"Jacky" fühlt sich sauwohl

Wildschwein im Familienglück

+
Darauf steht Jacky ganz besonders: Streicheleinheiten im Kreise der Familie Hofmann; von links: Daniela, Magdalena, Sarah und Lucia.

Rott – Der tierische Plan ging auf: Wildschwein Jacky suchte ein neues Zuhause. Ihre Wahl fiel auf Familie Hofmann. Vor einem halben Jahr ist der längst zahme Vierbeiner einfach auf dem Bauernhof in Rott eingezogen. Und hat die Herzen der Familie im Sturm erobert.

Diesen Tag wird Familie Hofmann nie vergessen. Es ist ein Mittwoch im Oktober 2014. Opa Hofmann tuckert mit seinem Traktor übers Feld. Er will die Heuballen holen, als er plötzlich bemerkt, dass er verfolgt wird. Ein kleiner Frischling läuft ihm hinterher. Der Opa steigt aufs Gaspedal, versucht, das kleine Schwein abzuhängen. Das Jungtier trottet ihm nach – über die Straße, den Schotterweg hinauf, bis zum Bauernhof. Das Baby-Wildschwein hat sich etwas in den Kopf gesetzt: Es möchte in dem schönen Anwesen ein bisschen außerhalb von Rott einziehen. Raus aus dem kalten Wald, rein ins warme Nest. Das hat es sich ja schön ausgedacht.

Als Magdalena Hofmann (51) das Tier in der Hofeinfahrt entdeckt, weiß sie nicht so recht, was sie tun soll. Schließlich warnen Jäger ja immer vor Wildschweinen, weil sie gefährlich sind und den Menschen verletzen können. Der Neuankömmling aber ist scheu, nähert sich einem Eimer und schlabbert die Kuhmilch raus. Der erste Pluspunkt für den tierischen Gast. „Mit der Flasche hätten wir ihn nicht aufziehen können“, sagt Mama Magdalena. Das wäre zu viel Arbeit gewesen. Schon da spielt sie mit dem Gedanken, den vierbeinigen Besucher aufzunehmen. Vorsichtig tastet sie sich an das Tier mit den hellen Streifen auf dem Rücken und dem treudoofen Blick heran. „Der war so klein und süß“, sagt Tochter Daniela (13) heute. „Ich wollte ihn sofort behalten.“ Der neue Mitbewohner zeigt sich von seiner besten Seite. Ganz artig und schüchtern. Die Wildschwein-Bewerbungs-Masche. Schließlich will er die „Wohnung“ bei den Hofmanns bekommen.

Es hat gefunkt

Zwischen der Familie und dem Baby-Schwein – damals gerade mal drei Monate alt – hat’s sofort gefunkt. Nach zwei Stunden hat Mama Magdalena es das erste Mal gestreichelt. „Da war es schon zahm.“ Ein kurzes Telefonat mit einem Jäger später ist klar: Wahrscheinlich ist die Mutter gestorben und es sucht eine Ersatz-Familie. Der Frischling darf bleiben. Und der Wildschwein-Plan geht voll auf.

Fehlt nur noch ein Name: Neutral muss er sein. „Wir wussten nicht, ob es ein Männlein oder Weiblein ist.“ Jacky, das passt. Die Familie zieht einen weiteren Jäger zu Rate. Dann steht fest: Der Frischling ist weiblich. Seither lebt Jacky bei den Hofmanns und deren sieben Kindern. Gemütlich in einem großen Container mit Wiese im Garten. Zumindest wuchs dort mal saftiges Gras. „In den ersten vier Wochen hat sie alles umgepflügt“, erzählt Magdalena Hofmann. Wo früher einmal Hasen herumhoppelten, suhlt sich heute das Wildschwein genüsslich im tiefen Schlamm. Jackys eigenes Reich, ihr Paradies, ein Schweinestall im wahrsten Sinne.

Genießer-Schwein

Jacky hat bei den Hofmanns den Jack(y)pot geknackt. In den ersten Monaten durfte sie noch ins Haus, fraß den Katzen das Futter weg und lungerte auf der Wohnzimmer-Couch herum, um zu schmusen. „Sie ist ein Kuschelschwein“, sagt Mama Magdalena. Ihr Lieblingshobby: sich den Bauch kraulen zu lassen. Bei den Streicheleinheiten legt sie sich hin, dreht sich auf den Rücken und streckt die Beine von sich. „Da schaut sie immer aus, als wär sie tot“, sagt Tochter Sarah (23). So hat es sich das Genießer-Schwein in seinem neuen Zuhause vorgestellt. Wie im Wellness-Urlaub.

Inzwischen hat Jacky aber Hausverbot, „weil sie nicht mehr so gut riecht“, erklärt die 51-Jährige. Draußen darf das Wildschwein tagsüber frei herumlaufen und sich amüsieren. Es tollt mit den Kindern herum, spielt mit ihnen Ball oder wird auf dem Schlitten herumkutschiert, freilich nur wenn Schnee liegt. Als Dank gibt’s dafür manchmal sogar ein Bussi mit dem langen Rüssel und der feuchten Schnauze. Jacky ist das Nesthäkchen der Großfamilie. „Sie ist für mich wie mein achtes Kind“, sagt die Mama Magdalena.

Manchmal ist Jacky aber auch ein richtiger Frechdachs. Dann, wenn sie die frisch eingepflanzten Blumen ausgräbt, dem Opa die Schraubenzieher versteckt oder wenn er den Kälbern, die Tränkeimer klaut. Wenn’s um ihr Lieblingsgetränk, die Milch, geht, versteht Jacky sowieso keinen Spaß. Wehe, sie bekommt nicht gleich etwas ab. So wie damals, als Mama Magdalena die Kälber versorgt und die Stalltür vor ihr zugemacht hat. Wildschwein-Beschwerde-Schreie hallten durch den Hof. Die Tür ging auf, die Milch stand vor ihr, dann war Ruhe.

Trotz der Frechheiten würde Familie Hofmann es nie übers Herz bringen, sie wieder auszuwildern oder gar zu schlachten. „Jacky hat ein Wesen wie ein Hund“, sagt Magdalena. Treu, hilfsbereit – ein Freund fürs Leben. Und mit dem feiern die Hofmanns im Juli den ersten Geburtstag.

Jacky hat ihr Traum-Zuhause aufgespürt.

In der Abendschau

Die Abendschau (ab 18 Uhr) des Bayerischen Rundfunks (BR) berichtet am Mittwoch, 1. Juli, vom Wildschwein Jacky.

Manuela Schauer

Auch interessant

Meistgelesen

Kaltenbergs "letzter Ritter"
Kaltenbergs "letzter Ritter"
Umzug startet mit Schreck
Umzug startet mit Schreck
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Tempo 30 in der Münchener Straße
Tempo 30 in der Münchener Straße

Kommentare