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Junge Bühne Landsberg begeistert mit „das Casting“

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Von: Susanne Greiner

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Junge Bühne Landsberg Casting 2022
Es geht ums Miteinander: Nur, wenn alle kooperieren, können die Wasserflaschen abgenommen werden. Die Junge Bühne Landsberg mit dem Stück „das Casting“. © Greiner

Landsberg – Mit vielen Menschen auf engem Raum eingesperrt zu sein, dürfte bei einigen ein gewisses Unwohlsein hervorrufen. Noch unangenehmer wird es, kommt der Wettbewerb dazu. In dieser Situation befinden sich die 20 Jugendlichen der Jungen Bühne Landsberg in dem von ihnen selbst verfassten Stück „das Casting“. Zusammen mit Regisseurin und Leiterin Julia Andres begeisterten die Nachwuchstalente am Donnerstagabend bei der Premiere: mit Präsenz, hoher Konzentration und ungemeiner Spielfreude. 

Alle wollen dasselbe: für diese ganz, ganz tolle Rolle, hach! (welche es auch immer sein mag) ausgewählt zu werden. Zumindest fast alle. Eine will lediglich den Kundenstamm ihrer psychoanalytischen Praxis vergrößern, eine andere nur die Aufwandsentschädigung abgreifen und schnell wieder weg. Und manch Castingfreudiger flieht auch nur vor den eigenen Fehlern.

Aber egal, die Konkurrenz sorgt schnell für erste Hahnenkämpfe. Und dass jeder jederzeit auch noch von der Kamera in Großaufnahme auf dem Bildschirm erscheinen kann – was wird von dir gezeigt, was nicht? –, lässt den Kamm schwellen. In diese Spannung bricht die Horrornachricht: Wir sind eingesperrt. Keiner kann raus, keiner rein, zusammengepfercht auf engem Raum – und das ohne zu wissen warum. Und nicht zu vergessen, die Eigenheiten jedes Einzelnen. Die nervtötend aufs Handy fixierte Influencerin mit 27 Followern, der russische Startenor mit Federboa und Luxuskatze, die ältere Dame mit Dutt und Capott (hat sie ihren Mann umgebracht?). Die beiden Möchtegern-Gangsta, zugange mit Alkohol und Diebstahl. Und nicht zu vergessen die gelb gewandete Psychoanalytikerin, die jedem ein Trauma unterstellt, das mit Luftballons, Stofftieren und Bällchen behandelt wird. Ihre Visitenkarten sind inflationär und ihre Empfehlungen simpel: Eingesperrt? Einfach drüber lachen.

Im Lauf des Castings stehen Aufgaben an: Wer soll rausfliegen? Welche Geheimnisse hast du? Aber die treten bald in den Hintergrund – die Menschlichkeit schiebt sich nach vorne undmit ihr grundsätzliche Fragen: Agieren wir miteinander, um die Situation zu bewältigen? Oder ist doch der Egoismus das, was bleibt? Die Junge Bühne findet dafür ein schönes Bild: Von oben hängen Wasserflaschen, die nur zu zweit und nur gleichzeitig abgenommen werden können. Da heißt es kooperieren – oder durstig bleiben. Und wenn ich das wenige Wasser habe: Teile ich oder heißt es ‚Erst komm ich?

Ständige Präsenz

Das Stück „das Casting“ haben die Mitglieder der Jungen Bühne selbst verfasst. `Neben den offensichtlichen Themen – Social Media, Wettbewerb, Schönheitswahn – drücken die Jugendlichen auch ihre Erfahrung der zwei Lockdown-Jahre aus – das Eingesperrtsein. Proben waren unmöglich. Und als es dann wieder ging, waren nie alle da. Teilweise seien sie mit ihrer Moral am Ende gewesen, erzählt Leiterin Andres vor der Premiere. Umso stolzer sei sie nun, dass am Ende doch ein Stück stehe.

Und was für eins. Die größte Herausforderung: Alle sind ständig auf der Bühne. Das könnte zu Unaufmerksamkeit reizen, zum aus der Rolle fallen. Aber keine Spur, alle sind hochkonzentriert. Selbst die Kamera, deren Bild auf einen großen Bildschirm überhalb der Bühne projiziert wird, entdeckt keine Fehler. Und das, obwohl die Jugendlichen nicht wissen konnten, wen Andtres live hinter der Bühne in den Fokus nahm. Dem Zuschauer werden zahlreiche Blickpunkte geboten, die die Haupthandlung bereichern: Opern- und Rapgesang, fragwürdige Therapiemethoden, Posen und konzentriertes Lernen oder Intrigen – teilweise durchaus amüsant. Und auch die bewegliche und lautgebende Katze des Startenors sorgt als Running Gag für Lacher. Natürlich stechen einige hervor, auch aufgrund der größeren Rollen. Aber die Hauptqualität des Auftritts liegt in einem bemerkenswerten Zusammenspiel aller Beteiligten. Auf dieser Ebene klappt es mit dem Miteinander.

Das Stück hat minimale Längen, winzige Bruchstellen. Allerdings gab es tatsächlich keine einzige Probe mit allen Teilnehmern – was das Gesamtergebnis nochmals beeindruckender macht. Großes Kompliment – auch für die absolut gelungene Pointe ... die natürlich jetzt hier noch nicht verraten wird. Denn die Junge Bühne Landsberg spielt „das Casting“ nochmals heute Abend um 20 Uhr im Stadttheater. Neugierig? Dann am besten hingehen.

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