KZ-Außenlager Landsberg

Wissenschaftlerin Edith Raim kritisiert Gedenkarbeit

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Das KZ-Lager Kaufering VII befindet sich nach Historikerin Edith Raim in keinem „besuchsfähigen Zustand“. Ebenso fordert sie für die Welfenkaserne Verbesserungen.
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Die Wissenschaftlerin Edith Raim

Landsberg/Kaufering – Unter der Überschrift „Gescheiterte Gedenkinitiativen. Die Beispiele Kaufering und Landsberg“ hat die Historikern Prof. Dr. Edith Raim in einem Buchbeitrag die Gedenkarbeit zu den KZ-Außenlagern kritisiert. Sie fordert, die Überreste des Lagers Kaufering VII „in einen besuchsfähigen Zustand“ zu versetzen und im Bunker in der Welfenkaserne „die wissenschaftliche Überarbeitung der Sammlung und die Erarbeitung einer zeitgemäßen Ausstellung“ in Angriff zu nehmen.

In einem Zeitraum von weniger als zehn Monaten, von Mitte Juni 1944 bis Ende April 1945, durchliefen zwischen 20.000 und 30.000 Menschen die elf „Kauferinger“ Außenlager des Konzentrationslagers Dachau. Aufgrund der elenden Lebens- und Arbeitsbedingungen kamen zwischen einem Drittel und der Hälfte aller Deportierten um. Sie sind in KZ-Friedhöfen rund um Landsberg verscharrt.

Die Wissenschaftlerin Edith Raim

Edith Raim, die zuletzt über die NS-Zeit in Murnau forschte, zeichnet in ihrem Buchbeitrag nach, was danach geschah. Die Überreste der meisten Kauferinger Lager seien nach 1945 dem Erdboden gleichgemacht worden, teils durch die Amerikaner, teils durch die lokalen Anwohner, „die sich aus den SS-Baracken brauchbare Materialien beschafften“. Das Lager Kaufering VII an der Erpftinger Straße habe noch bis in die 1950er Jahre Heimatvertriebenen und Flüchtlingen als Unterkunft gedient.

Eine Gedenkarbeit sei nicht systematisch aufgebaut worden. Sie sei heute in „desolater Lage“, konstatiert Raim, obwohl anders als bei vielen anderen Lagerorten sowohl bauliche Überreste (Kaufering VII) als auch Reste der Arbeitsstätten der Häftlinge (Bunker „Weingut II“ in der Welfenkaserne) vorhanden seien.

Raim zeichnet die Entwicklung plastisch nach. Anfang der 1980er Jahre sei, aus einem Schülerwettbewerb des Bundespräsidenten heraus, die Bürgervereinigung „Landsberg im 20. Jahrhundert“ gegründet worden. Dank einer großzügigen Spende eines jüdischen Überlebenden habe das Grundstück erworben werden können, auf dem sich die Tonröhrenbauten befinden. Auflage des jüdischen Mäzens sei es gewesen, eine der Öffentlichkeit zugängliche Gedenkstätte zu schaffen. „Doch wurde dies bis heute nicht erreicht.“

Nach einer anfänglich produktiven Phase habe eine Welle der „Säuberungen“ begonnen, „in deren Folge der Vereins­vorsitzende Anton Posset in autokratischer Manier missliebige oder auch nur kritische Vereinsmitglieder ausschließen ließ und den öffentlichen Zugang zu dem Grundstück verbot“. Die folgenden 25 Jahre stellten sich, so Raim, „als eine Abfolge grotesker Entwicklungen dar“. Der Vereinsvorsitzende habe das Fotografieren des immer stärker verwahrlosenden Grundstücks verboten und Eintrittsgelder erhoben. Überlebenden und Angehörigen habe er das Betreten des Grundstücks verweigert. „Selbst der israelische Botschafter Shimon Stein, der das Grundstück besuchen wollte, musste draußen bleiben“. Auch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege habe keinen Zutritt erhalten.

Gleichzeitig sei das Gelände „mit diversen Gedenksteinen überformt“ worden; „hinzu kamen Fahnenmasten, ein rostiges Gartentor, um den Zugang zu verhindern, sowie eine Kipplore, die mit dem Lager nichts zu tun hat“. Besucher seien vom Vereinsvorsitzenden „mit langwierigen Selbstdarstellungen oder Beschimpfungen überzogen“ worden, so zuletzt bei einer Gedenkfeier im November 2013.

Fast 70 Jahre nach Kriegsende habe sich die Bundesrepublik Deutschland dazu durchgerungen, die Überreste von Kaufering VII als Denkmal von nationaler Bedeutung anzuerkennen. Seit Mitte 2014 wurden die Tonröhrenbunker saniert. Von Bund und Land wurden 700.000 Euro bereitgestellt. 2016 überließ die Stadt Landsberg der Stiftung ein 800 Quadratmeter großes Grundstück mit baulichen Überresten. Die Bundesrepublik Deutschland habe sich „durch die Übergabe der Bunker an die Stiftung Europäische Holocaustgedenkstätte ihrer Verantwortung für die Bauten entledigt – ein beispielloser Vorgang für Geschichtsvergessenheit“, kritisiert Raim. Die Folgen seien sichtbar: „Das Grundstück ist bis heute nicht in einem besuchsfähigen Zustand. Der Zugang für die interessierte Öffentlichkeit ist nicht gewährleistet. Die gravierenden Eingriffe am authentischen Ort seien nicht beseitigt. Die Gesamtausdehnung des Lagers sei nicht markiert, es fehle ein Rundweg und die Hinweistafeln seien „defizitär“. Raim wörtlich: „Es gibt keine Führungen durch ausgebildetes Personal und es gibt keinen würdigen Gedenkort.“

Für den Bunker „Weingut II“ gelte Ähnliches. Die Bundeswehr „bemüht sich nach Kräften, die Geschichte des Bunkers aufzuarbeiten“. Mittlerweile sei auch „eine gewisse Empathie für die Opfer feststellbar“. Gleichwohl halte Vieles, was in den Räumen der Bundeswehr gezeigt wird, den Erfordernissen einer wissenschaftlichen Darstellung und einer modernen Präsentation nicht stand. Eine wissenschaftliche Überarbeitung der Sammlung und Erarbeitung einer zeitgemäßen Ausstellung sei dringend geboten.

In Kaufering habe sich das Gedenken zudem „in problematischer Form verselbstständigt“. 2009 wurde am Bahnhof in Kaufering ein Todesmarsch-Denkmal von Hubertus von Pilgrim platziert. „Kaufering war aber keineswegs nur eine Durchgangsstation wie Fürstenfeldbruck oder Orte im Würmtal, an denen sich die Todesmarschdenkmäler zu Recht befinden.“ Es sei „eine Verharmlosung, weil das Leiden der Opfer damit auf den vergleichsweise kurzen Zeitabschnitt des Todesmarschs reduziert wird.“ Bedenklich sei auch die räumliche Verschiebung vom authentischen Ort des Lagers Kaufering III in der Gleiskurve hin zum Bahnhof. „Die allerwenigsten Häftlinge haben den Bahnhof je betreten“. Anstatt sich um die tatsächlich vorhandenen Überreste der Lager zu kümmern, „wurde ein baufälliger Waggon mit einer carportähnlichen Scheune installiert“. 

Werner Lauff

Edith Raim, Aufsatz im Sammelband „Darstellen, Vermitteln, Aneignen - Gegenwärtige Reflexionen des Holocaust“. 530 Seiten. Herausgeber Bettina Bannasch und Hans-Joachim Hahn. Verlag V&R unipress, Göttingen. 60 Euro.

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