"Drängen auf Veränderung"

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Die Landfrauen engagieren sich für die Hebammen. Von links: Mathilde Schmelzer mit ihren Kindern, Kreisbäuerin Rita Behl und Hebamme Andrea Klinger.

Kaufering – Die Arbeit der Hebammen ist wichtig, doch trotzdem genießt sie kein hohes Ansehen und wird nicht gut bezahlt. Nun bedrohen kontinuierlich steigende Versicherungsbeiträge der Berufshaftpflicht, trotz derer sie oft für Schadensfälle selbst aufkommen müssen, die Existenz der Hebammen. Der Beitrag hat vor Kurzem einen Sprung von 20 Prozent gemacht und das bestehende Versicherungsangebot läuft 2016 aus. Die freiberufliche Hausgeburtshebamme Andrea Klinger hat am vergangenen Mittwoch einen Vortrag in Kaufering zu dieser Problematik gehalten.

Hebammen leisten eine Rundumbetreuung – Klinger betreut und begleitet jede Frau für etwa ein Jahr. Die Hausgeburten verliefen durch eine stressfreie Umsetzung übrigens meist problemlos und relativ angenehm, berichtet die erfahrene Geburtshelferin, machten in Bayern aber nur 3 Prozent aller Geburten aus – 70 Prozent der bayerischen freiberuflichen Hebammen arbeiten in Kliniken. Ärzte dürften keine Geburten ohne sie leiten, es bestehe eine „Hinzuziehungspflicht“. Außerdem gebe es ein Recht auf die freie Wahl des Geburtsortes. Der Staat sei also gezwungen, die Existenz der freien Hebammen zu ermöglichen. 

Die größte Sorge der Geburtshelfer ist momentan der sich erhöhende Versicherungsbeitrag. 6000 Euro im Jahr sei nun ein normaler Betrag, obwohl es weniger Schadensfälle gebe als früher. Diese gingen aber gleich in die Millionen, erzählt Klinger. Es gibt mehr medizinische Möglichkeiten bei Problemen, die aber sehr kostenintensiv sind und von der Hebamme getragen werden müssen. 30 Jahre nach der Geburt kann noch auf Folgeschäden geklagt werden. Wenn die Hebamme aber zum Zeitpunkt der Geburt für weniger versichert war, muss sie womöglich privat haften. Bei Klinikhebammen sei die Situation ähnlich: Die Kliniken versichern sie zwar meistens, aber oft nur auf einen relativ geringen Betrag. Daher sichern sich viele zusätzlich ab. In der Geburtshilfe kommen Klagen nicht selten vor, es gibt kaum eine Klinik ohne. Klinger begründet das auch damit, dass Schicksal und menschliche Fehler nicht mehr akzeptiert werden. 

Der Lohn bleibt im Gegensatz zu den Versicherungsbeiträgen aber bescheiden: Ein Wochenbettbesuch, der mehrere Stunden dauert, werde teilweise mit 20 Euro, wohlgemerkt brutto, honoriert, eine Hausgeburt mit 500 bis 600 Euro. Auch die Fahrtkosten seien nicht zu unterschätzen. Hebammen im Angestelltenverhältnis arbeiten oft 16 Stunden am Stück, betreuen sechs Geburten gleichzeitig und bekommen einen Lohn von 1700 Euro. Viele hielten das nicht lange aus, was sich in der händeringenden Suche nach Hebammen zeige: In München sei die Nachfrage nach Hebammen dreimal so groß wie das Angebot. 

Die bisherige Maßnahme bezeichnet Klinger als „lächerlich“: Die Krankenkasse zahle für erbrachte Leistungen etwas mehr, womit die Erhöhung der Versicherungsbeiträge finanziert werden soll. Nach den Abzügen sei dieses Geld aber kaum eine Hilfe, die Hebammen müssten immer noch dazuzahlen, um überhaupt einmal arbeiten zu dürfen. Anders in Österreich: Dort zahlen Hebammen nur 300 Euro an Versicherungsbeiträgen, da der Staat den Großteil der Pauschale abdecke, so Klinger. Die Einführung dieses Systems und eine Versicherung von nur bis 2 Millionen sei ein großes Anliegen vieler deutscher Hebammen. Versicherungen trauten sich nicht mehr, Hebammen zu versichern und fänden keine Rückversicherer mehr, was sich damit auch lösen würde. Die Gemeinschaft müsste dann für diese wichtige Dienstleistung aufkommen. Es gibt schon sogenannte Familienhebammen vom Staat, aber auch nur sehr wenige. „Warum führt man diese staatliche Unterstützung nicht grundsätzlich ein?“, fragt Klinger. 

Sie meint, dass ein soziales Netz entstehen müsse, sodass sich Frauen untereinander besser austauschen und unterstützen könnten. Das Treffen der Landfrauen, wo man sich mit den Problemen des Handwerks auseinandersetzt, ist ein Beispiel. Nötig sei auch ein steigendes Bewusstsein für die Problematik in der Öffentlichkeit und ein lauteres Drängen auf Veränderung. Man könne sich, auch oder insbesondere als Außenstehender, an Politiker wenden und auf das Problem dieser wichtigen Tätigkeit in unserer Gesellschaft hinweisen, schlägt Klinger vor. Die Landfrauen des Kreisverbands Landsberg zum Beispiel haben eine Unterschriftensammlung organisiert.

Judith Rietzl

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