Die „Römische Villa von Weil“

Erinnerungen an ein untergegangenes Kulturdenkmal im Landkreis Landsberg

Lieblingsplatz in der eigenen Bibliothek: Rainer Hollenweger beim Stöbern in den Entwürfen seiner Broschüre.
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Lieblingsplatz: Rainer Hollenweger beim Stöbern in den Entwürfen seiner Broschüre. Hier, auf einem Sessel in der Ecke seiner umfangreichen Bibliothek, hält er sich besonders gerne auf.

Weil/Geretshausen – Bei Baumaßnahmen im Norden der Gemeinde Weil wurden in den 70er Jahren die Überreste eines römischen Gutshofs, lateinisch: villa rustica, entdeckt. In ihrer Blütezeit war die Villa von Weil vermutlich eines der größten römischen Anwesen im süddeutschen Raum. Heute sind vor Ort von der ganzen Anlage keine Spuren mehr vorhanden. Einige der dort geborgenen Fundgegenstände werden in staatlichen Archiven aufbewahrt. Der Geretshausener Künstler Rainer Hollenweger erinnert in seiner gerade erschienenen Broschüre „Die Römische Villa von Weil“ an dieses untergegangene Kulturdenkmal. 

Es gebe kaum einen Ort in unserem Landkreis, der beweisbar auf eine 2.000 jährige Geschichte zurückblicken, geschweige denn, ein herrschaftliches Landgut mit einem feudalen Gebäude vorweisen könne: „Die Gemeinde Weil kann es“, sagt Rainer Hollenweger, eigentlich gelernter Apotheker, jetzt Rentner, aber viel mehr Bildhauer, Maler, Vorsitzender der Künstlergilde, Hobby-Archäologe und -Architekt mit vielen Vorträgen, die er etwa an der Volkshochschule gehalten hat und hält. Kurz: ein Tausendsassa. Der es sich zur Aufgabe gemacht hat, stärker in das Bewusstsein der Leute zu bringen, welch bedeutende Geschichte die Gemeinde zu bieten hat. „Viel bedeutender, als wir bisher geahnt haben“, sagt er. Fundstücke aus Stein-, Bronze-, Eisenzeit, aus Zeiten der Kelten – und schließlich der Römer, die hier angesiedelt waren. Bisher gebe es nur sehr wenig Material dazu, sagt Hollenweger. Weder Artikel, noch Fachliteratur. Das möchte er ändern.

„Dass unsere Gemeinde heute den Namen Weil trägt, haben wir dem römischen Kaiser Augustus zu verdanken“, berichtet Hollenweger. Um das stets gefährliche Germanien auszuschalten, habe dieser versucht, die Grenze des Römischen Reiches vom Rhein nach Osten bis an die Elbe vorzuschieben. Das habe zwar nicht geklappt, aber Augustus Stiefsöhne hätten Bayern, Baden-Württemberg und die Schweiz erobert und die Grenze wenigstens bis an die Donau verschoben. Um die jetzt neu stationierten Soldaten und Beamten zu ernähren, mussten die Römer Bauernhöfe anlegen: sogenannte „villae rusticae“.

Der Begriff „Villa“ bezeichne dabei nicht wie heute ein komfortables Einfamilienhaus, sondern ein großes landwirtschaftliches Gut. Von diesen seien rund um Augsubrg mehr als 50 entdeckt worden. Und mit der Weiler Villa, mitten im heutigen Wohngebiet zwischen Schule und Sportplatz angesiedelt, der größte römische Gutshof südlich von Augsburg. Mit einem Areal von 250 mal 200 Metern, 13 steinernen Bauten und einer nicht mehr feststellbaren Menge an Holzhäusern dazu, mit zudem um die 200 Hektar Ackerland habe sie hier etwa 50 bis 70 nach Christi mit einem Personalbestand von 50 bis 100 Personen zur Versorgung der Region beigetragen. Gearbeitet worden sei dafür ebenso in Schuppen, Scheunen, Ställen, Schmiedereien sowie in sogenannten Darren als Räucherkammern.

„Es waren keine Römer“, sagt Hollenweger, „sondern Einheimische, die hier geschuftet haben.“ Die Römer hätten das, was in der Landwirtschaft erzielt und auf den Gutshöfen erarbeitet wurde, abgekauft, um ihre drei oder vier hier angesiedelten Legionen zu ernähren. Die Hersteller seien dabei angemessen entlohnt worden. Bis heute gehören die Äcker westlich von Weil zur großen Kornkammer des Landkreises Landsberg und sind außergewöhnlich eben und ertragreich. Das sei wohl ein Grund gewesen, warum sich die Römer hier angesiedelt haben, so Hollenweger. Ein anderer: die hier bereits ansässige Bevölkerung.

