Eine Geschichte mit Zukunft

Konkurrenz belebt das Geschäft… Cartoon: Pfeffer

Sie ist den meisten wohl bekannt, die Legende von Sankt Martin, der einst seinen Mantel in einer bitterkalten Nacht mit einem Bettler teilte. Aus gutem Grund hat daher wohl auch Ludwig Streicher den Heiligen Martin von Tours zum Namenspatron seiner „Tennen“ gewählt. Mit diesen Warenhäusern für Neues und Ge­- brauchtes will der Seelsorger vor allem ärmeren Menschen die Gelegenheit geben, günstig einzukaufen. Die Nachfrage ist groß: Am vergangenen Montag eröffnete sein Verein „Stiftung Lebensfreude“ in Landsberg bereits die dritte „Tenne“ im Landkreis.

Angefangen hat alles vor gut vier Jahren. Streicher arbeitete damals noch als Diakon in Andechs, Dießen und Raisting und hatte tagtäglich mit den Sorgen und Nöten der dort lebenden Menschen zu tun. „Ich habe da eher wie ein Streetworker gearbeitet“, erzählt er. Doch nur mit Worten allein, sah Streicher bald ein, war den Bedürftigen nicht geholfen, weshalb der 60-Jährige damit begann, gebrauchte Möbel, Hauhsaltsgegenstände und Kleidung zu sammeln. Zuerst lagerte Streicher alles bei sich zu Hause in Utting, doch schon bald reichte der Platz nicht mehr. Anfang 2007 sah er sich daher nach einem geeigneten Lagerraum um und wurde in Denklingen fündig. Die erste „Tenne St. Martin“ entpuppte sich schnell als Erfolgsmodell, sodass Streicher Mitte 2008 die Kirche um die Auflösung seines Dienstvertrags bat, um sich ganz seinem Verein widmen zu können. Ein Jahr später gründete der 60-Jährige bereits eine zweite Niederlassung in Utting. Dass sich seine Idee derart rasant entwickeln würde, habe er zu Beginn nicht geahnt, sagt der freiberufliche Seelsorger heute. Nun in Landsberg Anfang Januar hat Streichers kleines Unternehmen nun ein weiteres Mal expandiert. In einer Halle in der Albert-Einstein-Straße findet sich seitdem die „Tenne St. Martin Landsberg“. Das Geschäft sei gut angelaufen, freut sich Streicher, der die Lechstadt schon seit längerem als Standort für sein Projekt im Auge hatte. Als das Rote Kreuz im vergangenen Jahr bekannt gab, sein Möbellager zum Jahresende aufzugeben, haber er nicht lange gezögert und die frei werdenden Räumlichkeiten angemietet, erzählt Streicher. Wie in den bestehenden Tennen wechseln seither montags bis samstags allerlei gebrauchte Alltagsgegenstände den Besitzer. Darüberhinaus bietet Streichers Verein auch diverse Dienstleistungen an. Ob Umzüge, Haushaltsauflösungen oder Rasenmähen: Für den Geistlichen sind seine Tennen mehr als bloßes „Kaufen und Verkaufen“. Mehrere Teilzeitstellen habe er so schon geschaffen, sagt er stolz, Jugendliche würden im Verein ihre Sozialstunden ableisten. „Es ist eine Geschichte mit Zukunft“, ist Streicher überzeugt. Demnächst soll ein samstäglicher Flohmarkt das Angebot in Landsberg erweitern. Eröffnung ohne Landrat Am Montag fand nun erst einmal die offizielle Eröffnungsfeier statt. Als Laudator konnte Streicher CSU-Land­tagsab­ge­ordneten Dr. Thomas Goppel gewinnen. Landrat Walter Eichner (CSU), der den Eröffnungen der ersten beiden „Tennen“ noch beigewohnt hatte, blieb dagegen diesmal fern, er hatte einen anderen Termin, hieß es aus der Kreisbehörde, und keinen Vertreter in die „Tenne“ entsandt. Ohnehin ist man im Landratsamt wenig begeistert über Streichers neuesten Coup, bedeutet er doch Konkurrenz für das kurz vor der Eröffnung stehende Sozialkaufhaus, das der Landkreis gemeinsam mit neun weiteren Partnern ins Leben gerufen hat. Wenig begeistert Landsberg – Eigentlich hätte Peter Rasch allen Grund zufrieden zu sein. Die Renovierungsarbeiten am Gebäude des neuen Sozialkaufhauses im ehemaligen Penny-Markt am Schongauer Dreieck schreiten gut voran. Mitte April soll der Innenausbau stehen, die Eröffnung ist für den 27. Mai geplant. Doch der Leiter des Sozialamtes ist verärgert, denn sein „Baby“, wie Rasch das Projekt liebevoll nennt, hat unerwartet Konkurrenz bekommen. Mehr als zwei Jahre haben Rasch&Co. die Gründung der Beschäftigungsinitiative Landsberg, kurz BILL, vorangetrieben, die Menschen mit sozialen Problemen, psychischer Erkrankung oder körperlicher Behinderung den Weg zurück in den Beruf ebnen soll. Dreh- und Angelpunkt ist das Sozialkaufhaus, in dem gebrauchte Möbel verkauft werden. Die Palette der zusätzlich angebotenen Dienstleistungen reicht vom Abbauen der Möbel bis zum Montieren beim neuen Besitzer. Zehn Gesellschafter haben sich der Initiative angeschlossen, darunter das Rote Kreuz. Um sich nicht gegenseitig Konkurrenz zu machen, erklärte sich das BRK bereit, sein Möbellager Ende 2010 zu schließen. „Wir wollten für alle eine Win-Win-Situation schaffen“, erklärt Rasch. Umso enttäuschter sei er daher gewesen, als er erfahren habe, dass der Uttinger Ludwig Streicher in der frei gewordenen Halle ein Gebrauchtwarenhaus einrichten wolle. Seit Januar bietet Streicher nun dort das an, was ab Mai auch im Sozialkaufhaus erworben werden kann. „Es ist traurig, denn ich hatte ihn über unser Vorhaben informiert“, sagt Rasch. Streicher hingegen kann die Aufregung nicht verstehen. Es sei schließlich ein Markt für zwei solcher Einrichtungen da. „Ich sehe uns daher nicht als Konkurrenten.“ Rasch hofft nun, über die Qualität zu punkten: „Wir sind kein Trödelmarkt, sondern haben den Anspruch, ein echtes Kaufhaus zu sein.“

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