Dreieckmusi entwickelt traditionelle Musik weiter:

"Wir reizen die Volksmusik voll aus"

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Daniel Schmid, Fabian Eglhofer und Uli Linder bilden die „Dreieckmusi“.

Epfach – Volksmusik ist für viele nur konservierte Tradition. Das junge Trio „Dreieckmusi“ aus dem Lechrain macht keinen Folklorepop oder Heimatsound, sondern echte Volksmusik – und entwickeln diese auch weiter. Der KREISBOTE hat die „Dreieckmusi“ mit ­Fabian Eglhofer, Daniel Schmid und Uli Linder unter die Lupe genommen.

Es sind die dreckigen Schuhe, die die Leidenschaft verraten. Lehmspuren an der Innenflanke des linken Haferlschuhs, komisch. „Schau ihn dir an, wenn er spielt“, sagt Daniel Schmid. „Gleich macht er’s wieder.“ Der Gitarrist kennt die Marotte seines Kameraden. Wenn Fabian ­Eglhofer auf seiner „Ziach“ – der Steirischen Harmonika – abgeht und seine Herz in die Musik legt, verrenkt sich sein Körper. Der Kopf dreht sich nach rechts. Senkt sich runter. Als ob er sich mit dem Ohrwaschel ins Instrument reinschrauben wollte. Wenn seine Finger über die Tastatur fliegen, stellt sich plötzlich der rechte Fuß, völlig unkontrolliert, schräg auf den linken. Immer wieder.

Der Mann mit dem Dreck am Schuh ist Teil der „Dreieckmusi“. Das junge Trio mit Ziach, Gitarre und Tuba mischt derzeit die bayerische Volksmusik auf. Richtig gelesen: Volksmusik. Nicht Heimatsound, Volkspunk oder Alpenrock. Es geht auch nicht um die eher vertrocknete Zither-Musi bayrischer Museumskapellen. Noch viel weniger um den volkstümlichen Brei, den uns Borg, Lindner und Silbereisen auftischen. Der Unterschied: Es ist echt, und es lebt.

Bodenständige Jungs

Wenn Fabian Eglhofer, 20, Daniel Schmid, 26, und Uli Linder, 20 sich zum Proben treffen, hat das was von einem Stammtisch. Heute sitzen sie in Eglhofers Elternhaus in Epfach. Eine gemütliche Bauernstube mit Kachel­ofen. Holz ist Trumpf, Kassettendecke, Schnitzereien, alles selbst gefertigt. Die Eglhofers betreiben seit vier Generationen eine Schreinerei, auch ­Fabian ist gelernter Schreiner. Linder dagegen studiert Agrarmarketing und Agrarmanagement in Weihenstephan. Schmidt arbeitet als Referendar am Weilheimer Gymnasium. „Wir sind ganz normale, bodenständige Kerle“, sagt ­Eglhofer junior und grinst.

Während seine Mutter Rosi eine kleine Brotzeit und Radler auf den Tisch stellt, legen die Musikanten los. Eglhofer, rotblond, Brille und fast zierlich, nimmt seine Steirische auf den Schoß: ein wunderschönes Stück hölzerne Handwerkskunst. Er legt die Riemen um und entlockt seiner „Ziach“ einen wogenden Zweivierteltakt – eine Polka. Während seine Linke die Bässe bearbeitet, baut die Rechte eine flotte Melodie auf.

Neben ihm Linder, den man mit Brille und Blondschopf für Eglhofers großen Bruder halten könnte. Ein 1,90 Meter-Mann, da wirkt das riesige Messing­instrument wie gerade maßgeschneidert. Er setzt das Mundstück der Tuba an. Und schiebt mit dem erdigen Bass den Rhythmus druckvoll an.

Währenddessen sorgt Schmid, schlank und mit dunklem Bart, auf einer Konzertgitarre für den perkussiven Klangteppich. Neuerdings tut er das gelegentlich auf einer älteren Jazzgitarre. Die F-Löcher haben es ihm angetan. Klingt etwas blechern – ist aber ein Hingucker.

