Ein dynamischer Prozess

Drei weitere Jahre für die Landsberger Integrationsbeauftragte

Integrationsbeauftragte Sabine Hey
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Hilft, berät, begleitet und hält die Fäden zusammen: Landsbergs Integrationsbeauftragte Sabine Hey.

Landsberg – Seit gut zwei Jahren gibt es in Landsberg eine Integrationsbeauftragte: Sabine Hey. Sie kümmert sich – als Vermittlerin zwischen Zuwanderern und der Stadtgesellschaft – um Einwohner mit Migrationshintergrund. Träger der Stelle ist die Diako­nie Herzogsägmühle. Die Stelle ist jüngst für drei weitere Jahre bewilligt worden. Aus diesem Anlass sprach der KREISBOTE mit Sabine Hey. 

Frau Hey, wie steht es um die Zuwanderung in Landsberg?

Hey: „Momentan leben in Landsberg bei knapp 30.000 Einwohnern 6.632 Menschen aus insgesamt 144 Ländern. Seit Ende 2018 haben wir ein Mehr an städtischen Migranten von 400 Personen. Damit sind nicht nur Flüchtlinge gemeint, sondern alle Menschen, die aus dem Ausland kommen. Die größte Migrantengruppe kommt aus Rumänien, gefolgt von Türken und Kroaten. Erst an zehnter Stelle der Statistik tauchen Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten auf, die meisten aus Afghanistan und Syrien. Die typischen Fluchtländer sind bei uns also gar nicht so stark vertreten, wie viele vielleicht meinen. Das städtische Migrationsbild wird sehr subjektiv wahrgenommen.“

Gibt es Tendenzen für die weitere Entwicklung?

Hey: „Nach wie vor steigen Zuwanderer aus Rumänien in Landsberg stark an. Die meisten von ihnen sind hier, um Arbeit zu finden. Das gleiche gilt für Kroaten und Kosovaren. Die Zahl der Einwanderer aus Polen und Italien sinkt dagegen kontinuierlich.“

Wie stellt man sich die Arbeit einer Integrationsbeauftragten vor?

Hey: „Es geht zunächst um die großen ‚Bausteine‘ der Integration: Arbeit, Ausbildung, Erlernen der Sprache, Wohnraum finden. Hier helfe und unterstütze ich, berate und begleite meine Klienten. Zudem bin ich Anlaufstelle für Ehrenamtliche, Vereine oder Arbeitgeber und koordiniere sämtliche Hilfs- und Integrationsangebote. Ich habe ein großes regionales und überregionales Netzwerk aufgebaut, auf das ich zurückgreife. So kann ich Informationen einholen und selbst Input geben. Die Netzwerkarbeit verschafft wichtige Synergieeffekte, um Integration zu verbessern, zu vertiefen und Bedarf zu decken. Es ist wichtig, dass Bedürfnisse sichtbar gemacht werden und so Handlungen entstehen können.“

Können Sie Beispiele für die Vernetzungen nennen?

Hey: „Etwa die Zusammenarbeit mit der Stadt Landsberg, der Ausländerbehörde, der Caritas, der Arbeiterwohlfahrt, dem Landsberger Helferkreis oder professionellen hauptamtlichen Mitarbeitern, die in den Unterkünften arbeiten. Alles läuft bei mir zusammen. Dadurch habe ich einen Riesenüberblick und weiß: Man kann sehr schnell und sehr effektiv unterstützen.“

Wie kann man sich denn diese Zusammenarbeit in der Praxis vorstellen?

Hey: „Viele Migranten leben in Notunterkünften. Sie verstehen zum Beispiel nicht: Wie funktioniert ein Ölofen oder ein Durchlauferhitzer? In ihrem Heimatland sind Bauweise, Gebäudestrukturen und Heizmöglichkeiten völlig anders. Daher übersetzen wir die Anleitungen für die Geräte in die jeweilige Muttersprache. Auch arbeite ich mit dem Schulreferat zusammen, lasse wichtige Anschreiben der Stadt übersetzen. Dabei greife ich auf meinen Pool an ehrenamtlichen Übersetzern zurück. Vieles vermittle ich dahingehend, dass Sprachbarrieren geringer gehalten werden.“

Hat sich Ihr Arbeitsfeld im Laufe der Zeit gewandelt?

