Kampf den Plagegeistern!

BTI-Einsatz löst Mückenkrieg am Ammersee aus

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Von Stegen aus über die Mücken-Brutgebiete im Ampermoos marschierten Anhänger der Initiative „Mückenplage - Nein, danke“ nach Eching, wo ein Aufklärungsabend für schonende Mückenbekämpfung stattfand. Vorne links Initiator Rainer Jünger (mit Mikrophon) neben Echings Bürgermeister Siegfried Luge.

Eching/Stegen/Ammersee – Ein regelrechter Mückenkrieg tobt zur Zeit am ansonsten idyllischen Ammersee. Da ist auf der einen Seite die Initiative „Mückenplage - Nein, danke!“, die sich für eine kontrollierte Reduzierung der Stechmücken stark macht. Und auf der anderen Seite werden über soziale Medien scheinbar „bewusst falsche Informationen“ gestreut, um die Bürger zu verunsichern. So schreibt ein User der Facebookseite der Gegeninitiative „BTI-Einsatz am Ammersee – Nein, danke!“, dass BTI ein chemisches Mittel sei, was flächendeckend am Ammersee ausgebracht werden solle.

Über solche „Fake-Meldungen“ kann Rainer Jünger, Gemeinderat in Schondorf und Gründer der überparteilichen Initiative „Mückenplage – Nein, danke!“ nur den Kopf schütteln. „Hätten die Verunsicherer am Aktionsabend teilgenommen, wären sie eines Besseren belehrt worden“, sagt er.

Am Nachmittag hatten sich schon einige Kommunalpolitiker im Echinger Rathaus getroffen. Bürgermeister Siegfried Luge konnte seine Amtskollegen Christian Schiller aus Herrsching, Alexander Herrmann aus Schondorf und Dießens Vize-Bürgermeister Peter Fastl begrüßen. Aus Inning war Kreis- und Gemeinderätin Barbara Wanzke und vom Wörthsee Gemeinderat Dr. Klaus Kaplaner zugegen. Biologe Mathias Galm von der „Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage“ (KABS) aus der Ober­rhein­ebene, erläuterte ausführlich, wie man hier und auch am Chiemsee das Mückenproblem mit BTI erfolgreich in den Griff bekommen hat.

Durch die Galms Argumentationskette konnte spontan Herrschings Bürgermeister Christian Schiller überzeugt werden. So wurden seine letzten Bedenken zerstreut, dass eine Bekämpfung der „Überschwemmungsmücken“ rund um den Ammersee mit dem Eiweißkristall BTI einen nachhaltigen Eingriff in den Naturhaushalt bedeuten würde.

Schiller will das Thema Mückenbekämpfung in einer der nächsten Gemeinderatssitzungen zur Sprache bringen und den Weg freimachen für das behördliche und naturschutzrechtliche Genehmigungsverfahren. Ihm zur Seite steht die Inninger Kreis- und Gemeinderätin Barbara Wanzke, die beim Thema Mücken seit Jahren gegen Windmühlen kämpft. Denn immer noch überwiegt im Fünfseenland die Meinung der Kommunalpolitik, der Schutz von Bürgern und Touristen vor den blut­saugenden Plagegeistern sei nicht vorrangig.

Mit der Patsche

Bedingt durch das unbeständige Wetter fanden sich zum Start des Aktionsabends nur rund 100 Mücken-Gegner am Dampfersteg in Stegen ein. Ausgerüstet mit extra angefertigten Mücken­patschen marschierte die Gruppe zu den Brutgebieten im Ampermoos, wo Biologe Galm eine Schöpfprobe nahm und die enorme Menge an Mückenlarven zeigte, die demnächst ausgewachsen die Menschen hier piesacken werden.

Im überfüllten Echinger Gasthof Eberhardt fand schließlich der Vortrag von Mathias Galm statt, der die meisten Skeptiker überzeugte. Die entscheidenden Punkte zusammengefasst: Die Bekämpfung wird nur in Jahren mit extremer Mückenpopulation durchgeführt. Und zwar von Fachleuten ausschließlich in Gebieten, die vorher behördlich genehmigt wurden. „Tabuzonen“ in Naturschutzgebieten werden nicht mit einbezogen. Und das wichtigste: BTI sei „weder Gift noch Chemie“, wie gerne behauptet werde. Galm: „Es ist ein Eiweiß, das aus dem Bacillus thuringiensis israelensis gewonnen wird.“ Es lagere sich bei den Mückenlarven an die Rezep­toren von Darmzellen und bringe sie zum Platzen. Für alle anderen Tiere und auch für den Menschen sei BTI „völlig unwirksam und unschädlich“.

Viel schlimmer als ein kontrollierter und gezielter BTI-Einsatz sei, so Mathias Galm, dass viele Haus- und Gartenbesitzer rund um den Ammersee ihre Hecken und Sträucher heimlich großflächig mit Pestiziden besprühen und damit alle Insekten und Schmetterlinge abtöten. Das gaben sogar einige Besucher des Aktionsabends zu. Sie wüssten sich nicht anders zu helfen, nachdem sie sich von der Politik im Stich gelassen fühlen. Denn die Mückenplage ist eine Never-Ending-Story. Pro Quadratmeter Überschwemmungsgebiet finden sich bis zu 50.000 Mückeneier. Sobald sich Pfützen bilden, reifen die Eier in wenigen Tagen zu Stechmücken heran. Jedes der Weibchen legt nach erfolgreicher Blutmahlzeit wiederum bis zu 800 Eier.

Sprühen vom Helikopter

Wie es denn nun konkret weitergehe, wurden die Veranstalter Rainer Jünger, Oliver Grüner und Philipp Wagner gefragt. 4.000 Unterschriften und Versammlungen wie diese sollten doch endlich die Politik zum Handeln bringen. Als erstes, so Jünger, müssten die Gemeinden Haushaltsmittel freimachen für eine Kartierung der besonders intensiven Brutstätten wie an Nord- und Südseite des Ammersees oder in der Herrschinger Bucht. Danach erfolgt das behördliche und naturschutzrechtliche Genehmigungsverfahren, damit in Mücken-intensiven Jahren BTI-Eisgranulat gesprüht werden darf. Dies erfolge über Rückenspritzen oder bei großen Flächen mit Betretungsverbot per Hubschrauber. Abschließend müsse man eine genaue Dokumentation vorlegen.

Würde man die Ammersee-Region mit BTI nahezu mückenfrei bekommen, kämen auf die Gemeinden Kosten in Höhe von ca. 1,30 Euro pro Einwohner zu. Da Mücken bis zu 20 Kilometer auf der Suche nach einer Blutmahlzeit fliegen, sind alle Gemeinden betroffen, die eine Solidargemeinschaft bilden sollten.

CSU-Landtagsabgeordneter Alex Dorow und Echings Bür­ger­meister Luge schlugen vor, einen Verein zu gründen, bei dem Bürger aus jeder Ammersee-Gemeinde vertreten sind. So könne man auf die Gemeinden Druck ausüben, endlich aktiv zu werden. Alex Dorow: „Die Landespolitik steht Gewehr bei Fuß, wenn die kommunalpolitischen Hürden überwunden sind.“ Dem pflichtete Rainer Jünger bei, der kürzlich diesbezüglich ein „sehr positives Gespräch“ mit Umweltministerin Ulrike Scharf gehabt haben soll.

Dieter Roettig

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