Das Corona-Virus und die Veränderungen

Neuer Alltag im SOS-Kinderdorf Ammersee

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Tristesse im SOS-Kinderdorf: Auch der Spielplatz vor der Kita bleibt in diesen Tagen leer bis wenig besucht. Die Einrichtungen mit Publikumsverkehr wurden geschlossen. Es gibt nur eine kleine Notfallgruppe in der Kindertagesstätte.

Dießen – „Ich vermisse meine Freunde und die Lehrerin“, erzählt die zehnjährige Mia (Name geändert). Sie wohnt mit ihren Kinderdorf-Geschwistern in einer der acht Familien des SOS-Kinderdorfs in Dießen. Wie bei allen Familien in Bayern, gelten auch hier die Regeln in Zeiten von Corona: Der Kontakt ist auf den Familienverbund beschränkt.

So dürfen sich auch beste Freundinnen, die im Dorf nebeneinander wohnen, nicht auf dem Spielplatz treffen. Auch wenn die Kinder das „doof“ finden, können sie der Situation etwas Gutes abgewinnen. So erzählt die zwölfjährige Verena: „In der Früh gehen wir erstmal raus und wir spielen Bockspringen im Wohnzimmer. Wir machen auch die Hausaufgaben im Wohnzimmer, alle an einem Tisch.“

Für die Mitarbeiter des SOS-­Kinderdorfs bedeuten die neue Situation, Höchstleistungen zu vollbringen. Seit Tagen arbeiten sie auf Hochtouren. Ein Krisenstab bespricht fortlaufend alle neuen Informationen, vereinbart Schutzmaßnahmen und Notfallregelungen. Die Arbeitsfähigkeit muss für die von SOS-Kinderdorf betreuten Kinder und Jugendlichen, sicherge­stellt werden. So werden Dienstpläne neu geschrieben und einheitliche Regeln für die Dorffamilien formuliert. Ziel aller Aktivitäten ist es, die Mitarbeitenden und die Kinder so gut wie möglich zu schützen. „Viele Familien sind dankbar, dass wir die Regeln sehr klar und für alle einheitlich formuliert haben, denn umso besser können diese an die Kinder kommuniziert werden“, erklärt Bereichsleiter Christoph Rublack.

Alle Mitarbeiter wissen, dass es jetzt in besonderem Maße auf sie ankommt. Gerade für Kinder, die viel Sicherheit benö­tigen, sind jetzt stabile Strukturen wichtig, die die SOS-Kinderdorfmütter und ihre Mitarbeitenden nun vorgeben. Sie kümmern sich um die Hausaufgaben und Lernpläne, die die Kinder von den Schulen bekommen und organisieren gemeinsame Bastel- und Spielerunden.

Erzieherin Maria Schmid erzählt gerne über die neue Situation in den Familien: „Wir versuchen, ganz kreativ den normalen Alltag aufrechtzuerhalten. Wir leben unsere Routinen, machen Schule mit den Kindern und sind immer da für sie. Sie wissen, dass sie sich auf uns verlassen können!“ Schmid beobachtet dabei, dass derzeit keines der Kinder besondere Ängste hat. So erklärt der elfjährige Marcel: „Gut, dass ich hier bin! Ich habe viel Zeit und hier ist einfach mein Zuhause.“ Die neunjährige Anna bestätigt, dass sie sich im SOS-Kinderdorf sicher fühlt und gleichzeitig hofft, dass es allen Kindern aus ihrer Klasse so gut geht wie ihr.

Wichtig ist für die Betreuenden, die Kinder und Jugendlichen mit den vielen bedrohlichen Medieninformationen nicht allein zu lassen und sie dort abzuholen, wo sie stehen: „Wir hören mit ihnen die Erwachsenen-Nachrichten. Danach setzen wir uns zusammen und besprechen alles ausführlich. Wir erklären ihnen, was gerade passiert und sie verstehen sehr viel!“, so Schmid.

Besonders beliebt sind in diesen Tagen die Familienspaziergänge und ein Ausflug in die dorf­eigene Mediathek: Dort können weiterhin Bücher, Spiele und DVDs ausgeliehen werden. Zeitfenster verhindern hier die Kontakte zwischen den Familien.

Großes Verständnis

Theoretisch gibt es bereits Pläne, dass die täglichen Lebens­mittelbesorgungen für alle SOS-­Kinderdorf-Familien zentral erledigt werden. Doch diesen Außenkontakt lassen sich die Kinderdorfmütter verständlicherweise noch nicht so gerne nehmen. Weitere Kontakte nach außen sind jedoch vorläufig eingestellt worden. „Wir haben allen Eltern der betreuten Kinder und Jugendlichen erklärt, dass wir persönliche Besuche derzeit zum Schutz der Kinder einschränken müssen“, so Rublack. Er lobte das große Verständnis und die Disziplin an allen Stellen.

Der Publikumsverkehr in den Einrichtungen des SOS-Kinderdorfs Ammersee-Lech ist komplett eingeschränkt – lediglich die Kindertagesstätte hat eine Notfallgruppe mit derzeit drei Kindern eingerichtet. Auch der Familientreffpunkt Minimax in Landsberg ist vorübergehend geschlossen und die dortigen Beratungseinrichtungen haben ihre Termine drastisch zurückgefahren.

Für SOS-Kinderdorf-Mitarbeitende, die selbst ihre Kinder betreuen müssen, sind, wo möglich, Home-Office-Arbeitsplätze eingerichtet worden. So können notwendige Verwaltungsaufgaben weiterhin erledigt werden. Dabei unterstützt der SOS-Kinderdorfverein als Träger der Einrichtungen, wo er kann – sei es in arbeitsrechtlichen Fragen, mit einer funktionieren IT-Infra­struktur oder durch Freistellungen einzelner Mitarbeiter.

Die Situation ist für das SOS-Kinderdorf, wie für viele Einrichtungen, in diesen Tagen sehr herausfordernd. Dieser Krisenfall zeigt jedoch auch, wie erfahren die SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter sind und wie gut jeder seine Aufgaben kennt. „Das Miteinander im Kinderdorf läuft sehr harmonisch ab – gerade auch wegen des langjährigen pädagogischen Hintergrunds aller Mitarbeiter“, lobt Einrichtungsleiter Andreas Brommont. „Ich finde es fantastisch, wie alle zusammenhalten und wie konstruktiv, ruhig und lösungsorientiert alles abläuft.“

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