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Egling startet Projekt zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus

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Von: Andrea Schmelzle

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Teilnehmer der Arbeitsgruppe „Das Dritte Reich und wir“ im Brainstorming mit Dr. Clemens Tangerding (rechts) von der Uni Gießen.
Teilnehmer der Arbeitsgruppe „Das Dritte Reich und wir“ im Brainstorming mit Dr. Clemens Tangerding (rechts) von der Uni Gießen. © Vila

Egling – Lokale NS-Geschichte aufarbeiten und aufbereiten: Als kleinste Gemeinde macht Egling mit beim bundesweiten Dachprojekt „Das Dritte Reich und wir“ – und setzt sich mit den Spuren des Nationalsozialismus in der eigenen Gemeinde auseinander. Getragen wird das Eglinger Einzelprojekt in erster Linie vom Kultur- und Heimatverein der Gemeinde und deren engagiertem Vorsitzenden Christopher Vila, ausgeführt wird es in Kooperation mit der Universität Gießen. 

„Geschichte(n) vor der Haustür zu entdecken und zu erzählen ist ein bisschen unser Leitsatz“, sagt Christopher Vila, eine Art „übergeordnete Strategie“, im Rahmen derer man gleich mehrere Projekte „am Start“ habe (unter anderem das Digitalprojekt „#kein Rembrandt“, der KREISBOTE berichtete). Zum Thema Zeitgeschichte wolle man sich jetzt dem vor allem im ländlichen Raum immer noch häufig Tabu-behaftetem Thema des Dritten Reiches beschäftigen. Die Geschehnisse im Nationalsozialismus würden meist auf Opfer- oder Täterstätten projiziert, meint Vila, etwa die Feldherrnhalle in München oder das Konzentrationslager in Dachau. Es gebe ja aber auch noch viel drumherum.

Die Geschichten seien zum Teil gar nicht bekannt oder sie „schlummern irgendwo auf dem Dachboden oder in einer Schublade“, etwa Briefe, Fotos etc. Die „große Geschichte“, die setze sich aus vielen kleinen, persönlichen Geschichten zusammen. Und die würden erst einen klaren Blick auf die Geschehnisse vor Ort geben.

Egling war im Dritten Reich nicht unbedeutend. So sei die Gemeinde etwa„Blockstandort“ gewesen. Der Name leitet sich vom städtischen Häuserblock ab. Solche Standorte gab es aber auch in den Dörfern, wo ein „Blockwart“ mehrere Bauernhöfe oder Arbeiterhäuser überwachte. „Zudem hatten wir einen Ortsgruppenführer, der für Egling und einige Nachbargemeinden zuständig war“, erzählt Vila. Eigentlich sei er Oberlehrer gewesen. Er habe die Parteiinteressen der ­NSDAP vertreten, was zu Auseinandersetzungen mit der Kirche und Protesten in der Bevölkerung geführt habe. Durch Egling sei ein Todesmarsch durchgezogen, berichtet Vila weiter. Zwei Personen seien in der Gemeinde hingerichtet worden. Oberhalb von Egling stürzte ein englischer Flieger ab, der erst in den 2000er Jahren exhuminiert worden sei.

Es gehe aber auch um die Nachkriegszeit, die Folgen des Nationalsozialismus. Zum ersten Mal in der Geschichte Eglings habe sich 1947/47 hier eine jüdische Gemeinde gebildet. Zudem habe man in Egling Vertriebene aufgenommen: „Ein komplettes Dorf ist 1946 eingerückt“, erzählt Vila, die „Erdberger“ seien sesshaft geworden. Über Nacht habe sich der Ort damit quasi verdoppelt – mit plötzlich zwei Dorfgesellschaften.

„Seit Oktober sammeln wir all die persönlichen Objekte und Geschichten, prüfen sie, mit Unterstützung der Historiker der Uni Gießen, in den Archiven gegen, sodass sie dokumentiert und zugänglich werden“, sagt Vila. All das passiert zwölf Monate lang hybrid – vor Ort im Heimatmuseum und digital – und soll im Herbst nächsten Jahres mit einer Ausstellung enden, die wiederum in einer Dauerausstellung mündet: „Egling im Nationalsozialismus“.

Die Arbeitsgruppe, der „harte Kern“, bestehe aus zwölf Teilnehmern zwischen 17 und 80 Jahren, sagt Vila. Einige seien Heimatforscher und Mitglieder des Heimatvereins Egling, andere kämen aus anderen Vereinen, etwa der Landjugend oder dem Soldaten- und Kameradschaftsverein. Immer noch könne noch jeder dazustoßen, der Interesse hat, so Vila. Auch, wer einfach nur Material zur Verfügung stellen möchte, aber keine Zeit hat, um aktiv mitzuwirken.

Das Projekt habe partizipativen Charakter: Ein Dialog solle es sein, in dem Themen zur Sprache kommen sollen, statt tabuisiert zu werden. Die jugendlichen Teilnehmer würden ganz offen Fragen stellen zu der Zeit, sie hätten ja meist keine Zeitzeugen mehr, an die sie sich wenden können. Im Umkehrschluss bedeutet das für Vila: „Wenn wir nicht bereit sind, Antworten zu geben, dann holen sich die jungen Leute die Antworten woanders“. Im Internet würden sie vermutlich viele Auskünfte finden – aber vielleicht nicht unbedingt die richtigen.

Für ein modernes Demokratieverständnis sei es wichtig zu verstehen, dass Ereignisse vor der eigenen Haustür stattgefunden haben, meint Vila. Dabei gehe es nicht ums Moralisieren oder an den Pranger gestellt werden, sondern um Neugier zu wecken für konkrete Details und Zusammenhänge der NS-Zeit.

„Wir müssen unsere Geschichte kennen, um Verantwortung zu zeigen für unser Handeln“, meint Vila. Damit wir unsere demokratischen Werte noch besser verstehen und leben können.Denn Zeitgeschichte ist auch Heimatgeschichte.“

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