Durch die Hungersteppe

Riesige Schlaglöcher auf den unbefestigten Pisten Kasachtans machen Christian Rottenegger das Leben schwer. Fotos: Kniffler

Der Tacho zeigt 6026 km: Die Windacher Christian Rottenegger und Annette Kniffler, die nach Tibet zum Basislager des Shisha Pangma radeln und den 8027 m hohen Berg besteigen wollen, haben einen der härtesten Streckenabschnitte durch die sengend heiße kasachische Hungersteppe hinter sich. Im KREISBOTEN berichten sie von den Strapazen der letzten Wochen.

100 Kilometer hinter dem Kaspischen Meer endet die glatte Asphaltstraße, geht zunächst in kaum sichtbare Fahrspuren quer durch das einsame, magere Steppengebiet, dann in eine zerfurchte Sandpiste über. Oft finden sogar Radler keinen brauchbaren Weg durch die vielen teils metertiefen Schlaglöcher und müssen wie die LKW in wegloses Gelände ausweichen. Versorgungspunkte gibt es nur noch alle 70 bis 200 Kilometer. Wir fragen uns, wie lange wir es an einem solch abgelegenen Ort aushalten würden. Und doch fasziniert die Vielseitigkeit dieser kargen Unendlichkeit, die nur dem auffällt, der genau hinsieht. Zwischen den trockenen Steppengräsern versteckt blühen Thymian-Polster, die zusammen mit anderen Kräutern einen intensiven Duft verbreiten. An den wenigen Wasserstellen weiden Pferde, Kamele, Kühe und Schafe auf saftig grünem Gras. Vor allem aber ist es der Himmel, der sprachlos macht: Wie ein Kunstwerk wirkt er mit seinem tiefen Blau, den vielen Quellwolken und den weißen Schlieren, wie eine Bedrohung, wenn er sich innerhalb von Minuten schwarz färbt und gewaltige Gewitter losbrechen. Und abends scheint er in Flammen zu stehen. Nach acht sehr langen und anstrengenden Etappen zwischen 120 bis 250 Kilometer ist das nächste Zwischenziel erreicht: Aral, in dem noch immer das Hafenbecken ohne Wasser und drei verrostete Fischkutter an die Umweltkatastrophe, das Austrocknen des Aralsees, erinnern. Bei der unbequemen Duschaktion unter dem tröpfelnden Wasserhahn entscheiden wir, die geplante Pause hier auf einen Tag zu kürzen. In Qyzylorda zeigt der Tacho 6026 Gesamtkilometer. Statt Fertignudelsuppen und Keksen gibt es endliche wieder vielseitigere Nahrung. Vorsichtshalber verzichten wir noch immer auf Fleisch – in Kasachstan stehen die für Schaschlik eingelegten Hühnerschenkel durchaus mal im Plastikeimer unmittelbar neben dem mit Bier, Wodka und Wasser gefüllten Kühlschrank, der sengenden Hitze ausgesetzt. Aber auch die Pizza Margarita schmeckt in Qyzylorda wie der Himmel auf Erden. Und noch etwas wirkt wie Balsam nach all den Strapazen: Qyzylorda liegt direkt am Syrdariya, dem 2212 Kilometer langen Fluss, der den Aralsee speist. Dank des Wassers ändert sich die Landschaft schon weit vor der Stadt grundlegend. Während beim russischen Weltraumbahnhof Bayqongyr die Trockenheit noch daran erinnert, dass dies der nördliche Rand der Qyzylqum-Wüste ist, führen die letzten beiden Tagesetappen nach Qyzylorda durch Tugay-Auwälder mit Tugay-Pappeln und rosafarben blühenden Saxaul-Büschen. Die Straßen dagegen enttäuschen: Ab Aral, so hieß es, gebe es Asphalt. Doch Kasachstan will eine repräsentativere Verbindung zwischen Europa und China, richtet die Straße aufwendig her. Täglich stoßen wir mehrmals auf Sandhaufen, die kasachischen Straßensperren. Radler müssen wieder ins Gelände und auf den Pisten dort durch Sandfelder schieben. Das zehrt an den Kräften, der Motivation. Ab Qyzylorda sollen die Verhältnisse endlich besser werden. Mal sehen, ob das stimmt.

Meistgelesen

Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
80 Schafe verenden bei Stallbrand
80 Schafe verenden bei Stallbrand
Landrat klärt Mordfall
Landrat klärt Mordfall
Toll: Das erste Azubi+ ist da!
Toll: Das erste Azubi+ ist da!

Kommentare