„Enders Room“ im Landsberger Stadttheater

Ein Credo für die Zuversicht

Enders Room in Landsberg
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Das Projekt „Enders Room“: Johannes Enders am Tenorsax, daneben Trompeter Bastian Stein, am Piano Jean-Yves Brodbeck, am Bass Wolfgang Zwiauer und Matthias Gmelin an den Drums. Karl Ivar Refseth steht am Vibraphon.
  • Susanne Greiner
    VonSusanne Greiner
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Landsberg – Es ist der perfekte Name. „Enders Room“ schafft tatsächlich Raum. Ein System mit offenen Rändern, in dem Rädchen ineinandergreifen – aber immer wieder andere auf andere Weise. Keiner der sechs Musiker hat einen festgezurrten Platz, alles darf unaufgeregt leicht wabern. Wie großartig und vollkommen präzise das dennoch klingen kann, zeigten die fünf Musiker um Saxophonist Johannes Enders am Donnerstagabend im Landsberger Stadttheater. 

Gespielt werden Titel des neuen Doppelalbums, oder besser aus der zweiten Hälfte, Hikikomori. Im Gegensatz zur ersten, die im „Electric Room“ klingt, findet man Hikikomori im „Acoustic Room“-Abteil. Das hochvokale japanische Wort bedeutet „sich wegschließen“. Es bezeichnet Jugendliche, die sich aus Angst vor der Welt in ihrem Zimmer verstecken. „Mit diesem Stück wollen wir die Menschen wieder herauslocken“, sagt der aus dem Musikgeniepool Weilheim kommende Enders, bevor das Sextett den namensgebenden Titel im Stadttheater präsentiert. Ein sanfter Einsatz, der Norweger Karl Ivar Refseth, auch bei No­twist dabei, lässt das Vibraphon singen. Auf diese Stimme setzen Sax und Trompete (Bastian Stein) unisono ein – ein Klang, der sich durch das gesamte Konzert zieht, als Melodie, Refrain der beiden Blasin­strumente – bis sich Stein von Enders zum genialen Trompetensolo löst. Der Schweizer Jean-Yves Brodbeck lässt die Pianosaiten perlen und übergibt an Drums und Bass. Matthias Gmelin bewegt sich hinter dem Schlagwerk kaum. Kleine, präzise Bewegungen mit enorm ziehendem Effekt geben dem Sextett Halt und Energie. Dass der Münchener bei diesem Konzert zum ersten Mal dabei ist, mag man kaum glauben.

Dass Bass auch Melodie heißt, zeigt Wolfgang Zwiauer – der auch gerne mal Mandocello spielt – vor allem bei Hikikomori deutlich. Die optimistische Melodie, die der Bass am Ende des Titels anstimmt, leitet über zu einem langsamen Dreier, dem „Good bye Waltz“... nahezu friedvoll und sicher der sanfteste Teil des Konzertes.

Enders Room bewegt sich frei im modernen Jazz. Normalerweise greift Johannes Enders gern zur Elektronik, bei diesem Konzert bleibt sie außen vor – Acoustic Room. Ab und zu klingt Pop heraus, insbesondere bei „The old Promise“, das am Ende gar an klassische Sinatrasongs denken lässt. Enders dirigiert mit knappstem Fingerzeig. Vielleicht gibt er auch nur einen Rat, teilt eine Idee. Denn was das Sextett auszeichnet, ist absolute Homogenität. Man könnte fast an Borgs denken – wäre da nicht die Einzigartigkeit jedes Musikers, die trotz allem Zusammenspiel kristallklar heraussticht.

Das Publikum im fast schon ausverkauften Theater – so langsam trauen sich auch hier die Menschen wieder aus den vier Wänden – braucht ein, zwei Titel, bis es sich akklimatisiert. Dann ist es mittendrin. Und ergattert drei Zugaben dieser anspruchsvollen Musik, die alles Schwere davonjagt. Vielleicht kann sie auch Hikikomori genug Zuversicht geben, um die Zimmertür zu öffnen.

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