Die gute Seele des Kloster-Bahnhofs

Elisabeth Polke pflegt St. Ottiliens Bahnhof seit über 60 Jahren

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Elisabeth Polke lässt Jahr für Jahr den Bahnhof von St. Ottilien erblühen. Kenner sagen, er ist der schönste in ganz Deutschland.

St. Ottilien – Die Blumenpracht auf dem Bahnhof des Klosters St. Ottilien versetzt jeden in Staunen, der dort aussteigt. Dass es hier den ganzen Frühling und Sommer über so herrlich blüht, ist das Werk von Elisabeth Polke (89). Seit über 60 Jahren ist der kleine Bahnhof ihr Reich.

1958 kam die gebürtige Schlesierin mit ihrem Mann, einem Bahnwärter, nach St. Ottilien. Ihm war nach einem Arbeitsunfall die leichtere Beschäftigung auf dem Klosterbahnhof zugewiesen worden. Die beiden teilten sich die Arbeit, die Erziehung ihrer drei Kinder und auch die Gestaltung der Außenanlagen. „Mein Mann war auch so ein Blumenfreund“, sagt Elisabeth Polke.

Damals gab es hier noch einen Bahnübergang mit Schranken, die mehrmals am Tag per Hand hinauf- und hinunter gekurbelt werden mussten. Es gab einen Verkaufsschalter, an dem die Bahnwärterin in gestochener Handschrift Fahrkarten ausstellte. Von manchen Kunden weiß sie, dass sie die Tickets aufhoben, weil sie so schön waren. Im Sommer kamen sonntags die „Badezüge“, gesteckt voll mit Augsburgern auf dem Weg zum Ammersee. Das waren noch Zeiten.

Den beschrankten Bahnüber­gang gibt es seit 1994 nicht mehr. Auch die Bundesbahn-­Blumenschmuckwettbewerbe, die Elisabeth Polke früher oft gewonnen hat, sind inzwischen Geschichte. Genau genommen ist St. Ottilien heute gar kein Bahnhof mehr, sondern nur noch ein „Haltepunkt“, wie es im kalten Amtsdeutsch heißt. Als die Deutsche Bahn vor Jahren das Gebäude aufgab, kaufte es das Kloster und musste dabei einige andere Interessenten überbieten. Man wollte nicht riskieren, dass jemand Unpassendes hierher zog.

Im ehemaligen Empfangsgebäude, Baujahr 1938, hat der Geltendorfer Fotograf Franz Dilger sein Studio eingerichtet. Im Bahnwärterhäuschen daneben darf Elisabeth Polke wohnen bleiben, so lange sie lebt. Noch immer fegt die 89-Jährige täglich den Bahnsteig und kümmert sich um die Blumenschalen und Rabatten – nicht, weil sie muss. Sondern weil sie es mag, wenn alles schön und gepflegt ausschaut.

Tausende Tagetes hat sie hier schon pikiert und gesetzt, hat von dem Mäuerchen zwischen ihrem Garten und dem Bahnsteig mühsam das Moos abgekratzt, hat Himbeer- und Johannisbeersträucher angepflanzt, zwischen denen bunte Blüten leuchten. Wenn es heiß ist, wird jeden Abend gegossen. In zwei großen Regentonnen sammelt Elisabeth Polke Wasser, das „abgestanden und warm“ sein soll. „Kaltes Wasser ist für Blumen nix.“ Nie würde sie ihren Beeten und Schalen mit dem Schlauch zu Leibe rücken, die ganze Erde würde ja abgeschwemmt. Lieber läuft sie x-mal mit einer kleinen Gießkanne hin und her. Taucht irgendwo ein Unkraut auf, wird es mit der Hand und einem Messer entfernt. Auf drastischere Methoden verzichtete Polke schon lange vor dem Volksbegehren zum Artenschutz. Sie mag keine Chemie.

Im Mittelpunkt stehen und groß gelobt werden – das mag Elisabeth Polke ebensowenig. Wenn sich die Ottilianer Mönche bei ihren Klosterführungen mit Besuchergruppen nähern, verzieht sich die gute Seele des Bahnhofs schnell hinter ihr Häuschen.

Ulrike Osman

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