Entdeckt wurde die villa rustica von Weil von Kreisheimatpfleger Dr. Anton Huber, Lehrer am Ignaz-Kögler-Gymnasium in Landsberg, im Frühsommer 1977. Das Bayersiche Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) führte sofort die ersten Rettungsgrabungen durch. Mithilfe von etwa 40 engagierten Schülern in mehr als 1.600 Stunden Ferienarbeit für damals zwei Mark pro Stunde wurden sechs Gebäudegrundrisse freigelegt, vermessen und maßstabsgetreu gezeichnet. Weitere Grabungsarbeiten seien dann in den Jahren 1988 und 1997/98 erfolgt – nachdem die Gemeinde hier erneut Bauplätze für Neubauten ausgewiesen hatte. Heute seien vor Ort leider von der ganzen Römervilla keinerlei Reste mehr erkennbar. Obwohl es noch acht Grundstücke im innersten Bereich der Villa gebe, die noch nicht bebaut und circa drei, die noch nicht ausgegraben und untersucht seien.

Die wertvollen Fundstücke aus der Römerzeit liegen derzeit in circa 30 flachen Kartons im BLfD-Archiv in Baldham: Etwa Scherben von vier Amphoren, die beweisen, dass den Römern hier Datteln aus Palästina oder Olivenöl aus Spanien zur Verfügung standen. Diverse mehrfarbige Mosaik-Bruchstücke, die belegen, dass die Villa einen entsprechenden Fußboden hatte. Glassplitter, die aufzeigen, dass die Fenster verglast waren, teils mit gezogenem, teils mit Zylinderglas. Zudem eiserne Gegenstände – vom Zimmermannsnagel bis zum Ochsenjoch. Die Akten mit Dokumentationen zu den Ausgrabungen, Zeichnungen und Schriften der Archäologen, würden im Kloster Thierhaupten aufbewahrt, berichtet Hollenweger.

Titelseite der neuen Broschüre „Die Römische Villa von Weil“.jpg

Die bis dato wenigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen über die Weiler Villa seien den Archäologen vom BLfD zu verdanken, meint Hollenweger. Ohne die auch die Arbeit seiner 65-seitigen Broschüre nicht möglich gewesen sei. Für diese habe er ausschließlich Material verwendet, das hundertprozentig belegbar sei. Alle gesammelten Infos würden den Tatsachen entsprechen, sagt er. Einen finanziellen Erfolg habe er mit der Veröffentlichung nicht im Auge. Sondern möchte sich vielmehr für die Konservierung eines Kulturdenkmals einsetzen. Schließlich sei es traurig, dass ein solches Kulturgut nicht beachtet und weiter bearbeitet werde.

Das ändert sich jetzt: „Die römische Villa von Weil. Erinnerungen an ein untergegangenes Kulturdenkmal im Landkreis Landsberg“ ist ab sofort im Landsberger Buchhandel sowie in der Raiffeisenbank Weil erhältlich. Mit Hilfe der Dokumentation, 75 Bildern, selbst angefertigten Zeichnungen zur Erklärung wie etwa ein Trocknungsofen funktioniert, Reproduktionen, Rekonstruktionen, Darstellungen von anderen Villen und ähnlichen römischen Bauten kann sich der Leser eine ziemlich genaue Vorstellung davon machen, wie die Villa von Weil ausgehen haben könnte. Und bekommt zudem eine Idee davon, wie die Landwirtschaft damals abgewickelt wurde wie die römischen Soldaten gelebt, was sie verdient und wie sie sich ernährt haben. Zwei bis drei Jahre hat sich Hollenweger intensiv mit der Materie beschäftigt, ist selbst durch die Gegend gereist und hat sich in Museen und Archiven „sein“ Material geholt. Die berühmteste Römerstadt Österreichs, Carnuntum, könne zum Beispiel einige zur Weiler Villa vergleichbare Gebäudeteile aufweisen, meint der Autor. Der „so etwas“ mache, weil sein Leben der Kunst und der Kultur gehöre. Schließlich sei das der höchste Grad des Besitzens.

Hollenweger, in der Diele seines „eigenen Museums“, zeigt Fundstücke. Für die Restaurierung des alten Pfarrhauses hat er einen Orden für besondere Leistungen im Denkmalschutz erhalten.

Diese Auffassung spiegelt sich in seinem Haus wider, in dem er, seit die Kinder aus dem Haus sind, nur noch mit seiner Frau lebt. Das ehemalige Pfarrhaus, das er vor 30 Jahren gekauft und komplett restauriert hat, für das er von Fürstenfeldbruck nach Geretshausen gezogen ist, ist wie ein eigenes Museum: Hier findet man alles, von selbstgemalten Zeichnungen, eigenen Skulpturen, Fundstücken diverser Reisen, bis hin zu Scherben und Mosaiksteinen aus Funden wie der Weiler Villa. Von ihr habe die Gemeinde seinen Namen erhalten. In 1.600 Jahren habe sich die Bezeichnung „villa“ über „wila“ und „Wihl“ bis zum neuzeitlichen „Weil“ entwickelt, erklärt Hollenweger.

In seiner Broschüre „verabschiedet“ sich der Autor mit einem Zitat von August Bebel: „Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“ Nichts weniger als ein Aufruf, die eigene Geschichte zu entdecken. Was die Weiler Villa angeht, kann dem nun nachgegangen werden.
Andrea Schmelzle

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