Uri Chanoch über seine Flucht:

Freiheit unterm Sternenhimmel

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„Das werde ich nie vergessen”, sagt der heute 87-jährige Uri Chanoch über seine Flucht.

Landsberg – Uri Chanoch, 87, entkam der Ermordung durch die Nazis im letzten Moment: Er war Häftling im größten Außenlager des KZ Dachau in Kaufering. Als junger Bursche floh er bei der Bombardierung eines Zuges bei Schwabhausen. Eine Geschichte über die ersten Tage in Freiheit.

In seiner ersten Nacht in Freiheit schläft Uri Chanoch, gerade noch jüdischer Gefan- gener im KZ Kaufering, unter dem Sternenhimmel ein. Er liegt auf dem Waldboden bei Schwabhausen bei Kaltenberg, hat nur seine gestreifte Häftlingskluft am Leib. „Das war nicht so schlecht“, erzählt Uri Chanoch und lächelt. Nach all den Nächten in den stinkenden Baracken von Lager I, wo oft so viele Menschen auf den Pritschen lagen, dass sie auf der Seite schlafen mussten. Der kalte Waldboden bedeutete Freiheit. 

Uri Chanoch, 87, sitzt jetzt in der Lobby des Hotels in München, in dem er immer übernachtet, wenn er aus Tel Aviv herfliegt, um Schülern seine Geschichte zu erzählen. Er war ein Jugendlicher, als er durch die Nazi-Hölle ging. Jetzt, 70 Jahre nach Kriegsende, sagt er leise: „Manchmal weiß ich nicht mehr, was vorgestern war. Aber das, das werde ich nie vergessen.“ 

Kaufering war das größte Außenlager, ab 1944 ließen die Nazis dort Bunker bauen. Sie wollten Düsenjäger unterirdisch produzieren, sicher vor Luftangriffen. Von Juni 1944 bis April 1945 starben 6391 Menschen, andere Schätzungen liegen noch höher. Chanoch überlebte die Hölle – weil er auf den letzten Metern seine letzte Chance nutzte. Seine Familie stammte aus Litauen, als die Wehrmacht dort 1941 einmarschiert, müssen die Juden ins Ghetto nach Kauen. Tausende werden ermordet, tausende später als Zwangsarbeiter nach Kaufering gekarrt – dort brauchen die Nazis Arbeiter. 

Beim Transport werden die Chanochs auseinandergerissen, beim Zwischenhalt im KZ Stutthof sortieren die SS-Männer Uris Schwester und Mutter aus. Er sieht sie nie wieder. Sein Vater und sein Bruder kommen zunächst auch nach Kaufering, später aber nach Auschwitz. Der Vater wird vergast, Bruder Daniel überlebt. Doch das erfährt Uri erst viel später. 

In Kaufering spricht sich herum, dass der Krieg zu Ende geht. Ein Zug nach dem anderen verlässt das Lager, mit ausgemergelten Juden, die die Nazis nicht mehr brauchen können. Das Ziel: Dachau. Uri quält damals die Frage: „Wenn der Krieg schon fast zu Ende ist – warum muss man dann immer noch Juden töten?“ 

Am 27. April 1945 muss auch er in den Zug. Er ist schwach, barfuß, hungrig. Im Waggon ist es eng, und alle wissen: Das war es jetzt. Die nächste Station ist die Gaskammer. Plötzlich, der Zug ist gerade nahe Schwabhausen: Krach, Chaos. Die Amerikaner bombardieren den Zug, sie glauben, dass die Nazis darin Munition transportieren. Uri nützt das Durcheinander, haut ab – er erwischt Brot und Kartoffeln, die auf einem anderen Waggon liegen, und rennt in den Wald. In die Freiheit. Er trifft drei jüdische Jugendliche, die er aus dem Lager kennt. Die vier verbringen die ersten Tage in Freiheit miteinander. 

Es sind Tage voller Erleichterung. Aber auch der Angst. Denn schon nach der ersten Nacht kehrt die Frage zurück: Was nun? Ins Dorf Schwabhausen trauen sie sich nicht zu gehen. „Wir hatten Angst, dass sie uns an die Nazis verraten.“ Uri und seine Freunde legen jetzt alle Hoffnung auf Penzing bei Landsberg. Dort, so heißt es, seien die Amerikaner schon. Sie verstecken sich in einem verlassenen Bunker. 

Jeden Morgen muss ein anderer nach oben klettern und nachsehen, was sich tut. Als Uri am dritten Tag dran ist, sieht er einen Panzer. Uri sagt: „Ich weiß nicht – sind es die Russen, oder die Amerikaner? Auf jeden Fall sind wir befreit.“ Es waren die Amis. Die GIs geben den ausgehungerten Burschen Essen. „Vom Allerfeinsten“, erzählt Chanoch, vor allem an Beef aus Konserven erinnert er sich. „Aber wir durften nur sehr wenig essen. Sonst wären wir gestorben.“ Weil ihre Mägen nur dünne Suppe und Brot aus Sägemehl gewöhnt waren. Uri tankt Kraft und fragt sich nun: „Wie fängt man mit dem Leben an?“ 

Er ist 17, hat niemanden mehr. Ein GI schickt ihn nach Landsberg. Als er dort einen Amerikaner anspricht, passiert etwas, das Chanoch heute noch verwundert den Kopf schütteln lässt. Der Soldat hält eine Landsbergerin auf. „Wo wohnen Sie?“, fragt er sie. Die Frau hat Angst, sie nennt ihre Adresse. „Das gehört jetzt ihm“, sagt der Ami – und zeigt auf Uri Chanoch. Er zieht zu der Familie, darf im bequemsten Bett schlafen, er liebt es, vor allem die große, saubere Decke. Uri muss, ja soll das nicht tun, doch er revanchiert sich bei der Frau, ihrem Sohn und ihrem Mann, der einbeinig aus dem Krieg zurückkommt. Mit Essen, das er von den Amerikanern bekommt. 

Noch heute spaziert er manchmal durch Landsberg und erinnert sich an das Gefühl von Freiheit von damals. Und dass die Trauer über den Verlust seiner Familie oft stärker war. Und so macht er sich nach einigen Monaten auf die Suche nach seinem Bruder. Er fährt auf einem klapprigen Rad nach München, von dort aus nach Bologna, Italien. Tatsächlich findet er seinen Bruder Daniel. „Er war so klein, so schwach“, erzählt Uri Chanoch. „Ein Mirakel, dass er noch lebte.“ 

Daniel war eines von nur 31 Kindern, die Auschwitz überlebten. Die Brüder hatten nichts, außer zwei Decken. Die verkauften sie am Tag des Wieder- sehens, von dem Geld gingen sie ins Kino. Ein Jahr lebten sie in einem Lager in Italien, dann fuhren sie auf dem Schiff nach Palästina – als illegale Flüchtlinge. Über das, was sie erlebt hatten, sprachen die beiden erst als Erwachsene.

Carina Lechner

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