Standing Ovations im Landsberger Stadttheater

Dreiviertelblut spielt von der Odlgrube ins Paradies

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Dreiviertelblut räumte im Stadttheater ab: Sänger Sebastian Horn (Mitte) neben Gerd Baumann (rechts) und Dominik Glöbl an der Trompete. Den Puls schlägt Benjamin Schäfer am Bass.

Landsberg – Am Anfang steht die „Wahrheit“, am Ende das „Paradies“. Dazwischen zerrüttete Familien, Friedhofsfeten, tanzende Teufel – das Leben. „Dreiviertelblut“ serviert textlich keine Häppchen. Vielmehr schwere Kost, die im Magen liegt. Besser gesagt: liegen könnte. Denn da ist ja noch die Musik, die auffängt wie ein Sicherheitsnetz. Und im dritten Album von Dreiviertelblut ist sie … ja, fröhlicher. Schneller, jazziger. Passend zum Albumtitel „Discothek Maria Elend“: eine Feier der Sterblichkeit. Das Publikum im ausverkauften Stadttheater spendet Standing Ovations. Für ein Konzert, das in Erinnerung bleibt.

Der Song „Die Wahrheit“ startet heimelig: ein Walzerrhythmus von Gerd Baumann an der Gitarre. Der aber massiver wird. Stampfend, schwer, Walzer in Skistiefeln. Passend zum Text. Denn in dem geht es um Depressionen, „himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt“. Ein Text über eine verkehrte Welt, in der das Nichts thront und der Tod lauert. Texte, wie man sie von Dreiviertelblut kennt – und liebt.

Sänger Sebastian Horn schreibt die meisten. Dass Horn Sprache zu eigen ist, zeigt sein Sprechgesang, auf „Discothek Maria Elend“ oft zu hören. Oder auch Zeilen wie Zungenbrecher, wenn im Werwolflied „Schau“ der Kiefer der Dame „knackt exakt im Takt der Tische, die der Kellner zusammenklappt“. Bei manchen Texten legt auch Band-Mitgründer und Komponist Gerd Baumann Hand an. Zum Beispiel bei „Die Wahrheit“. Oder auch beim schrägen Titelsong „Maria Elend“, den die Band in Landsberg das erste Mal live spielt. Der beginnt mit einem „Huilf ma!“ und endet mit einem „Du bist ois“. Ein Alles, das abhängig macht, lebensnotwendig ist; ein Alles, das quält. Die Qual deutlich in der Musik zu hören. Dennoch, die Texte sind nie lebensverneinend. Vielmehr loten sie Leben aus. Eben auch den Abgrund.

Vom ersten Ton hat Dreiviertelblut das Publikum bei sich. Ob sie nun eine Art Zwiefachen mit vertracktem Rhythmus wie in „Odlgruamschwimmer“ anstimmen, ob sie sich bei „Wuist du mit mir danzn“ fast selbst überholen; oder ob sie in „13 Minuten“ über den Hitler-Attentäter Georg Elser in zarter Melodie singen, dessen Bombe 13 Minuten zu spät zündete – 13 Minuten, in denen „der Herrgott Golfspuin“ war: Man hängt an ihren Lippen, versinkt in der Musik, die jeglichen anderen Gedanken aus dem Kopf drängt. Diese Intensität liegt auch in Dominik Glöbls Trompeten- oder Hornspiel, sanft, drängend, fanfarengleich, oft im Duo mit Florian Riedls Bassklarinette, die der auch tonlos, nur mit Luftsäulen bespielt. Wenn er nicht gerade auf dem Moog eine singende Säge imitiert. Intensität liegt in Luke Cyrus Götzes hawaiianischer Lap-Steel oder Baumanns Banjo (nicht zu vergessen seinem Talent des endlosen Legendenspinnens). Benjamin Schäfer schlägt den Puls am Kontrabass, Flurin Mück den Herzschlag am Percussion. Zusammen nicht nur Dreiviertel-, sondern Vollblutmusik.

Auch dem Vorabend der Wahl zollt Dreiviertelblut Tribut. Sie spielen „Sturm“, über das Entsetzen, „dass Nazis ins Parlament einziehen“, was Horn und Co. „senkrecht in die Luft kotzen lässt“. Und die Hymne „Mia san ned nur mia“, ein Miteinander statt Abgrenzung, ein „Willkommen“ statt Abschiebung. Der Song, den ein Zuschauer im Namen vieler mit einem beherzt-lautem „Genau!“ beschließt. Nach knapp dreieinhalb Stunden Musik begeisterte Standing Ovations. Die zweite Zugabe lockt zum Tanz mit dem Teufel. Und am Ende singt der ganze Saal: das „Paradies“.

Susanne Greiner

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