Wenn die Glocken schweigen

Dießen: Marienmünster-Turm wird für 700.000 Euro saniert

Kirchturm des Dießener Marienmünsters mit und ohne Gerüst
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Die Kirchturm-Fassade des Dießener Marienmünsters wird derzeit aufwendig saniert. Das Bild links zeigt den Turm vom Klostergarten aus und rechts nach der Einrüstung von der Herrenstraße aus.

Dießen – Viele Dießener wundern sich, dass sie tagsüber das gewohnte achtstimmige Geläut des Marienmünsters nicht mehr hören. Des Rätsels Lösung: Die Fassade des Kirchturms wird derzeit saniert und für die Handwerker auf dem Gerüst würde der gewaltige Klang der acht Glocken die zumutbare Dezibel­grenze um ein Vielfaches überschreiten. Also lässt Pfarrer Josef Kirchensteiner die Glocken unter der Woche schweigen.

Die Sanierung der bis zur Zwiebelkuppe-Unterkante 54 Meter hohen Fassade war überfällig geworden, nachdem Wind und Regen vor allem an der Westseite erhebliche Verwitterungsschäden verursacht hatten. Auch die beiden Schallfenster des Glockgestühls müssen hier komplett ausgetauscht werden, während man die restlichen noch reparieren kann. Bevor die eigentlichen Arbeiten beginnen konnten, wurde drei Wochen lang ein Rundum-Gerüst mit 25 Etagen samt einem Lastenaufzug aufgebaut und mit Staubschutznetzen verhüllt. Bis zum Jahresende soll die Sanierung abgeschlossen sein. Für die Besucher des Marienmünsters gibt es keinerlei Behinderungen, da die Arbeiten über den Klostergarten ausgeführt werden.

Die Handwerker wie Maler, Spengler oder Schreiner wurden über eine sog. „beschränkte Ausschreibung“ verpflichtet. Sie mussten ihre Qualifizierung und Erfahrung bei ähnlichen Arbeiten durch entsprechende Referenzen belegen. Der Kirchenturm ist zwar nicht denkmalgeschützt, aber er liegt in einem „denkmal-historischen Umfeld“, wie Kirchenpflegerin Barbara Mann bei einem Pressetermin erläuterte. Die Sanierungsarbeiten werden von Architektin Verena Selmigkeit vom Staatlichen Hochbauamt in Weilheim koordiniert. Denn zuständig für den Unterhalt ist wegen der Säkularisierung vorrangig der Freistaat Bayern.

Der „junge Turm“

Der Turm ist wesentlich jünger als das ehrwürdige Marienmünster, das 1739 als Stiftskirche der Augustiner Chorherren festlich eingeweiht wurde. Mit der Säkularisierung wurde sie 1809 Dießens Pfarrkirche und schließlich 1989 vom Augsburger Bischof Josef Stimpfle zum Münster geadelt. Der Oberteil des ursprünglichen Glockenturms wurde 1827 durch Blitzschlag und Schwelbrand zerstört, schmucklos wieder aufgebaut und anschließend mit einer neugotischen Spitzhaube besetzt.

Erst 1985 wurde der jetzige Turm durch den Münchner Architekten Richard Zehentmeier nach den ursprünglichen Plänen von Baumeister Johann Michael Fischer (1692 – 1766) errichtet. Finanziert vom Freistaat Bayern, der Diözese Augsburg und der Dießener Kirchengemeinde, die viele Spenden von der Bevölkerung einsammeln konnte. Der Turm mit einem Grundriss von 8,5 mal 8,5 Metern ist ein Stahlbetonbau mit einer Wandstärke von bis zu einem Meter. Bis zur Kuppel ist er 54 Meter hoch, inklusive Zwiebelkuppe und Kreuz misst er stolze 80 Meter. Die massive Bauweise hat ihren Grund: Allein die acht Glocken im Gestühl wiegen fast 16 Tonnen.

Pfarrer Josef Kirchensteiner erinnert sich noch gerne an den 28. Juni 1986. Auf dem Weg nach Augsburg zu seiner Priesterweihe am nächsten Tag machte er einen Abstecher zum Marienmünster, wo die mächtige Zwiebelkuppe bereit zur Montage am Boden stand. Er berührte sie noch andächtig, bevor er weiter musste und sie mit großen Anstrengungen hochgehievt und aufgesetzt wurde. Allein schon deshalb ist ihm der Kirchturm und die Fassadensanierung eine Herzensangelegenheit.

Von den veranschlagten 700.000 Euro zahlen zwar Freistaat und Diözese den Großteil, aber die Kirchengemeinde Dießen muss davon immerhin 14.000 Euro beisteuern. Wobei Pfarrer Kirchensteiner wieder auf die Spendenbereitschaft seiner Dießener hofft.

Beim Pressegespräch freute er sich über die Tatsache, dass durch den coronabedingten Urlaub im eigenen Land viel mehr Tagestouristen als in den letzten Jahren zum Marienmünster pilgern. Die offenen Führungen am Donnerstag und Samstag werden dabei stark frequentiert. Dabei wird auch die historische Bedeutung des Münsters als Grabstätte des Herrschergeschlechts der Andechs-Meranier herausgestellt, die in Dießen ihren Stammsitz hatten. Die Stiftsgründer, Eltern der heiligen Mechtildis sowie der heiligen Hedwig, sind im Marienmünster beigesetzt. Kein anderes Adelsgeschlecht habe laut Kirchensteiner so viele Bischöfe, Selige und Heilige in der Verwandtschaft wie die Andechs-Meranier. Sie zählten neben den Welfen zu den bedeutendsten bayerischen Adelsgeschlechtern.

Dieter Roettig

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