersten Nacht gewusst: „Hier will ich sterben.“ Den 99 Schondorfern könne man auf den leicht überlebensgroßen Porträts nahekommen, näher, als es in natura möglich ist. Und so vieles sehen, was man sonst nicht wahrnehmen kann. Auch die Träume der Porträtierten.

Ein Lieblingsbild hat Dertinger nicht. „Es sind alles Charaktere. Eigentlich erstaunlich, dass so viele unterschiedliche Menschen auf so engem Raum miteinander leben.“ Er erzählt von Frau Engels – mit ihrem von der Zeit gezeichneten Gesicht unter der Wollmütze eines der ‚sprechendsten‘ Gesichter –, die mit der ersten Zuwanderungswelle ins Dorf kam, auch deren Enkel hat er fotografiert. Da ist sein Nachbar Carsten, der mit 84 das Rauchen angefangen hat, „der glücklichste Mensch, den ich kenne“. Dertinger erzählt von den Kindern: „Bei einigen sieht man, wie sie in einigen Jahren aussehen werden“, weil sie nicht lachen, keine Faxen machen, ‚nur‘ in die Kamera schauen. Da ist der Gemüsegarten-Initiator, Kinder, Rentner, Anwälte, Landwirte, „alles einzelne Geschichten eines Dorfes“. Es ist ganz deutlich: Zu jedem Bild hat der Fotograf eine Beziehung. Oder anders ausgedrückt: „Eigentlich finde ich jeden einzelnen toll.“

Bitte nicht lächeln!

Auch die Porträtierten mögen sich auf den Bildern – etwas, das bei Fotos eher selten der Fall ist. „Das Schwierigste war nicht zu lächeln, sondern einfach nur entspannt zu sein“, sagt Eventmanagerin Anke Neudel. Dertinger habe mit ihr geredet, Anweisungen gegeben, „es ging total schnell“. Auch Bürgermeister Herrmann war zügig ‚im Kasten‘, erzählt er. „Mir gefällt das Bild total.“ So wie auch das ganze Projekt: „Das ist ein Zeitdokument für Schondorf. Die Idee, nach dem Zensus auszuwählen, ist klasse.“ Gerne hätte er alle 352 Porträtierten in dem parallel entstandenem Buch gehabt. „Aber das künstlerische Konzept sah nur 99 vor.“ Die Stimmung im Ausstellungsraum gefällt ihm. Er habe vor Kurzem hier ein Paar verheiratet. Die wollten eigentlich keine Trauzeugen. „Aber diese 99 haben ihnen gefallen.“

Bürgermeister Alexander Herrmann ist einer der Porträtierten.

Auch Schondorf-Blogger Leopold Ploner mag die Atmosphäre im ‚Beobachtungsraum‘. Er stand ebenfalls vor Dertingers Linse, ist aber einer der 253 Weggefallenen. Was ihm absolut nichts ausmacht, sein Foto sei perfekt. Dertingers Porträts sieht er als unverstellt, direkt, aber offen. „Normalerweise ist das ja etwas spooky, wenn du in einen Raum kommst und alle dich anstarren. Aber dieser Raum hier, da fühlt man sich zugehörig.“

Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. September; geöffnet Mittwoch bis Sonntag, 15 bis 18 Uhr.
ks

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