Was die drei spielen, reißt mit, da juckt es in den Füßen. Ein bayrisch-traditionelles Stückl, keine Frage. Aber plötzlich ist was anders. Genau. Das war’s: Eglhofer hat das Motiv der Titelmelodie von „Michel aus Lönneberga“ eingeschmuggelt, nur für einige Sekunden. Manche nennen das Weltmusik. Für die „Dreieckmusi“ ist es der „Lausbua Boarische“. „Wir probieren alles aus“, sagt Linder, „schmeißen alles in einen Topf und reizen die Volksmusik voll aus.“ Da kommt schon mal eine Prise Bossanova oder Balkan-Ska mit in die Suppe. Doch letztlich spielen die drei traditionelle Landler, Zwiefache oder Walzer. Überliefertes, aber frisch interpretiert – oder eben Neukompositionen. Musik für den Tanzboden, genau genommen. Keine Popmusik, wie etwa LaBrassBanda: Mit Volksmusik hat diese Band übrigens – abgesehen von Instrumenten und Kostümen – eigentlich wenig zu tun. „Natürlich kennen wir die, wir mögen die auch“, sagt Linder. „Aber das ist einfach nicht unsere Musik.“

Er und Eglhofer sind seit Kindesbeinen mit Volksmusik vertraut. Wie das am Dorf halt so ist: Wo die Blaskapelle neben Feuerwehr und Fußballverein die wichtigste Attraktion ist. Eglhofer fing mit sechs Jahren mit Klavier an, wechselte mit 12 auf die Steirischen Harmonika. Er spielt nebenbei Schlagzeug bei den Birkländer Musikanten. Linder ist mit der Posaune seit der dritten Klasse dabei. „Du bist zu klein für die Tuba“, hieß es immer. „Irgendwann hab ich mir die von meinem Onkel geschnappt“, sagt er heute, „ein unbeschreibliches Gefühl.“ Klingt so, wie wenn Stadtjugendliche von einem neuen Club reden.

Schmid ist unter den dreien der Autodidakt. Er spielt erst seit einigen Jahren Gitarre, selbst beigebracht. Bekennender Nicht-Notenleser – benutzt aber als Gedächtnisstütze Tabulaturen. „Da lachen mich die anderen gern aus“, sagt er und muss selbst grinsen, „mit meinem hochprofessionellen Aufzeichnungen.“ Denn die können Noten lesen – spielen aber auswendig. „Vom Blatt spielen kann jeder“, sagt Eglhofer. Nun ja: fast.

Auch auf der Bühne brauchen sie keine Noten. Im Januar ein Auftritt im Flößermuseum in Lechbruck nahe Füssen. Zugig und kalt ist es in dem Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert. Draußen fallen dicke Schneeflocken, auch drinnen sieht man den Atem – was keinen der rund 80 Zuschauer abschrecken konnte. Teilweise sitzen sie auf der Treppe. Altersdurchschnitt 30 bis 40, manche in Tracht. Man rückt kuschelig zusammen.

Eglhofer jagt seine Mitmusiker mit Titeln wie „Dampfnudel­blues“ oder „Mi hoscht ghaut“ die Tonleiter rauf und runter. Virtuos, anders kann man das nicht sagen. Linder dagegen: die Mensch- und blechgewordene Rhythmusmaschine. Ein Charlie Watts der Volksmusik, unerschütterlich. Auch wenn er „zwei Stunden am Stück Witze erzählen kann“, wie Eglhofer verrät, überlässt er das Reden lieber ­Gitarrist Schmid.

Der wiederum tut das mit Charme. Vielleicht musikalisch der schwächste Part im Trio. Aber unverzichtbarer Entertainer, der zu jedem der „Stückl“ eine unterhaltsame Geschichte liefert. Wie etwa beim „Montana Blues“, der so gar nichts mit Amerika zu tun hat. Als man bei Fabians Oma in deren Wirtschaft gespielt habe, sei sein Vater („Der is auch da, der sitzt da drüben, glei neben der Mama“) mit dem Lieferwagen seines Arbeitgebers Montana vorgefahren. Spontane Namenswahl, so war das. „Ihr könnt Euch natürlich auch die unendlichen Weiten des US-Bundesstaats vorstellen“, sagt Schmid. In seinem ironischen Ton ist das schon fast Kabarett.