Hey: „Der Bereich Gesundheit hat in den letzten beiden Jahren eine größere Rolle gespielt. Gerade die syrischen Frauen haben viel Schreckliches erlebt – sowohl auf körperlicher als auch auf psychischer Ebene. Posttraumatische Störungen werden sichtbar, mit großem Therapiebedarf. In Landsberg helfen etwa die vom BRK ausgebildeten Traumabegleiter. Oft kommen mittlerweile Migranten, die in städtischen Notunterkünften und Sozialunterkünften leben, in meine Beratung. Manche von ihnen betreue ich im sogenannten Case Management ganzheitlich, mache auch Hausbesuche und übernehme die gesamte Kommunikation. Dabei kann ich die Menschen gut kennenlernen.“

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie auf ihre Arbeit?

Hey: „Corona ist ein großes Problem. Viele Ehrenamtliche können nicht aktiv sein, weil sie selbst zur Risikogruppe zählen. Im Home-Schooling gibt es enormen Unterstützungsbedarf. Viele Migranten sind zudem durch Corona arbeitslos geworden, Anträge müssten dringend gestellt werden. Und schließlich all die Auflagen und Hygienebestimmungen, die verstanden werden müssen – das war gerade zu Beginn der Pandemie problematisch. Es gäbe zwar viel Hilfe, die von Ehrenamtlichen geleistet werden kann. Aber derzeit liegt vieles brach oder ist verzögert. Der Bedarf ist durch Corona gewachsen – aber die Unterstützung kann gerade nicht da sein, wo sie sein müsste. Vieles läuft zurzeit über die sozialen Medien und Telefon. Dennoch berate ich weiterhin auch persönlich, mit Maske und Abstand.“

Was schätzen Sie an Ihrem Job?

Hey: „Es ist eine unglaublich schöne und befriedigende Arbeit. Ich kann helfen und etwas bewirken. Gleichzeitig erlebe ich so viel Dankbarkeit, Zugewandtheit und Offenheit. Ich habe sechs Jahre lang in Norwegen gelebt, war selber innerhalb Europas Migrantin. Daher weiß ich: Es ist ein wunderbares Gefühl, herzlich aufgenommen zu werden. Dass das Netzwerk und die Zusammenarbeit mit anderen Stellen so gut funktioniert, schätze ich ebenfalls sehr.“

Was ist die Herausforderung?

Hey: „Die tragischen Schicksale zu sehen, die viele Zugewanderte erleben mussten, ist oft schwer. Es ist dramatisch, dass es so viel Gewalt auf der Welt gibt. Dass sich so viele Menschen überhaupt auf den Weg machen müssen. Und es ist ergreifend, welch schweren Rucksack an schlimmen Erlebnissen sie dabei haben.“

Wie geht es jetzt weiter?

Hey: „Mein Vertrag läuft im Oktober aus, da die Trägerschaft neu ausgeschrieben werden muss. Wenn die Diakonie Herzogsägmühle Träger bleibt, wird mein Vertrag verlängert. Mein Hauptaugenmerk liegt weiter auf dem Case-Management. Auch werde ich die Ehrenamtsakquise gemeinsam mit dem Landratsamt weiterhin gezielt betreiben. Wenn wir wieder ‚raus‘ dürfen, habe ich schon ein paar Aktionen in petto, um unsere kulturelle Vielfalt zu zeigen. Ich finde es toll, wie die Stadt Landsberg Integration voranbringt. Das Thema wird gut wahrgenommen und geht in Handlung, braucht jedoch auch Zeit.

Daher bin ich froh, dass die Stelle für weitere drei Jahre in Vollzeit bewilligt wurde.Schließlich ist Integration ein dynamischer Prozess und nie abgeschlossen. Die Arbeitsmigranten nehmen stark zu. Und es wird auch zukünftig Kriege, Armut und Hungersnot geben. Die Menschen sind weiterhin auf der Flucht. Wir leben in einem Zuwandererland, sind ein interkulturelles Volk. Und das werden wir, denke ich, auch bleiben.“

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