Nie wieder bergauf schwitzen

Zwei Tüftler aus Dießen erfinden Fahrrad-Schubanhänger

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Aus nur drei Teilen besteht der Nachrüstsatz zum Schubanhänger, wie Peter Ostermeier (links) und Dr. Andreas Schell (rechts) zeigen: Akkubox, Austauschrad mit Motor und Pedalfunk.

Dießen – Die Zeiten sind vorbei, als Fahrradanhänger misstrauisch beäugt wurden. Inzwischen gehören sie auf unseren Straßen zum Alltagsbild. Mütter bringen damit ihre Kleinen in die Kita, Hundefreunde können auf langen Radtouren ihre Lieblinge mitnehmen und Großeinkäufe vom Super- oder Getränkemarkt lassen sich leicht nachhause transportieren. Schwierig wird es nur, wenn es bergauf geht. Dann heißt es ganz schön strampeln und in die Pedale treten, wenn man kein e-Bike oder Pedelec hat. Genau dieses Problem bei normalen Fahrrädern haben zwei findige Freunde aus Dießen und Vilgertshofen gelöst.

Peter Ostermeier (59) und Dr. Andreas Schell (48) verwandeln nahezu jeden Fahrradanhänger in einen Schubanhänger, der Fahrrad, Radler und Last mühelos vorwärts und bergaufwärts schiebt. Die beiden Tüftler haben sich in jahrelanger Arbeit das „electrail-System“ ausgedacht und zum Patent angemeldet. Es besticht durch einfachste Handhabung, intuitive Bedienbarkeit und besteht nur aus drei Teilen: Motor, Akkubox und Pedalfunk. Das linke 20-Zoll Standard-Laufrad des Anhängers wird ausgetauscht mit einem Rad, in dessen Radnabe der Motor sitzt. Das Anschlusskabel wird an der Akkubox im Hänger angeschlossen und der Pedalfunk an der linken Pedalkurbel befestigt. Er steuert das Antriebssystem kabellos. Mit ihm schaltet man ein und aus, regelt die Motordrehzahl und wählt die Fahrstufe. Nach dem Einschalten tritt man zweimal im Freilauf rückwärts und der e-Motor ist bereit. Tritt man dann in die Pedale, schaltet sich der Motor zu. Mit einem einfachen Rückwärtspedalklick kann man die Geschwindigkeit regeln, mit der der Anhänger schiebt: 11, 16 oder gar 25 Stundenkilometer. „Damit ist die hügelige Ammersee-Region auch mit Lasten spielend leicht zu bewältigen“, strahlt Ostermeier.

Er selbst hat sich einen Spezialanhänger gebaut, mit dem er sein Fünf-Meter-Kanu mühelos zum See transportiert. Und wenn ihm nach dem Paddeln danach ist, lässt er sich auf den heiligen Berg schieben und genießt eine Andechser Maß. Überhaupt lässt der Maschinenbauingenieur sein Auto immer öfter stehen. Fahrten bis zu 25 Kilometer macht er mit Radl und Schubanhänger gemäß dem Motto seiner Firma „Ich schieb Dich“. Sein Kompag­non Schell, promovierter Chemiker und Produktentwickler, ist mit einem Liegetrike mit eMotor unterwegs, wenn er keine Lasten zu fahren hat.

Die beiden Tüftler haben sich bei einer gemeinsamen Projekt­arbeit für die Firma Hilti kennen- und schätzen gelernt. Beider Liebe zum Radlfahren hat schließlich zur Entwicklung ihrer Schubidee geführt. Dabei setzten sie auf einfache Bedienbarkeit ohne zusätzliche Elemente oder Displays am Fahrradlenker. Alle Funktionen werden nur mit dem linken Pedal bedient, was schon nach wenigen Minuten in Fleisch und Blut übergeht. Eine Akkuladung reicht übrigens bis 50 Kilometer. Die Aufladezeit beträgt circa sechs Stunden. Und wer länger unterwegs ist, kann einen Ersatzakku mitnehmen.

Das electrail-Kit mit seinen drei Teilen kann problemlos auch von Laien an fast jeden handelsüblichen Anhänger verbaut werden: Linkes Rad austauschen, Akkubox in den Hänger legen und mit dem Kabel verbinden, Pedalfunk an das Pedal klemmen und schon kann man losfahren. Auf Wunsch rüsten Obermeier und Schell Kundenanhänger auch um oder liefern komplette electrailer vom Kinderanhänger bis zum „Lastenesel“. Es gibt sogar einen e-Hänger für exakt zwei Bierkästen…

Den Härtetest eines ihrer electrail-Hänger hat übrigens ein 70-jähriger Kunde für die beiden Techniker absolviert. Er radelte den Jakobsweg per Schubhilfe mit zwei Hunden, Zelt und Gepäck knapp 2.500 Kilometer von Kassel nach Santiago de Compostela. Jeden Tag zwischen 50 und 70 Kilometer ohne jeden technischen Ausfall.

Wer einen electrailer erstmals testen wollte, hatte dazu Gelegenheit beim BIGHub-Innovationsforum am vergangenen Wochenende im BVS-Bildungszentrum Holzhausen. Andreas Schell und Peter Ostermeier stellten hier ihre konkurrenzlose Erfindung vor.

Dieter Roettig

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