Lasst Blumen sprechen

Eine historische Stadtführung entlang Landsberger Gärten

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Ein Garten mit asiatischer Tendenz: Bei der Stadtführung „Landsberger Gärten“ des Gästeführer­vereins wird Landsberger Geschichte anhand von Pflanzen erzählt.

Landsberg – Das Wort Garten leitet sich von Gerte ab. Gemeint sind aber nicht Gerten, die in einem Stück Land wachsen. Sondern die Gerten, die ein Stück Land umzäunen, es abgrenzen – und so die Garten­früchte vor dem Hunger Fremder schützen. Für die Stadtführung „Landsberger Gärten“ des Gästeführer­vereins öffnen sich einige dieser ‚Gerten‘. Und erzählen Geschichte auf ihre ganz eigene Art.

Gleich beim Treffpunkt am Bahnhof klärt Stadtführerin Elena Bröckelmann die Intention der Führung: Es geht nicht um Botanik, es geht um Geschichte. Bröckelmann ist Ingenieurin, hat aber auch Geschichte studiert: „Mich interessiert, wie etwas funktioniert. Und mich interessiert die Geschichte hinter Blumen.“

Der erste Gartenabstecher führt nach Japan, ein Land, das schon im 6. Jahrhundert mit Ikebana das Blumen-Arrangieren zur Kunst erhob. Das Kleinod verbirgt sich in der Nähe der Kirche St. Katharina. Ein Seerosenteich bildet das Zentrum, um ihn herum Kieswege, Büsche, Blumen und viele, viele Bon­sais, Landschaften in der Schale. Kiefern im Miniformat, Hainbuchen für Swifts Liliputaner, ein Apfelbaum für den Puppengarten. Der älteste Wildapfel, erklärt Bröckelmann, komme aus Kasachstan. Aus einer Region, in der die Stadt Alma-Ata, heute Almaty liege. Und Alma Ata bedeute nichts anderes als „Großvater des Apfels“. Der kasachische Wildapfel ist der Urapfel, von dem alle Sorten abstammen. Seine Samen kamen über die Seidenstraße nach Europa. Und alle heutigen Äpfel haben immer noch ein bisschen DNS vom asiatischen Urgroßvater.

Auch zu den Seerosen weiß Bröckelmann eine Geschichte: Das Europa des 18. Jahrhunderts kannte Seerosen, aber nur in weiß. Erst der Franzose Joseph Bory Latour-Marliac, seines Zeichens Anwalt und Hobbybotaniker, änderte das: Er kreuzte unter anderem eine mexikanische gelbe Seerose in die winterharte weiße ein. Das Ergebnis sei auch auf der Weltausstellung in Paris zu sehen gewesen, erzählt die Stadtführerin. Und dort sah sie Claude Monet, ließ sie sich von Latour-Marliac nach Giverny schicken und machte sie zum Star seiner Bilder.

Nur wenige Schritte weiter empfängt die Teilnehmer der morbide Charme des Friedhofsgarten der Leprosenkapelle. Ein Stückchen Grün, das eigentlich immer offen ist, aber selten besucht wird. Uralte Grabsteine, ziselierte Eisenkreuze, viel Efeu, der Bienen im Herbst nährt. Hier erzählt Bröckelmann von Kloster­gärten. Aber auch vom unromantisch begründeten Brauch des Brautstraußes, der in Europa in der Renaissance seinen Anfang hat. Die Menschen damals trauten dem Wasser nicht über den Weg. Damit die Braut nicht den überwältigenden Geruch der vielen Gäste riechen musste (auch nicht ihren eigenen) oder aufgrund der weihrauchgeschwängerten dicken Luft in Ohnmacht fiel, gab man ihr Duftendes mit: Lilien, Rosen, Myrte.

Über den Garten an der Katharinenstraße bei der Post, gegenüber den Wildäpfeln der Stadtverwaltung, geht es weiter zum Englischen Garten, wo es am Ufer des Lechs Wissenswertes zur Blumensprache Selam gibt. Die brachte die mit dem englischen Botschafter verheiratete Schriftstellerin Mary Wortley Montagu in ihren Turkish Embassy Letters, Briefen aus Istanbul, ins viktorianische Europa und gab so den schüchternen Männern die Möglichkeit, der Angebeteten durch die Blume ihre Sehnsucht mitzuteilen. Die wiederum konnte antworten. Mit Koriander: „Deine Nähe ist mir willkommen“. Oder einem Krokus: „Ich muss mir das noch überlegen.“

Nach der Karolinenbrücke führt der Weg entlang des steilen Hanggartens am Seelberg mit insektenfreundlicher Bepflanzung, von dort wegen der Hitze via Tiefgarage zum Hexenviertel und zum letzten Garten: dem der Eberls, einem großen Stück wildbunter Vegetation zwischen Hofgraben und Brunnenkircherl. Walter Eberl hat den Garten von seiner Mutter geerbt. Große Salbei- und Lavendelbüsche, manche der Rosen sind schon 85 Jahre alt. Früher habe er auch ein Gemüse­beet gehabt. Aber die Katzen … Jetzt ist dort ein kleiner Urwald. Eberl erzählt die Geschichte der Renovierung der kleinen Wallfahrtskirche mithilfe der Nachbarschaft und eines enthusiastischen 18-Jährigen, der schließlich Pfarrer wurde. Von dem großen Eröffnungsfest 1990 und dass seine Frau seither Mesmer ist.

Unter dem wunderbar angenehmen Schatten eines Zwetschgenbaums starten Pflanzengespräche. Und natürlich hat Elena Bröckelmann den passenden Trank für diese Stadtführung mit dabei: duftend süßen Holunderblütenlikör.
Susanne Greiner

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