„Unser Theater“ Schwabhausen

Einer für alle: Faust, Mephisto und das Gretchen

Klaus Wächter als Faust
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„Da steh‘ ich nun, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor“. Faust (wie alle anderen Rollen: Klaus Wächter) philosophiert in seinem Studierzimmer.
  • VonAndrea Schmelzle
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Weil/Schwabhausen – In einer ganz besonderen Version bringt das Kulturzentrum und Theaterlabor „Unser Theater“ Goethes Klassiker Faust I auf die Bühne. Ungekürzt und den gesamten Stoff auf drei Theaterabende verteilt. Klaus Wächter spielt den Faust. Er spielt aber auch den Mephisto, das Gretchen – und den ganzen Rest. 

„Wenn Faust einen Schnurrbart hätte, dann hätte auch das Gretchen einen“, subsumiert Wächter die Herausforderung der Umsetzung als Ein-Personen-Stücks. Seit über 20 Jahren will er Goethes Werk auf die Bühne bringen. Nun ist es soweit. Drei Vorgaben hat er sich gesetzt: Erstens: Den Stoff ein zweites Mal auswendig zu lernen (im Laufe der Jahre geriet er in Vergessenheit). Zweitens: keine Zeile zu streichen. Und drittens: Alles alleine zu spielen – sogar die „Massenszenen“, mit all den Verwandten, Studenten, Bürgern, Hexen und Geistern.

Wie soll das funktionieren?, könnte man sich fragen. Es funktioniert. Und zwar grandios. Durch imaginäre Figuren, die Wächter im Spiel gegenübergestellt werden. Jede der verkörperten Figuren nimmt ihre ganz eigene Körperhaltung, ihre eigene Sprechweise und Stimmfarbe an.

Wächter wechselt blitzschnell die Rollen – und deren Position, springt von links nach rechts, spaziert, wie in der Szene des Osterspaziergangs, durch das Publikum. Hier läuft ihm der berühmte Pudel zu, der sich als Mephistopheles entpuppt, „jener Geist, der stets verneint“, und „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und das Gute schafft“.

Auch dieser Auftritt wird geschickt gelöst: Der Pudel bleibt bis zu seiner teuflischen Verwandlung (begleitet von flackerndem Licht) imaginär. Verkörpert wird er einzig durch die Musik: schräg herausgestoßene Töne des Tenor-Saxophons symbolisieren das Bellen, Winseln und Hecheln des Tieres, bis klar wird: Der Teufel – „das war also des Pudels Kern“.

Fausts tragische Zerrissenheit zwischen irdischen und himmlischen Ambitionen, körperlichen und geistigen Bedürfnissen („Zwei Seelen, wohnen, ach in meiner Brust), zwischen Stärke und Schwäche, Glücksgefühl und Trübsinn, gibt Wächter glaubwürdig wieder. Ebenso den durchtriebenen, aber äußerst charismatischen Mephisto, der stets ein Grinsen auf dem Gesicht trägt.

„Tragik und Komik entwickeln sich durch Goethes Text“, sagt Regisseur Bernhard Jugel. Und der wird alles andere als nur vorgetragen. Selbst Gesang und Dialekt werden nicht verschmäht, so wird im Leipziger „Auerbachs Keller“ (natürlich) gesächselt. Und am dritten Abend schließlich, auf dem Höhepunkt der Walpurgisnacht, „rappen wir den Goethe“, so Jugel. Das Bühnenbild: wird angesagt. Kostüm und Requisite beschränken sich aufs Notwendige. In Fausts Studierzimmer ein Paravent, hinter dem der Schauspieler zwischen den Szenen verschwindet, ein Schreibpult, ein Regal mit Bibel, Nostradamus-Buch sowie „Tiergeripp und Totenbein“. Fünf Flöten, zwei Saxophone, ein Didgeridoo (alles: Martin Seeliger) sowie Percussion-Instrumente (Jugel) begleiten das Stück musikalisch, erzeugen Spannung.

„Das war‘s“, schließt Wächter schlicht am Ende des ersten Abends. „Morgen erzähle ich, was gestern war. Sie können es auch bei Reclam nachlesen.“ Das Publikum (ausverkauft) ist begeistert und das spricht sich rum: Es gibt einen Zusatzvorstellungsblock. Info: www.unsertheater.de.

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