Durch den Stein geht ein Riss

Etwa 2,20 Meter hoch ist der „Stein der Erinnerung“ an der Ecke Iglinger-/Bahnhofstraße, der am Sonntag im Gedenken an die Heimatvertriebenen enthüllt werden soll. Foto: Weh

Sie kamen mit nichts: Vertrieben aus der Heimat und nicht gerade willkommen dort, wo man sie aufnehmen musste. Dennoch schafften es die Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland, mit eisernem Willen wieder von vorne anzufangen. In der Nähe des Kauferinger Bahnhofs ermöglichte ihnen 1950 der damalige Landrat Otto Gerbl, sich ein neues Zuhause fern der Heimat zu schaffen – der Beginn von Kaufering-West. Mit einem „Stein der Erinnerung“, der am Sonntag eingeweiht wird, soll der Vertreibung, aber auch dem Neubeginn vor 60 Jahren gedacht werden.

Bis kurz nach Ende des zweiten Weltkrieges war Kaufering noch ein Dorf. Rund 900 Einwohner lebten zur damaligen Zeit in dem ländlich geprägten Ort östlich des Lechs. Doch mit der Vertreibung der Deutschen aus ihrer Heimat Ostpreußen, Pommern, Posen, Schlesien, Südosteuropa und dem Sudetenland wurden ab 1945 allein in Bayern rund eine Mio. Männer, Frauen und Kinder zwangsuntergebracht. So auch in Kaufering: 446 Heimatvertriebene wurden 1949 dort gezählt. Dass dies für beide Seiten nicht immer einfach war, daran erinnert sich Anita Seeberger vom Vorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft, Ortsgruppe Kaufering: „Die einheimischen Familien haben nach dem Krieg selbst nichts gehabt und mussten uns aufnehmen, uns ein Zimmer und die Küche zur Verfügung stellen. Die hatten uns nicht eingeladen.“ Für das spärliche Essen und die Unterkunft mussten die Fremden hart arbeiten. Und die unterschiedlichen Dialekte trugen nicht gerade zur Verständigung unter den Hausbewohnern bei. Heute sei sie den Familien aber trotzdem dankbar dafür, dass sie sie aufgenommen hätten, sagt Seeberger, die 1945 im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie über sechs Wochen lang mit einem Treck aus ihrer niederschlesischen Heimat Poischwitz (heute Paszowice/Polen) geflüchtet war. Dass Kaufering einmal das Zuhause werden würde, wollte sich in den ersten Jahren niemand vorstellen. „Wir dachten ja immer, wir kommen wieder zurück in die Heimat“, erzählt Horst Martinetz, seit 1986 Ortsobmann der Kauferinger Sudetendeutschen Landsmannschaft. Er war 1946 als Acht­- jähriger zusammen mit seiner Mutter und dem jüngeren Bruder nach der Vertreibung aus Unterwisternitz (heute Dolní Vestonice/Tschechien) zunächst in Holzhausen bei Buchloe gelandet. Aber als sich 1950 klar abzeichnete, dass es für die Heimatvertriebenen kein Zurück mehr gibt und die beengte Wohnungssituation immer mehr zum Problem wird, ergriff der damalige Landrat Otto Gerbl die Initiative: In der Nähe des Kauferinger Bahnhofs ließ er zunächst zwei Zehnfamilienhäuser für einen Teil der im gesamten Landkreis zwangsuntergebrachten Vertriebenen bauen. Auch Baugrund wurde rund um den Bahnhof und die Iglinger Straße ausgewiesen und für 50 Pfennig pro Quadratmeter an die Vertriebenen verkauft. Ihre Eigenheime in der „Siedlung“ bauten sie selbst. „Mit Muskelkraft wurden die Keller ausgehoben“, erinnert sich Martinetz. Für Kaufering selbst stellte die Ansiedlung der Heimatvertriebenen den Beginn einer rasanten Ortsentwicklung dar. Es entstand Kaufering-West. Gebaut wurden unter anderem die Pfarrkirche Maria Himmelfahrt, ein Kindergarten, die Schule, aber auch Arbeitsplätze wurden geschaffen: 1956 siedelte sich mit der Polstermöbelfirma Bals der erste Gewerbebetrieb auf dem heutigen Gelände der Firma Hilti an. Grund genug für die Marktgemeinde Kaufering, den Menschen, die ihre Heimat und ihre Wurzeln verloren haben, jetzt mit einem Gedenkstein Respekt für ihre Aufbauarbeit, ihren Fleiß und den Zusammenhalt zu zollen. Der „Stein der Erinnerung“, wie er genannt wird, soll am kommenden Sonntag um 11.15 Uhr an der Ecke Iglinger-/Bahnhofstraße (bei der Feuerwehr) feierlich eingeweiht werden. Die Idee dazu stammt, so Anneliese Martinetz, von Bürgermeister Dr. Klaus Bühler. Vor etwa einem Jahr sei er an den Vorstand der Sudetendeutschen Landsmannschaft herangetreten und habe angeboten, mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde einen Gedenkstein aufzustellen. Den passenden Stein dazu sollte jedoch Anneliese Martinetz aus ihrer Heimat Saubsdorf (heute Supicovice/Tschechien) besorgen. Saubsdorf, das seit 50 Jahren eine Patenschaft mit Buchloe unterhält, ist mit seinen Steinbrüchen weltweit bekannt für seinen schlesischen Marmor. „Im März sind wir dann bei Schnee und Matsch nach Saubsdorf gefahren, um einen Stein auszusuchen“, erzählt Anneliese Martinetz. Mit Hilfe eines Dolmetschers ging es in die Steinbrüche und schon bald fand sich der passende Gedenkstein. „Ich denke, dass der Stein sehr viel Symbolkraft hat“, ist sich Anita Seeberger sicher. „Durch den Stein geht ein Riss und der ist bezeichnend für unsere Geschichte. Auch durch unser Volk geht ein Schnitt, aber wir haben das gemeinsam überwunden.“ Es sei schön, dass Bürgermeister Dr. Klaus Bühler mit dem Gedenkstein der Geschichte Rechnung trage. „Für uns heißt das: Wir brauchen uns nicht mehr schämen.“ Auf die Frage, ob sie in Kaufering heimisch geworden ist, sagt Anita Seeberger: „Ich fühle mich hier sehr wohl, aber mein Herz wird immer an der Heimat hängen.“

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