BTI-Einsatz

Eching beschließt den Mücken-Garaus

Eching - Mückenplage - Reiner Jünger - Interview
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Auch das Fernsehen berichtet immer wieder über das extreme Mückenaufkommen im Echinger Ammerseegebiet. Hier „Mückenplage“-Vereinsvorsitzender Reiner Jünger beim Interview mit BR-Reporter Boris Berg.

Eching – Die Echinger haben in der Sommersaison zwei Probleme. Zum einen verstopfen Horden von Ausflüglern mit Autos und Motorrä­dern die Kaagangerstraße als Zufahrt zum See und Erho­lungsgelände. Zum anderen machen Schwärme von fiesen Stechmücken Anwohnern und Badegästen das Leben schwer. Die erste Beeinträchtigung lässt sich so schnell nicht beseitigen, für die zweite zeichnet sich eine Lösung ab.  

Mit einer Schranke oder einem Sicherheitsdienst wollte der Echinger Gemeinderat den Zustrom von Ausflüglern bändigen. Die Parkplätze beim Lokal Strandhaus direkt am See sind limitiert, so dass ungeniert wild am Straßenrand und sogar in Einfahrten geparkt wird. Schranke und Security hat die Polizei inzwischen eine klare Absage erteilt. Die Straße sei für alle da und private Wachleute hätten keinerlei Befugnisse. Nach einer zeitnahen Begehung mit Polizei, Landratsamt und ADAC soll nunmehr eine Lösung erarbeitet werden. Darauf hoffen die genervten Anlieger. Denn wenn Corona-bedingt im nächsten Sommer immer noch „Urlaub dahoam“ angesagt ist, wird sich das Zufahrts- und Park­chaos eher verstärken.

Mücken-Garaus

Bei der Mückenbekämpfung tut sich was, nachdem der Gemeinderat inzwischen eine Fachfirma beauftragt hat. Mit Schaudern erinnern sich die Echinger nach wie vor an den Sommer 2017 mit einer extremen Mückenplage. Besonders aggressiv gingen da die Stechviecher auf ihren Blutbeutezug im Biergarten, auf privaten Terrassen und auf der Liegewiese, wo manche Kinder wie Streuselkuchen aussahen.

Die Überschwemmungsmücken legen ihre Eier bevorzugt in den Ampermoos-Hochwasser­flächen ab. Wird diese Fläche durch starken Regen oder Hochwasser überschwemmt, schlüpfen binnen weniger Tage Millionen Stechmücken und beginnen ihre gnadenlose Jagd auf Menschen. Vor allem nachmittags und abends, bei hoher Luftfeuchtigkeit und in beschatteten Gebieten, treten sie dann massenhaft in Schwärmen auf.

Der Schondorfer Gemeinderat Rainer Jünger und gepiesackte Mitstreiter gründeten in diesem Extrem-Sommer den Verein „Mückenplage – Nein danke!“ und setzen sich seitdem dafür ein, bei den Überschwemmungsgebieten mit besonders ausgeprägten Mückenbrutstätten rund um den Ammersee eine Lösung zu finden.

Ihr Vorschlag für eine biologische Bekämpfung mit dem Bodenbakterium BTI (Bacillus thuringiensis israelensis) erzeugte allerdings auch viele kritische Stimmen. Obwohl das Mittel bereits seit Jahren erfolgreich am Chiemsee und am Ober­rhein eingesetzt wird. Natur- und Umweltschützer halten dagegen, dass man mit der Bekämpfung der Mücken den Fischen, Vögeln und Fledermäusen die Nahrung dezimiere. Dabei setzt der BTI-Einsatz ein behördliches Genehmigungsverfahren nach einer genauen Kartierung der Überschwemmungsgebiete voraus.

Ratsbegehren

Die Gemeinden rund um den Ammersee verschlossen sich bislang den Vorschlägen der Initiative „Mückenplage“. Bis auf Echings Bürgermeister Siegfried Luge. Auf Druck der Bürger stemmte er 2019 ein Ratsbegehren, bei dem sich 79,53 der Wahlbeteiligten für eine mögliche Bekämpfung der Mückenplagen mit dem Eiweißkristall BTI aussprachen. Damit gaben sie klar zum Ausdruck, dass die Gemeinde „in besonders mückenreichen Sommermonaten die Genehmigung bei der Oberen Naturschutzbehörde zur Ausbringung des Bakterienextraktes BTI auf den als Mückenbrutstätten festgestellten Überschwemmungsflächen durch Drohnen oder Handspritzgeräten beantragen darf“, wie die Formulierung auf dem Wahlzettel lautete.

Aber erst jetzt, fast ein Jahr nach dem erfolgreichen Ratsbe­gehren, ist die Gemeinde aktiv geworden und hat bei der jüngsten Gemeinderatssitzung die Firma Ökon GmbH mit der Kartierung der Brutstätten sowie Hilfe bei der Antragstellung beauftragt. Dieser Zuschlag löste beim Verein „Mückenplage“ allerdings Unverständnis aus. Denn Ökon habe nach Aussage Jüngers „bisher keinerlei Erfahrung im Bereich der Populationskontrolle mittels BTI“. Der Verein geht noch weiter: „Es bleibt die Frage offen, warum der Gemeinderat nicht dem wirtschaftlichsten Angebot der erfahrenen Firma Icybac GmbH den Vorzug gegeben hat.“ Es betrage nur ein Viertel des Ökon-Angebotes von rund 57.000 Euro. Sollte demnächst die Diskussion aufkommen, der tatsächliche BTI-Einsatz sei zu teuer, weise der Verein „schon heute darauf hin, dass nicht das wirtschaftlichste Angebot beauftragt wurde.“ Dieser entscheidende Schritt dürfte nicht aufgrund einer falschen Weichenstellung dem Sparzwang zum Opfer fallen.

Gift im Ammersee?

Den Skeptikern, die BTI als umweltschädlich einstufen, entgegnet der „Mückenplage“-­Verein, dass Gift und Chemie im privaten Kampf gegen die Stechviecher längst an der Tagesordnung sind auch in der Ammersee-Region. Die heimliche Giftspritze mit dem Wirkstoff Permethrin in die Hecke im eigenen Garten sei längst Realität. Und zum Sonnenbaden und Schwimmen reibe man sich kräftig mit Mückenschutzmitteln ein, die den bedenklichen Wirkstoff DEET (Diethyl-m-toluamid) enthalten. Dieser gelange beim Schwimmen und Duschen in den Ammersee und ins Abwasser.

Eine Stichprobe am 9. August dieses Jahres im westlichen und östlichen Zulauf der Ammerseewerke-Kläranlage in Eching ergab eine Konzentration von 16,5 Mikrogramm pro Liter. Hochgerechnet kämen an so einem Sommertag 32 handelsübliche Flaschen wie zum Beispiel „Anti Brumm Forte“ in der Kläranlage an. Das geht aus dem Prüfbericht des Echinger Agrolab-Wasserlabors Dr. Blasy und Dr. Busse hervor.
Dieter Roettig

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