Asyl und Ehrenamt:

Eine ordnende Macht

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Klare Worte fielen bei der DGB-Diskussionsrunde zum Thema Ehrenamt seitens der Bürger und der Podiumsgäste: Stadtrat Jost Handtrack, Bürgermeister von Vilgertshofen Dr. Albert Thurner und Johannes Moeske vom BRK (von links).

Landsberg – Sprachkurse, Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche und Unterstützung bei den täglichen Anforderungen – Aufgaben, die Ehrenamtliche bei der Betreuung von Asylbewerbern übernehmen. Aber wie viel kann das Ehrenamt zur Integration leisten? Und was ist zu viel? Diese Fragen standen im Zentrum der öffentlichen Diskussionsveranstaltung des DGB Kreisverband Landsberg. Dass es sich hier nicht um ein Problem vom grünen Tisch sondern um eines mitten aus der Praxis handelt, bewiesen zahlreiche Besucher.

Als Podiumsgäste waren Stadtrat Jost Handtrack (Bündnis 90/Die Grünen), Bürgermeister von Vilgertshofen Dr. Albert Thurner (SPD) und Johannes Moeske vom BRK geladen, Moderator und Journalist Werner Lauff führte durch die Veranstaltung. „Der Unmut im Ehrenamt steigt“, schilderte einer der ehrenamtlichen Helfer das Grundproblem. Man werde von den Anforderungen einfach überrollt. Die Aufnahme der Asylsuchenden sei hervorragend organisiert, aber anerkannte Asylbewerber fielen aus diesem Betreuungsraster heraus. Als Ehrenamtlicher wünsche man sich Unterstützung, sowohl strukturell als finanziell. Und mehr Anerkennung.

„Was ist Integration, wer soll integriert werden und ab wann?“, startete Lauff die Diskussion. Integration bedeute, Zugänge zu schaffen, antwortete Moeske, sowohl zu Sprache als auch zum Arbeitsmarkt, „und zwar, sobald die Flüchtlinge ins Land kommen. Integration ist kein Zustand, sondern ein Prozess.“ Aus welchem Land die Schutzsuchenden stammten, sei vorerst egal. Diesem „sofort und alle“ stimmte auch Thurner zu. Um den positiven Aspekt der Flüchtlinge für den hiesigen Arbeitsmarkt zu nutzen, benötige man Integration so früh wie möglich. Dabei seien die Äußerungen wie „die Träume von Obergrenzen“ nicht hilfreich. Integration bedeute auch, die Asylsuchenden aus der Rolle des Hilfsbedürftigen zu holen, betonte ein Bürger. Sie sollten die Chance erhalten „ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich auch gegenseitig helfen zu können.“ Das stärke die Eigeninitiative, was sich positiv auf die Integration auswirke.

Die Aufgabe der Integration falle zwar der Regierung zu, letztendlich sei sie jedoch von jedem einzelnen Bürger abhängig, klärte Handtrack. Ein Zuhörer erwiderte, dass die Politik dennoch finanziell mehr Unterstützung bieten solle. Auch das Wohnungsangebot und der soziale Wohnungsbau müsse optimiert werden. „Die Sozialpolitik hinkt enorm hinterher“, konkretisierte Thurner. Es müssten von der Regierung Strukturen geschaffen werden, oder wie Lauff konkretisierte: „Wir brauchen eine ordnende Kraft.“ Moeske sieht die Probleme unter anderem in veralteten Gesetzen, ein Einwanderungsgesetz sei jetzt dringend notwendig. Jeder Fall müsse individuell betreut werden, das erfordere auch mehr Stellen beim BRK. Aber Zuständigkeit heiße für die Regierung hier vor allem Kostenübernahme, „und das wird ungerne gemacht.“

Die Anforderungen an die Ehrenamtlichen werden ohne Hilfe der Regierung nicht weniger, sondern mehr: Natürlich werde man auch die Neuankommenden betreuen, betonte ein Bürger, dennoch seien einem „die alten ans Herz gewachsen“, was bedeutet: Die Anzahl wächst. Um das auffangen zu können, solle die Regierung Asylsuchende mit einem speziellen Programm auf dem Arbeitsmarkt integrieren. Öffentliche Räume für Sprachkurse und sonstige Veranstaltungen müssten zur Verfügung gestellt werden. Und eine Infobroschüre mit konkreten Antworten auf konkrete Fragen sei notwendig, um Fehlinformationen in der Bevölkerung zu vermeiden.

„Was nehmen Sie mit?“, frag­te Lauff abschließend seine Podiumsgäste. Es gebe eine Grenze in den persönlichen Ressourcen, die nur durch Unterstützung des Gesetzgebers überwunden werden könne, schlussfolgerte Moeske. Das BRK sei als „lernende Organisation“ gerne bereit, Pilotprojekte, wie sie bereits in anderen Bundesländern gestartet würden, mitzugestalten. Thurner konkretisierte den Bedarf für die Unterstützung der Ehrenamtlichen durch die Regierung bei bereits anerkannten Asylbewerbern. So solle in Bayern endlich das System einer Gesundheitskarte für Asylbewerber eingeführt werden, um lästiges Papier-Gerenne zu vermeiden: „Ehrenamtliche sind keine Bittsteller, sondern Helfer.“

Handtrack betonte seinen Respekt vor den Betreuern: „Ohne Sie würde alles zusammenbrechen.“ Die Politik könne es nicht alleine schaffen. Zwar müsse sie eine Koordination des Ehrenamtes liefern, dennoch „kann Integration nur mit allen zusammen funktionieren.“ Moderator Werner Lauff resümierte daraufhin abschließend: „Das Ehrenamt ist nicht unendlich.“ Es brauche neue Helfer und bessere Strukturen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Susanne Greiner

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