Es wird schnell klar: Eglhofer ist mit seiner „Ziach“ das musikalische Herz. Das wissen auch Linder und Schmid. „Der da in der Mitte macht die Musik “, sagt Schmid zum Publikum. Neid kann man da nicht ausmachen. „Natürlich sind wir auch Freunde, sonst würde das mit der Musik nicht so gut klappen“, erklärt Linder, und die anderen nicken.

Wer sich ein wenig im Genre auskennt, erkennt Spuren eines bekannten Südtiroler Virtuosen: „Ziach-Gott“ Herbert Pixner ist Eglhofers Vorbild, etliche Seminare hat er bei ihm absolviert. „Erneuerer der Volksmusik“, nennt ihn die Presse, oder „Musik-Revoluzzer“. „Ein guter Kerl“, sagt Schüler Eglhofer. Einige Lieder seines Lehrers hat das Trio im Repertoire, inzwischen überwiegen jedoch Eglhofers Kompositionen.

Gleich vor der Kamera

2014 fing alles an mit dem Trio, das sich nach dem Dreieck ihrer Heimatdörfer benannte: Reichling (Schmid), Epfach (Eglhofer) und Apfeldorf (Linder) liegen im Lechrain, der idyllischen Landschaft am Lech zwischen Landsberg und Schongau.

Schon bei ihrem allerersten Auftritt 2014 im Herzkasperlzelt der „Oiden Wiesn“ rutschten sie dem Bayerische Rundfunk zufällig vor die Kamera – und spielten so souverän, als ob sie seit Jahren nichts anderes gemacht hätten.

2016 die erste CD: „Horch a Moll“. In Moll-Tonart ist darauf wenig zu finden. Nur manchmal, wie bei „Schiana Augenblick“ oder bei „Für’n Fredi“, das sie ihrem Mentor Fredi Müller widmeten, kommt im Musette-Stil die wehmütige Stimmung von Chabrol-Filmen auf. Lechrain meets Seine-Ufer.

Im selben Jahr gründeten die Musikanten eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts. „Sonst kriegst du irgendwann ein Problem mit dem Finanzamt“, erklärt Schmid. Die Einnahmen wollen schließlich versteuert sein. Und wenn sie bei einer Betriebsfeier der Sparkasse spielen, verlangt diese eine Rechnung. Inzwischen sind sie schwer gebucht. „Es bleibt leider nicht mehr so viel übrige Zeit wie früher“, sagt Linder.

Es sind keine Stadthallen, wo sie auftreten. Sondern Musikerstammtische oder charmante Wirtschaften. Wie in Lechbruck etwa. Warm ist den Leuten dort geworden, zum Tanzen ist es leider zu eng. Als die Dreieckmusi bei tosendem Applaus und nach drei Zugaben die Bühne verlassen, bleiben sie noch. Jeder duzt jeden. Sie müssen viele Hände drücken. „Hat’s ’passt?“, fragt Linder bescheiden, also ob sie gerade ein schlichtes Schnitzel mit Pommes serviert hätten.

Eine Trophäe hat das Trio auch schon eingeheimst: den ­Kulturförderpreis 2016 der Stadt Landsberg. Axel Flörke, Kulturbürgermeister der Stadt, gesteht bei der Verleihung: „Fast hätte ich einen Dolmetscher gebraucht.“ Denn die drei reden ausschließlich das eigentümliche Idiom der Lechroaner: Oberbairisch mit einem Schlag Allgäuerisch drin. Und dem harten kehligen Klang, der die Spuren der Tiroler verrät, die im 17. Jahrhundert den nach Krieg und Pest entvölkerten Landstrich besiedelten. Ihre Heimat.

Und da wollen sie trotz des Erfolgs keinesfalls weg. „Muss ja nicht gleich Apfeldorf sein“, sagt Linder. Und fügt hinzu, anspielend auf eine alte Rivalität zum Nachbardorf: „Aber Kinsau braucht’s dann doch nicht zu sein.“

Weitere Infos zur „Dreieckmusi“ sind online zu finden unter www.dreieckmusi.de. Dort ist auch das Album „Horch a Moll“ erhältlich.

Klaus Mergel

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