Zwei Stunden autofrei

Stille Demo an Dießens Nadelöhr

Herrenstraße Hofmark in Dießen mit viel Verkehr
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Genau unter dem Rathausbüro von Dießens Bürgermeisterin Sandra Perzul beginnt das Nadelöhr Herrenstraße/Hofmark. Lastzüge und Omnibusse müssen rangieren, um dem Gegenverkehr auszuweichen.

Dießen – Bürgermeisterin Sandra Perzul bekommt es jeden Tag hautnah mit: Wenn sich in Stoßzeiten der Verkehr an der Marktplatzkreuzung genau unter ihrem Amtszimmer staut, machen Lärm und Abgase das Arbeiten bei offenem Fenster unmöglich. An den Wochenenden bleibt der Schwerlastverkehr zwar aus, dafür knattern im Sommer ganze Horden von lautstarken Motorrädern die Herrenstraße rauf und runter. Zum Leidwesen der Gäste auf den Terrassen der drei Lokale gegenüber dem Rathaus. „Jetzt reicht‘s!“ sagte sich Klaus Zwettler vom Café-Bistro M 2 und fand in Anwohner Peter Kaun jun. einen ebenso aufgebrachten Mitstreiter. Zusammen veranstalten sie am Donnerstag, 8. Oktober, von 16 bis 18 Uhr eine „stille Demonstration“ auf Herrenstraße und Hofmark.

Still deshalb, weil das extrem frequentierte Nadelöhr Dießens für zwei Stunden zur autofreien Zone wird. Peter Kaun jun. ruft Anwohner, Geschäftsleute und Gastronomen auf, sich „mit Stuhl und Tisch direkt auf die Fahrbahn zu setzen und in und mit aller Ruhe einen Kaffee zu trinken.“ Kaun hofft auch auf viele Solidaritätsbesuche Dießener Bürger, die sich seinem Demonstrationsmotto „Zu laut, zu dreckig, zu gefährlich“ anschließen. Die Veranstaltung ist offiziell angemeldet. Laut Bürgermeisterin Perzul fand im Vorfeld ein Gespräch mit Peter Kaun jun., Verwaltung, Polizei und dem für die Staatsstraße St2056 zuständigem Landratsamt Landsberg statt. Dabei ging es neben der Sperrung um eine möglichst reibungslose und staufreie Umleitung während der Veranstaltung.

An ihr kann die Bürgermeisterin aus Termingründen nicht teilnehmen, trifft sich aber vorher mit Peter Kaun, um sich seine Argumente anzuhören. Sie selbst könne die Sichtweise der Anlieger verstehen. „Die Verkehrsbelastung an der Hofmark/Herrenstraße hat sich in den vergangenen Jahren auch in meiner Wahrnehmung deutlich erhöht“, räumte sie dem KREISBOTEN gegenüber ein. Deshalb habe sie auch schon erste Gespräche mit den Anliegern geführt.

Eine der Leidtragenden ist Sabine Vöge, Inhaberin vom „Kleinen Stoffhaus am See“ in der Herrenstraße 4, einer gefürchteten Engstelle. „Ich höre den ganzen Tag quietschende Bremsen und an der Bordsteinkante scheuernde Reifen“, klagt sie. Im Sommer die Türe offen zu lassen, sei unmöglich. Mütter mit Kinderwagen, die vom Marktplatz direkt zu ihr wollen, hätten zudem ein Problem: Der Gehsteig an der engsten Stelle kurz vor ihrem Laden ist gerade mal 45 Zentimeter breit…

Auf gefährliche 45 Zentimeter verengt sich der Gehsteig in der Herrenstraße gegenüber dem Rathaus. Eine Zumutung für Fußgänger und Mütter mit Kinderwagen.

Während Sabine Vöge bei der Demo mitmacht, ist Optikermeister Thomas Koch in der Herrenstraße 10 strikt dagegen. Er ist sauer, weil die temporäre Umleitung des Verkehrs durch seinen Wohnort Rott führt.

