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Einfach machen: »Hausmusik« und ein Festival

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Von: Susanne Greiner

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Hausmusik Epple Epp Petters Landsberg
Die „Hausmusik“-Keimzelle mit „Hausmusik“-Filmemacher Ricardo Moline (links hinten): Marion Epp, Wolfgang Petters (rechts) und Edmund Epple (hinten rechts). © Greiner

Landsberg – „Nicht lang schnacken, Kopp in Nacken“ würden die Macher des Labels „Hausmusik“ vielleicht ihre Devise beschreiben – kämen sie denn aus dem hohen Norden. Dem ist aber nichts so, ganz im Gegenteil: Sie kommen aus Landsberg. Das Musiklabel „Hausmusik“ wurde 1991 in der Lechstadt gegründet und blieb dort neun Jahre. Haupt­agitator dabei: Wolfgang Petters. Im November wird das Label entstaubt und neu beleuchtet: Bei „: m a c h e n 1 – zurück an die Zukunft!“, dem zweitägen, genreübergreifenden Festival im Stadttheater. Eine abenteuerfreudige Hommage an die Nischenkultur.

„Die erste öffentliche Erwähnung von ‚Hausmusik‘ hat es im Kreisboten 1991 gegeben“, sagt Petters beim Treffen zu diesem Artikel und legt einen winzigen Zeitungsausschnitt auf den Tisch: eine IN-OUT-Liste. „Hausmusik“ steht auf der IN-Seite. 1991 war das. Das damals in Landsberg gegründete Label ist schwer greifbar, setzt sich aus vielen Bausteinen zusammen. Die Grundlagen: Musik nicht nur für andere, sondern als Ausdruck der Musikerinnen und Musiker. Und Offenheit.

Der Anfang

Was war der Funke zur Labelgründung? Marion Epp, ein weiterer Hausmusik-Baustein: „Wir wollten was machen.“ ‚Wir‘ ist eine Gruppe von Leuten, die sich über Musik definiert, die selbst Musik machen will, auch wenn bis auf Petters und Achim Apitz niemand wirklich ein Instrument beherrscht. Auch Discy-Besitzer Edmund Epple ist dabei: „Der Funke war die rauschhafte Begeisterung nach einem Feelies-Konzert in Nürnberg, als wir im Auto zusammen zurückgefahren sind.“ Epp hat Bass erst in der ‚Band‘ gelernt, „dafür muss man nur die Grundtöne kennen“. Epple schrammelt die Rhythmus-Gitarre. Petters: „Ich habe mich sogar getraut zu singen.“ Eine Band? „Nein. Wir machen Hausmusik.“ Der Name war geboren.

Druckstock Hausmusik
Der Druckstock des Labels „Hausmusk“ zeigt deutlich: Hier wird von Hand gearbeitet. © Molina

Die drei, Klaus Patzak und Apitz sind der musikalische Kern, das „Fred Stocker Quartett“ – Antiquar Apitz hat einen Fetzen roten Samt mit diesem Namen gefunden, der wird an die Wand gehängt. Irgendwann kommt der 4-Spur-Taperekorder und die Idee zur Fred-Stocker-Platte. Epple ist dagegen. Sein Argument: „Warum eine Fred-Stocker-Platte machen?“ Und so wird es ein Sampler, 14 Stücke, 13 Bands, 17 Musiker. Epp: „Wir haben uns getraut, auch Unfertiges zu veröffentlichen. Das war verspielt, mit viel Quatsch im Kopf. Das war ein Gestus der Gemeinsamkeit.“

Das Cover ist natürlich handgemacht. Petters: „Wir haben aus dem damaligen Malerladen am Sandauer Tor Musterwalzen geholt. Damit konnte ich dann auch für jedes Cover eine andere Farbe verwenden.“ Beim Cover hat Epp als „Jimmy Draht“-Comic-Künstlerin die Finger im Spiel. Zu sehen: eine Haustür samt Hausnummer, von 1 bis 1.000 für die 1.000 LPs. Petters: „Man musste die Haustür mit einem Cutter ausschneiden. Die erste geht schnell, zehn sind OK, 100 ... naja. 1.000 Cutterschnitte sind viel. Wir haben uns wie so oft ein bisschen übernommen.“ Epp: „Und sind nicht schlau draus geworden. Beim nächsten Hand-made-Cover haben wir uns eine Pop-Up-Fledermaus in den Kopf gesetzt. Und nicht bedacht, dass wir die Flügel einzeln mit der Nagelschere ausschneiden müssen.“ Davon gibt es 500 Exemplare – 1.000 Fledermausflügel. Epp: „Danach hab ich dann mit Siebdruck weitergemacht, fast schon industrielle Produktion.“

