Ein »unerträgliches Denkmal« in Schondorf

Alexander Behnke am Pfitzner Denkmal
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Alexander Behnke setzt sich dafür ein, das Denkmal des umstrittenen Komponisten und Nazi-Sympathisanten Hans Pfitzner aus der Schondorfer Seeanlage zu entfernen.
  • Dieter Roettig
    VonDieter Roettig
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Schondorf – Unübersehbar in den Schondorfer Seeanlagen steht das Denkmal des wegen seiner Nähe zum Nationalsozialismus umstrittenen Komponisten Hans Pfitzner (1869 – 1949). Der heute weithin unbekannte Künstler lebte von 1919 bis 1929 in der Ammersee-Gemeinde, weshalb man in der Ära von Bürgermeister Gerd Hoffmann eine Straße nach ihm benannte und das Denkmal errichtete. Es wurde am 9. Mai 1999 anlässlich seines 50. Todestages und 130. Geburtstag feierlich enthüllt. Jetzt setzt sich der Uttinger Alexander Behnke für die Entfernung des „unerträglichen Denkmals“ ein. 

Wegen der Radikalisierung der Rechten wie mit dem Lübke-­Mord und den antisemitischen Anschlägen wie zum Beispiel in Halle hält Behnke die Entfernung für dringend notwendig: „Es ist nicht akzeptabel, dieser Person mit einer Geistes­haltung zu gedenken, die in Widerspruch zu Artikel 3 unseres Grundgesetzes steht und eine geistige Grundlage für rechtsmotivierte oder antisemitische Anschläge bietet“. Selbst das Anbringen eines ergänzenden Hinweisschildes ist für Behnke nicht ausreichend „wegen der Qualität von Antisemitismus und Hitlerverehrung, die Herr Pfitzner auch nach Ende der Nazi-Diktatur geäußert hat.“

Alexander Behnke hat schon mehrere Anläufe zur Demontage des Denkmals unternommen, unter anderem über die Fraktion der Grünen im Schondorfer Gemeinderat. „Leider erfolglos“, wie er konstatiert. Anlass für seinen neuen Versuch ist die Tatsache, dass sich immer mehr Städte genauer mit dem umstrittenen Komponisten auseinandersetzen und ihre Pfitzner-Straßen umbenennen. In Hamburg wurde daraus die Friedensallee, in Hamm die Lisztstraße, in Münster der Margarete-Moormann-Weg, in Lübeck die Clara-Schumann-Straße oder in Frankfurt die Lilo-Günzler-Straße. In Salzburg wurde gerade der Schlussbericht über „nach NS-belasteten Personen benannten Straßen“ veröffentlicht. Hans Pfitzner wurde dabei in der Kategorie „Gravierende NS-Verstrickung“ eingestuft mit der Empfehlung für die Umbenennung der Straße.

Musik für den Schlächter

Obwohl Hans Pfitzner scheinbar nicht Mitglied der NSDAP war, pflegte er enge Beziehungen zum System und seinen Schergen wie Hans Frank, dem „Judenschlächter von Polen“. Ihm widmete er sogar seine Komposition „Krakauer Begrüßung“. 1936 erhielt Pfitzner den Ehrentitel „Reichskultursenator“ und nahm an Sitzungen teil, auf denen über anti-jüdische Maßnahmen nach den November-Pogromen abgestimmt wurde. 1940 gab die Gauhauptstelle der NSDAP eine politische Beurteilung Pfitzners ab: „Dem Nationalsozialismus steht Pfitzner bejahend gegenüber“.

Seit 1923 war Pfitzner schon mit Adolf Hitler befreundet, der ihn nach einer Gallenoperation sogar im Krankenhaus besuchte. 1944 erhielt Pfitzner von Hitler eine Zuwendung von 50.000 Mark und wurde in die „Gottbegnadeten-Liste“ aufgenommen. Als einer der wichtigsten Musiker wurde Pfitzner von Hitler persönlich von allen Kriegsverpflichtungen befreit.

In Pfitzners nach 1945 entstandenen Schrift „Glosse zum II. Weltkrieg“ heißt es „Das Weltjudentum ist ein Problem & zwar ein Rassenproblem, aber nicht nur ein solches.“ Weiter schreibt er von der Judenvernichtung Hitlers als „Vertilgen einer bestimmten Insektensorte“ und relativiert die Vernichtung der Juden durch Vergleiche mit zum Beispiel der Vernichtung der Ureinwohner Nordamerikas.

Laut Wikipedia war der Komponist und Dirigent auch „Autor theoretischer und politischer Schriften, oft mit dezidiert antisemitischer Zielrichtung.“ Trotzdem wurde er 1948 im Rahmen der Entnazifizierung von der Spruchkammer München als „vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft. Dazu verhalfen ihm „Ehrenerklärungen“ unter anderem von Hans Knappertsbusch, Arnold Schönberg oder Carl Zuckmayer.

Leopold Ploner hat sich in seinem „Schondorf Blog“ bereits intensiv mit Hans Pfitzner auseinandergesetzt. Er meint, dass Pfitzner sicher der bedeutendste Komponist sei, der je in Schondorf gelebt hat (Hauptwerk ist die Oper „Palestrina“). Daher sei es verständlich, dass an prominenter Stelle an ihn erinnert werde. Man könne argumentieren, dass Denkmal und Straße dem Musiker gewidmet sind, nicht dem politischen Publizisten. „Aber kann man den Künstler Pfitzner einfach so vom Menschen Pfitzner mit seinen politischen Ansichten trennen?“

Sofort entfernen

Nein, so Alexander Behnke. Er fordert den sofortigen Abbau des Pfitzner-Denkmals und das Aufstellen einer temporären Hinweistafel mit einer qualifizierten Begründung des Abbaus. Behnke schlägt ein neues Denkmal vor für Christoph Probst aus der Widerstandsgruppe Weiße Rose. Er hat 1937 im Landheim Schondorf sein Abitur gemacht und wurde 1943 von den Nationalsozialisten hingerichtet. Für die Gestaltung des neuen Denkmals schlägt Behnke einen Künstlerwettbewerb vor. Dazu will er mit Schondorfs Bürgermeister Alexander Herrmann Kontakt aufnehmen.

Der allerdings sollte sich, unabhängig von der Für-und-Wider-Diskussion um das streitbare Objekt, auch den Zustand des Pfitzner-Denkmals anschauen. Vogelkot, Rost und abgefallene Buchstaben zieren dessen Oberfläche. Das Denkmal stellt Hans Pfitzner in seiner Schondorfer Zeit dar, mit einem Porträt nach einer Zeichnung von Willy Preetorius aus dem Jahr 1926. Im unteren Teil des Denkmals wird ein Ausschnitt aus Pfitzners persönlicher Notenhandschrift seines cis-Moll-Quartetts wiedergegeben, komponiert 1925 in Schondorf.

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