Rudolf Gleißl vom „Schmuckwerk“ in der Hofmark 6 sieht in der Veranstaltung wenig Erfolgsaussichten, allenfalls eine verstärkte Wahrnehmung bei der Bevölkerung. Dem früheren UBV-Gemeinderat ist klar, dass es allein schon durch die baulichen Gegebenheiten eine für alle zufriedenstellende Lösung nicht geben kann. Da seiner Meinung nach der Großteil des Verkehrs hier mit kurzen Einkaufsfahrten und Mama-Taxis „hausgemacht“ sei, plädiert er für den vermehrten Umstieg auf E-Fahrräder und E-Lastenräder. Um eine mögliche Förderung beim Kauf von Lastenrädern geht es übrigens auf Antrag der Freien Wähler in der nächsten Gemeinderatssitzung im „Blauen Haus“.

Gerade in Stoßzeiten kommt es nach der Einmündung von der Prinz-Ludwig-Straße und Johannisstraße in die Herrenstraße zu Problemen im Begegnungsverkehr. Lkw, Sattelschlepper, Landwirtschaftliche Fahrzeuge oder ÖPNV- und Schulbusse kommen nicht aneinander vorbei, ohne auf die Gehsteige auszuweichen. Die Vorschaltampel in der Herrenstraße bringt da wenig, wenn zulange rangiert werden muss. Auch an die wegen der Schulwege eingeführten Tempo-30-Zone auf einer Teilstrecke halten sich die wenigsten, wie Anlieger berichten. Darum fordert Demo-Veranstalter Peter Kaun jun. zur Sicherung der Schulwege hier eine dauerhafte Überwachung der Höchstgeschwindigkeit sowie den Ausbau der Querungshilfen und Fußwege.

Ob mit oder ohne Demo - etwas wird sich in absehbarer Zeit tun in Dießens Nadelöhr. Wie Bürgermeisterin Sandra Perzul bestätigte, wird die Ortsdurchfahrt der Staatsstraße St2056 wegen ihres schlechten baulichen Zustands demnächst saniert, wobei auch gleich die Wasserleitungen erneuert werden. Für diese gemeinsamen Maßnahmen des Staatlichen Bauamts Weilheim, des Landratsamts Landsberg und der Marktgemeinde Dießen werde gerade ein Planungsbüro gesucht. Sandra Perzul: „Im Zuge der Planung möchte ich auch prüfen lassen, ob und wie Verbesserungen zum einen für die Fußgänger und Radfahrer geschaffen werden können, aber auch die schwierige Situation des Begegnungsverkehrs in der Hofmark entschärft werden könnte.“ Des Weiteren stehen laut Perzul noch im Herbst zusammen mit der Polizei und den Fachbehörden Verkehrsschauen statt, „bei denen die neuralgischen verkehrstechnischen Punkte in der Gemeinde identifiziert werden sollen.“

Abhilfe ist geplant

Dass dazu Herrenstraße und Hofmark gehören, zeigte sich auch bei der Haushaltsbefragung zum Thema Verkehr vor zwei Jahren. Bei der Auswertung der 1.063 eingegangenen Fragebogen stand dieses Nadelöhr mit an vorderster Stelle. Der damals von der Marktgemeinde beauftragte Verkehrsplaner stellte die Ergebnisse zwar im Gemeinderat vor, aber konkret ist seither nichts geschehen. Das will die neue Bürgermeisterin Sandra Perzul ändern. Der aktuelle Marktgemeinderat werde sich in ihrer Amtszeit mit den Verkehrsthemen „Verbesserte Geh- und Radwegeführung“, „Nahverkehrskonzept des Landkreises“ und „Alternative Angebote im ÖPNV zur Dezimierung des innerörtlichen Verkehrs“ eingehend beschäftigen, so ihr Versprechen.Dieter Roettig

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