Bravo-Rufe für die Memminger

Durch Erzählen die Welt verstehen: „Die Füße im Feuer“ im Stadttheater Landsberg

Klaus Philipp als „versetzte Braut“ (links) mit der „Kindsmörderin, gespielt von Regina Vogel.
+
Im Vorzimmer der Unterwelt: Klaus Philipp als „versetzte Braut“ (links) mit der „Kindsmörderin, gespielt von Regina Vogel.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
    schließen

Landsberg - Balladen und Songs sind die Essenz des Theaterstückes „Die Füße im Feuer“. Zu sehen war das zum Abschluss eines mit zahlreichen Veranstaltungen gespickten Wochenendes im Stadttheater Landsberg. Gespielt hat das Ensemble des Landestheater Schwabens: überzeugend wie immer. Die Schauspieler wurden mit Bravo-Rufen belohnt.

Am Sonntagabend gibt es den zweiten Schlag Theater für diese erste Kulturwoche: „Die Füße im Feuer“ mit dem Landestheater Schwaben, inszeniert von Intendantin Kathrin Mädler. „Balladen und Songs“ verspricht der Untertitel. Aber leichte Kost ist es nicht, was das fünfköpfige Ensemble bietet. Es ist zwar pure Wonne, den hervorragenden Schauspielern auch beim Singen zu lauschen. Aber das Gezeigte scheint sich gegen einen Sinn zu sträuben. Will uns das was sagen? Ist das ‚nur‘ gute Unterhaltung?

Die Protagonisten agieren anfangs jeder für sich. Singen oder sprechen die Balladen, legen sich mit Inbrunst in Popsonggefilde oder müssen sich heftig übergeben – zumindest der Geisterreiter oder Geisterritter (Agnes Decker). Das Programmheft ist äußerst hilfreich, um die Figuren einzuordnen. Neben dem reitenden Ritter sind das ein „ewig nasser und verbrannter Seemann“ (André Stuchlik), eine „versetzte Braut“ (ganz besonders grandios: Klaus Philipp), eine „Kindsmörderin“ (Regina Vogel) und „die Kuratorin des Fegefeuers“ Ekaterina Isachenko.

Fegefeuer? Sind wir in der Hölle? Oder kurz davor? Zu Beginn müssen die Protagonisten einen Obolus an die Kuratorin entrichten. Dafür begleitet sie als Charon ihre Eleven am Klavier – ein Pendant zur Fahrt über den Totenfluss. Anfangs spricht jeder vor sich hin. Aber nach und nach hören die Figuren auf das, was der andere erzählt. Und interagieren, übernehmen Rollen, singen im Duett und Chor, helfen sich. Zu hören sind Balladen von Heine oder Fontane, natürlich die Loreley. Aber auch Cole Porters „Miss Otis regrets“oder ein leidenschaftliches „Hurt“. Vorgetragen wird mit allen Mitteln der Dramatik, Epos, Lyrik, Drama. Die Inhalte sind herzzerreißend, lebensbedrohend, es geht um das „Alles und Eins“, wie Fontanes „Barbara Allen“ durch den Mund der versetzten Braut erzählt. Balladen sind das „lebendige Ur-Ei“, sagte Goethe. Balladen sind sensationsheischend. Denn was sie mitteilen, ist existentiell.

Das Bühnenbild (Mareike Delaquis Porschka) ist schaurig fantastisch klaustrophobisch schön. Schaukästen im Dunkeln, manche leer, in anderen tummeln sich Poesie-Requisiten: der Besen von Goethes Zauberlehrling, Herr von Ribbecks Birnbaum. Aber die Poesie selbst lebt – und zwar dann, wenn sie erzählt und somit gelebt wird. Denn dabei verwandelt sich Verstaubtes wie Fontanes „John Maynard“ in eine mitreißende Erzählung des immernassen Seemanns, und bei Gustav Schwabs „Der Reiter und der Bodensee“ meint man die Hufe zu hören – ohne dass der Erzähler etwas anderes als Worte von sich gibt.

Poesie meint Erzählen. Und „Erzählen ist die menschliche Immunreaktion auf eine (...) Krise“, wird Kulturphilosoph Robert Harrison im Programmheft zitiert. Wer erzählt, ordne das Chaos. Beim Erzählen ringen wir nach Worten, um unser Denken anderen mitzuteilen. So können wir das wilde Wollknäuel, übersetzt in die Kategorie Sprache, selbst fassen. Und erobern uns durch dieses Verstehen einen Standpunkt in der Welt.

Letztendlich scheint die begleitende Kuratorin alias Charon die Toten nur über den Fluss in die Unterwelt zu führen, wenn sie diesen Standpunkt erreicht haben. Wenn sie ihr Dasein – und vielleicht auch den Sinn oder fehlenden Sinn darin – akzeptiert haben. Am Ende erzählen sie vom „kühlen Grunde“: „Ich möcht am liebsten sterben, da wär‘s auf einmal still“, lauten die letzten Zeilen. Diese Stille schenkt ihnen die Kuratorin. Einen nach dem anderen schließt sie in die noch leeren Vitrinen. Die Vier folgen ihr ohne Zaudern. Sie gehen gerne.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Das Meditier“ am Schondorfer Ammerseeufer
Landsberg
„Das Meditier“ am Schondorfer Ammerseeufer
„Das Meditier“ am Schondorfer Ammerseeufer
Impfkritiker Rolf Kron darf vorläufig nicht mehr als Arzt praktizieren
Landsberg
Impfkritiker Rolf Kron darf vorläufig nicht mehr als Arzt praktizieren
Impfkritiker Rolf Kron darf vorläufig nicht mehr als Arzt praktizieren
Frau in Kaufering durch Schläge schwer verletzt
Landsberg
Frau in Kaufering durch Schläge schwer verletzt
Frau in Kaufering durch Schläge schwer verletzt
Start der Initiative Gartenzertifizierung »Naturgarten – Bayern blüht«
Landsberg
Start der Initiative Gartenzertifizierung »Naturgarten – Bayern blüht«
Start der Initiative Gartenzertifizierung »Naturgarten – Bayern blüht«

Kommentare