Hausmusik macht weiter. Mehr Platten, mehr Bands, im Rücken stets die Weilheimer Szene mit „No­twist“, mit denen auch ein Auftritt des Stocker-Quartetts und damit die Verbindung zum Zündfunk kommt. Calexico veröffentlichen ihre erste Platte bei „Hausmusik“, ihr erster Live-Auftritt ist in Landsberg. Und immer: eine hohe Frauenquote im Programm, eine Besonderheit. Es gibt ein erstes Musikfestival 1996, ein Comicfestival 1997, das Isotope-Inselbad-Festival 1999, großer Andrang, Erfahrungen mit dem Landsberger Ordnungsamt und mit Auflagen. Epp: „Zermürbend.“ Das nächste Festival zieht nach München, ‚Feierwerk‘ lockt mit offenen Türen. Petters zieht mit.

Hausmusik wird immer bekannter. Die überregionalen Medien berichten über das Label mit Wurzeln in der „abgelegenen Weltregion“, der „bayerischen Provinz“, „die erste Adresse für intelligente Popmusik“ – oder wie Bernhard Jugel vom BR sagt: „Das ist Musik, die so weit von der Hitparade entfernt ist wie der Jupiter von der Sonne.“ 2006 gibt es noch ein Festival. Dann schlägt die Digitalisierung zu und Hausmusik stellt 2007 den Vertrieb ein. Aber immer wieder zuckt ein „Hausmusik“-Puls durch die scheinbare Stille.

Das Jetzt

Vor drei Jahren ist die Festival-Planung zu „: m a c h e n“ gestartet. Epple: „Mit Wolfgang und Marion als Kuratoren wollen wir Geschichten erzählen, die einen Link nach Landsberg haben. Vielleicht auch über Ecken, aber man kommt immer wieder hier an. Es wird eine Festivalserie, die die deutsche Indie-Szene abbilden will. Im normalen Programm-Rahmen war das schwierig. Mit diesen Minifestivals geht das.“ Epp: „Es ist experimentell, kein reines Musikfestival, genreübergreifend mit Film, Musik, Theater, Lesung, Ausstellung. Wir wollen dieses Potpourri wieder aufleben lassen.“ Teil 1 heißt „Zurück an die Zukunft“. Teil 2, im April 2023: „Analog und digital.“ Von da an immer zweimal im Jahr. Eigentlich sollte es schon letztes Jahr ein Event geben, zum 30sten von „Hausmusik“. Dann kam die Pandemie. Deshalb ist es eine Serie geworden, kleiner und trotzdem fein.

Man muss den Leuten von damals eine Bühne geben, sagt Epple, „was kam da von unten, aus der sogenannten Subkultur? Das zu zeigen ist doch für die Kulturleute in Landsberg eine Verpflichtung.“

„: m a c h e n1“ belegt das Stadttheater am 25., 26. und 27. November. Zu sehen: eine Installation mit den LP-Covern und Plakaten von „Hausmusik“. Zu Hören: „Le Millipede“ mit Mathias Götz, der seine neue Doppel-LP „Legs & Birds“ vorstellt – natürlich bei „Hausmusik“, zusammen mit Dhyana und Gutfeeling, erschienen. „A Million Mercies“ samt ebenfalls neuer Doppel-LP im „Hausmusik“- Heim. Und eine Lesung mit Katja Huber und Franz Dobler. Zu sehen: Ricardo Molinas Film „Hausmusik“ über „Hausmusik“ (siehe Artikel unten). Zum machen: Es darf getanzt werden. Als Ausblick steht Calexico. Epple: Vielleicht klappt es, und Calexico kommt nach Landsberg, um hier nochmals ihre allererste Platte in einem Konzert zu spielen.“ Ob und wenn ja wann? Abwarten.

Epilog

Als Zugabe gibt es das Relase der Single „Jacques Tati“, ein Archivstück von „Hausmusik“ – mit einer besonderen Geschichte: Epple: „Das Stück war eher ein Witz, meine Melodie-Erfindung über eine Apitz-Jazzfolge, ein Sound­track zum Sendeschluss, eben wie die Musik in den Tati-Filmen.“ Fast wäre aus dem Witz Epples Rente geworden: Die Londoner Werbeagentur Saatchi wollte das Stück für den Spot der Royal Bank of Scotland. Die Verhandlungen liefen, die Agentur holte sich die Rechte für Hongkong, Singapur und andere asiatische Länder. Die Rechte für die USA standen noch aus. Epple: „Quasi der Jackpot“, Aber dann kam der Banken-Crash, die schottische Bank mitten drin – und das Ende für „Jaques Tati“.

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