Alles nur wegen dem "Gratlermarkt"

+
Offenbar um einen Feuerwehrmann zu bewegen ihn durchzulassen, soll der 81-jährige Dießener den jungen Mann mit seinem Geländewagen angefahren haben.

Dießen – Dass so eine „Bagatelle“ vor Gericht landet, wollte ein 81-jähriger Dießener nicht so recht verstehen. Der Mann war angeklagt, weil er versucht haben soll, während des Dießener Töpfermarkts im vergangenen Mai einen jungen Feuerwehrmann, der den Verkehr regelte, mit seinem Geländewagen von der Straße zu schieben. Außerdem soll er den Feuerwehrmann und einen Kollegen als „Arschlöcher“ beschimpft haben und einfach weiter gefahren sein. Vor dem Gericht zeigte sich der Dießener uneinsichtig, schließlich sei „Arschloch“ in Bayern ja keine Beleidigung und mit dem Auto berührt habe er den Feuerwehrler ohnehin nicht. Das sah Richter Andreas Niedermeier anders und verurteilte den 81-Jährigen zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe auf Bewährung. Seinen Führerschein muss der Mann für ebenfalls sieben Monate abgeben.

Aus Sicht des betagten Dießeners gab es keinen Grund ihn aufzuhalten, so der Angeklagte vor dem Landsberger Amtsgericht. Das soll er auch gleich lautstark ausgedrückt haben: „Was soll die Scheiße, ich bin Einheimischer, ihr Arschlöcher!“ soll er geschimpft haben. Zuvor ist der 81-Jährige offenbar mit überhöhter Geschwindigkeit auf den Feuerwehrmann zugefahren. Nur etwa zehn Zentimeter vor ihm sei er zum Stehen gekommen, danach soll er nochmals angefahren sein und soll den Feuerwehrmann etwa 20 Zentimeter nach hinten geschoben haben. Der musste sich auf der Motorhaube abstützen, um nicht umzufallen. Die Anklage lautete deshalb auf vorsätzlichen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, versuchte gefährliche Körperverletzung sowie Nötigung und Beleidigung.

Der 81-Jährige war an diesem Tag auf dem Weg zur Autobahn A96, schilderte er dem Gericht. Da gerade der Töpfermarkt – für den Angeklagten ein „Gratlermarkt“ – in Dießen stattfand, konnte er den Ort nicht ungehindert verlassen. Drei Feuerwehrmänner regelten den Verkehr, damit Besucher des Marktes ungehindert vom Parkplatz auf die Straße einbiegen konnten. Im Zuge dessen sperrten sie die Staatsstraße zwischen Dießen und Riederau kurzfristig ab. Laut Aussage des Feuerwehrmannes, der diese Fahrt­richtung sperrte, wollten gerade fünf Fahrzeuge den Parkplatz verlassen.

Dann sei der 81-Jährige mit seinem Geländewagen „mit etwa 100 km/h“ auf ihn zugefahren, habe „ziemlich stark gebremst“ und sei erst kurz vor ihm zum Stehen gekommen. Dann soll der 81-Jährige nochmals angefahren sein, so dass er mit der Stoßstange die Oberschenkel des Feuerwehrlers berührte. „Ich musste mich abstützen, sonst wäre ich umgefallen“, so der junge Mann vor Gericht. Sein Kollege kam hinzu, dann seien auch schon die Beschimpfungen losgegangen. Im Anschluss soll der Beschuldigte einfach weggefahren sein. Die beiden anderen Feuerwehrler bestätigten diese Version vor dem Amtsgericht.

„Arschlöcher“ habe er schon gesagt, räumte der 81-Jährige ein, „aber das ist in Bayern ja keine Beleidigung.“ Angefahren habe er den jungen Feuerwehrmann aber nicht. Etwa 20 bis 30 Zentimeter vor ihm habe er angehalten und sei dort auch stehengeblieben. Er habe die Verkehrssituation „voll im Griff“ gehabt, so der 81-Jährige. Nur nicht verstanden habe er, warum er angehalten wird. Schließlich fahre er seit 1960 unfallfrei. Auf Nachfrage von Staatsanwältin Claudia Scherle, sagte der Beschuldigte: „Ich halte mich grundsätzlich an Anordnungen, wenn‘s Sinn macht.“ Im August hatte dann das Amtsgericht seinen Führerschein beschlagnahmt. Heute würde er auf den Vorfall anders reagieren, gab der Dießener zu: „Ich würde sagen: ‚Da habt‘s a Tragl Bier, sauft‘s eich oan an. Is bei der Feuerwehr eh wichtiger‘.“

Verteidiger Dr. Sepp-Jörg Zogl­mann führte an, dass sein Mandant kein Blatt vor den Mund nehme: „Er sagt, was er denkt.“ Und auch der zweite Verteidiger Wolfgang Sachs sei „felsenfest davon überzeugt, dass es keinen Kontakt“ zwischen Auto und Feuerwehrler gab. Der Angeklagte sei nun mal ein „Dießener Urgestein, das manchmal falsch reagiert“. Einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr oder eine versuchte gefährliche Körperverletzung erkannte Sachs allerdings nicht und plädierte deshalb auf Freispruch. Außerdem sei der Führerschein des 81-Jährigen bereits seit sieben Monaten beschlagnahmt, „damit ist er gestraft genug“.

Richter Andreas Niedermeier hatte jedoch keine Zweifel an den Aussagen der Feuer­wehrmänner. Für ihn stand außer Frage, dass der Angeklagte den jungen Mann angefahren hat, damit dieser weggeht. „Sie haben damit ihr Auto als Druckmittel benutzt“, so der Richter. Dadurch habe er sich auch als ungeeignet zum Führen eines Kraftfahrzeugs erwiesen. Er verurteilte den 81-Jährigen zu einer siebenmonatigen Freiheitsstrafe, die er zur Bewährung aussetzte. Die Bewährungszeit legte er auf drei Jahre fest. Außerdem wird dem 81-Jährigen der Führerschein für sieben weitere Monate entzogen und er muss eine Geldstrafe von 2.500 Euro bezahlen. Staatsanwältin Claudia Scherle hatte eine neunmonatige Freiheitsstrafe und einen Führerscheinentzug von acht Monaten gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Astrid Erhard

Auch interessant

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Tiefe Einblicke ins Landsberger Klosterleben
Tiefe Einblicke ins Landsberger Klosterleben
Passanten retten zwei Frauen aus brennendem Unfallauto
Passanten retten zwei Frauen aus brennendem Unfallauto
Kaltenbergs "letzter Ritter"
Kaltenbergs "letzter Ritter"

Kommentare