Mit 9 plus 2 zur Mittleren Reife

Einzige Schule im Landkreis: Mittelschule Kaufering bietet eine ‚Vorbereitungsklasse‘ an

20 Schüler der Klasse Vorbereitungsklasse an der Mittelschule Kaufering, mit Schulleiter und Lehrer
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Die 20 Mittelschüler – 14 Mädchen und sechs Jungen – der derzeitigen Vorbereitungsklasse in Kaufering mit Lehrer Juri Olbrich (rechts) und Schulleiter Ralf Schütt (2. v. r.). Alle sind frisch getestet und haben fürs Foto die Maske abgenommen.
  • vonAndrea Schmelzle
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Kaufering – Für Schüler mit bestandenem qualifizierenden Abschluss der Mittelschule gibt es einen noch recht unbekannten, aber vielversprechenden Weg zur Mittleren Reife – das Modell „9+2“: neun Jahre für den „Quali“ und zwei weitere Jahre für den Mittleren Bildungsabschluss. Seit dem Schuljahr 2020/21 bietet die Mittelschule Kaufering im Schulverbund Weil das Konzept als Ergänzung zu den bestehenden M-Zügen an – und hat damit im Landkreis ein Alleinstellungsmerkmal, das bei den Schülern richtig gut ankommt.

In Bayern gibt es das Modell seit neun Jahren. Im Landkreis wurde es im Jahr 2016 von der Carl-Orff-Schule in Dießen angeboten – konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Dabei hat es eigentlich nur Vorteile. Der größte Mehrwert: die Zeit. Mehr als doppelt so viel Zeit steht den Schülern in diesem Modell zum Lernen, Vertiefen und Nachholen des Stoffs zur Verfügung.

„Diejenigen, die mit bestandenem Quali in die ‚normale‘ M10 gehen, haben oft große Lücken“, erklärt Schulleiter Ralf Schütt, der das Modell vergangenes Jahr in der Mittelschule Kaufering installiert hat und etablieren möchte. „Das können die wenigsten in einem Jahr aufholen.“ In zwei Jahren sehe das schon anders aus. Denn im ersten Jahr werde der Stoff der neunten Klasse wiederholt, vor allem in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch. „Die Schüler erarbeiten sich quasi die Lerninhalte der M9 und schaffen damit die Grundlage für das Weiterlernen auf M10-Niveau“, meint Schütt.

Gerade jetzt, in der Pandemie, mit Homeschooling und allen damit verbundenen Herausforderungen, sei diese „Mehrzeit“ wichtig für die Schüler. So einiges an Unterricht sei doch verlorengegangen, meint Schütt.

„Es ist praktisch, dass wir den Stoff nicht so schnell durchbringen müssen“, findet auch der 15-jährige Jeremy. Online-Unterricht sei eben immer etwas anderes und vieles werde auf Anhieb noch nicht so gut verstanden.

Noch nennt sich die Klasse, die von Lehrer Juri Olbrich geleitet wird, „9+1“ – „wir befinden uns ja im ersten Jahr“, so Olbrich. Die offizielle Bezeichnung sei jedoch: Vorbereitungsklasse 1 – oder später 2. Auf dem Weg von 9+1 zu 9+2 gibt es kein Durchfallen. „Wenn einer jedoch völlig danebenliegt, empfehlen wir ihm, sich Alternativen zu suchen“, sagt Schütt. Nach dem zweiten Jahr wird die Prüfung zur Mittleren Reife abgelegt, die identisch ist zur M10-Prüfung.

Zur Berufsfindung müssen die Schüler ein einwöchiges Praktikum durchführen – gerade sei das wegen Corona nicht machbar, aber grundsätzlich eine gute Möglichkeit, in verschiedene Betriebe und Berufe hineinzuschnuppern, meint Schütt. So werde die Berufsorientierung als tragende Säule der Mittelschule auch in dieses Konzept mit einbezogen. Die Schüler wählen zudem ein Praxisfach – Soziales, Technik oder Wirtschaft –, um intensiv an die Arbeitswelt herangeführt zu werden.

Zusätzliche Chancen

Klassenleiterprinzip, starke Berufsorientierung, intensive Förderung und zusätzliche Chancen seien die wesentlichen Stärken des Modells. Zudem gebe es zwar feste Kernfächer und vorgeschriebene Themen, aber deren Gewichtung könne zum Teil verschoben werden, erklärt Schütt, etwa in Fächern, in denen keine Prüfung geschrieben werde. Durch die flexiblere Gestaltung des Lehrplans könnten die Lehrer zudem auf aktuelle Themen eingehen – was auch Jeremy sehr gut findet.

Zielgruppe des Modells: Kinder mit verzögerter Leistungsentwicklung, Schüler, die längere Übungsphasen brauchen oder die den Notenschnitt für die Aufnahme in die M10 oder die Aufnahmeprüfung nicht geschafft haben, Kinder mit Migrationshintergrund und noch nicht guten Deutschkenntnissen. Die Aufnahmevoraussetzungen: ein bestandener Quali mit einem Notendurchschnitt von 2,5 oder besser. Bei einem schlechteren Durchschnitt wird eine Empfehlung der „abgebenden“ Schule benötigt. Eine wichtige Voraussetzung seien aber auch Leistungsbereitschaft und Motivation, sagt Schütt – in der Klasse fast ausnahmslos vorhanden. „Die Lernbereitschaft ist hier höher als in herkömmlichen Klassen“, meint auch Jeremy.

Die 20 Schüler der Klasse sind zwischen 15 und 18 Jahre alt und kommen aus mehreren, verschiedenen Schulen aus dem gesamten Landkreis. Das bedeute zum einen, dass sie alle einen etwas anderen Wissensstand haben, so Schütt. Deshalb müssten sie zunächst einmal auf das gleiche Level gebracht werden. Zum anderen würden sie zum Teil weite Wege und lange Fahrtzeiten in Kauf nehmen, um Teil des Modells zu sein. Die Verbindung etwa von Pflugdorf nach Kaufering sei nicht gerade optimal.

Die Schüler der jetzigen 9+1 haben zum Teil schon konkrete Berufswünsche. Lisa will zur Polizei, später zur Hundestaffel. Nafee möchte ein Internet-Unternehmen gründen, vorher die BOS oder FOS besuchen. Andere haben noch keinen Plan. Allen gemeinsam ist aber eines: Sie sind zuversichtlich, es zu schaffen und zufrieden mit dem Konzept: „Das können wir nur weiterempfehlen.“

Am Mittwoch, 5. Mai, um 19 Uhr gibt es einen Infoabend dazu. Vorläufige Anmeldung bis 30. April per E-Mail an: mittelschule@kaufering.de.

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