750 Jahre Staatsgut Hübschenried in Dießen

Das Staatsgut und die Achselschwanger Milchkuh

Staatsgut Hübschenried - historisch
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Früher war Manpower gefragt in der Landwirtschaft. Das Foto aus dem Jahr 1938 zeigt die Belegschaft des Staatsguts Hübschenried mit zum Helfen eingespannten Ferienkindern in der Zeit des sogenannten „Reichsnährstandes“.

Dießen – Viele Jubiläen und Geburtstage konnten im letzten Jahr Pandemie-bedingt nicht groß gefeiert werden: Ob 125 Jahre Elektrizitätswerk Dießen, der 125. Geburtstag von Carl Orff, jeweils 100 Jahre Trachtenverein Dießen und Alpenverein Sektion Ammersee oder der 20. Töpfermarkt in den Seeanlagen. Während der Förderverein Schacky-Park mit 15 Jahren das jüngste Geburtstagskind ist, kann das Staatsgut Hübschenried auf eine 750-jährige Geschichte zurückblicken. Grund genug, den Nebenbetrieb von Achselschwang näher vorzustellen.

Während Achselschwang als Lehr-, Versuchs- und Fachzentrum für Milchvieh der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft vielen geläufig ist, kennen nur wenige das Jungviehzentrum Hübschenried. Es liegt idyllisch auf einer Anhöhe etwas abseits der Landstraße von Dießen nach Entraching mit Blick über den Ammersee. Das stattliche Anwesen mit Haupthaus, Nebengebäuden und Stallungen dient der Nachzucht für die Achselschwanger Milchviehherde. In zwei Laufställen werden bis zu 220 Jungrinder aus sechs verschiedenen Rassen gehalten. Seit 1994 verwaltet Michael Scheidler das Gut, während Georg Hammerl 2012 die Gesamtleitung von Achselschwang unter dem Dach der Bayerischen Staatsgüter innehat.

Wie Michael Scheidler erklärt, wird in Hübschenried die weibliche Nachzucht der Achselschwanger Milchviehherde betreut. Nach fünf Tagen Milch von der eigenen Mutter, zehn Tagen im Kälberiglu und bis zur zwölften Lebenswoche Fütterung mit Milchtränke, Heu, Getreide, Rapsschrot und Kraftfutter steht der Umzug von Achselschwang nach Hübschenried an. Hier steht den Tieren viel Frischluft und Licht unter Außenklimabedingungen zur Verfügung. Von April bis November sind die Tiere auf der Weide. Mit zwölf Monaten wird umgestallt in die große Gruppe. Abhängig von der körperlichen Entwicklung erfolgt ab 16 Monaten die künstliche Besamung. Bevor die Kühe wieder zurück nach Achselschwang kommen und in die Milchvieherde integriert werden, gibt es eine sog. „Vorbereitungsfütterung“. Mit etwa 26 Monaten kommt das erste Kalb auf die Welt und damit hat Achselschwang eine neue Milchkuh.

Ein Musterbetrieb für Jungviehaufzucht ist Hübschenried. Verantwortlich dafür sind Verwalter Michael Scheidler (vorne) und Gesamtleiter Georg Hammerl (rechts).

Im Jahr 1270 wird Hübschenried erstmals als „Halbhof“ im Besitz des Klosters Wessobrunn erwähnt. 1388 gehört Hübschenried als „Schwaige“ zum Kloster Dießen. Nach der Säkularisation kauft es 1815 das Königreich Bayern und gliedert es 1830 zusammen mit den Höfen Engenried und Westernschondorf an Achselschwang, wobei sich 1936 noch Romenthal anschließt.

Aber schon ein Jahr später wird Hübschenried ausgegliedert und als selbständiges Staatsgut mit eigener Verwaltung dem „Reichsnährstand“ unterstellt. Das war bis 1945 eine ständische Organisation der Agrarwirtschaft im Deutschen Reich. Die Arbeit des RNST konzentrierte sich vor allem auf die Lenkung der Produktion, des Vertriebs und der Preispolitik von landwirtschaftlichen Erzeugnissen.

Nach Kriegsende wurde Hübschenried kurzfristig von der UNRRA verwaltet, der Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen. Sie brachte sog. „Displaced Persons“ hier unter, also verschleppte und deportierte Menschen. Junge jüdische Bürger wurden in Hübschenried vor der Auswanderung nach Israel landwirtschaftlich ausgebildet.

1947 wird Hübschenried als Versuchsgut der Bayerischen Landesanstalt für Tierzucht in Grub angeschlossen. Nach Verpachtung des Nebenbetriebs Romenthal erfolgt 1956 erneut die Eingliederung in das Staatsgut Achselschwang. Der Umbau des Kuhstalls in einen Anbinde-Stall mit Gitterrost für Fütterungsversuche geht 1979 über die Bühne. Ab 2005 steht Hübschenried für die zentrale Jungviehaufzucht und wird 2020 in die Bayerischen Staatsgüter überführt.

Hübschenried mit seinem schmucken Haupthaus und den als Wohnungen vermieteten Nebengebäuden wirkt heute wie ein idyllisches Dorf und hat sogar einen eigenen Briefkasten. Sicher eine optimale Kulisse für ein großes Jubiläumsfest, das coronabedingt leider wie vieles andere ausfallen musste. Intern gab es aber eine abgespeckte Betriebsfeier zum 750. Jubiläum, natürlich streng nach den Hygiene-Vorschriften, wie Georg Hammerl betont.
Dieter Roettig

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