Groß werden im Grandhotel

+
Otto Walterspiel mit Sabine Skudlik: "Ein offenes Haus. Meine Kindheit im Hotel Vier Jahreszeiten." wird am Donnerstag im Hotel "Vier Jahreszeiten" in München präsentiert.

Landsberg/München – Am Donnerstag wird im „Vier Jahreszeiten“ ein Buch vorgestellt, das mit diesem Ort auf besondere Weise verbunden ist: Es sind die Lebenserinnerungen von Otto Walterspiel, der als „fils de patron“ (Sohn des Eigentümers) vor 85 Jahren im Zimmer 449 des Hotels das Licht der Welt erblickte.  

Co-Autorin der Neuerscheinung ist Dr. Sabine Skudlik, die für den KREISBOTEN in „Lust auf Lesen“ regelmäßig Buchbesprechungen schreibt.

Dr. Sabine Skudlik aus Landsberg ist Co-Autorin der Autobiografie „Ein offenes Haus. Meine Kindheit im Hotel Vier Jahreszeiten“.

Otto Walterspiels gleichnamiger Vater führte zusammen mit seinem Bruder Alfred, dem welt­berühmten Koch, seit 1926 das Grandhotel in der Maximilianstraße und hatte es zu einer ersten Adresse gemacht: zu einem Treffpunkt für hochrangige Politiker, Diplomaten und Künstler aus vieler Herren Länder. Alle, die Rang und Namen hatten, trafen sich in dem vornehmen Hotel, dessen Restaurant legendären Ruhm genoss. Richard Strauss beispielsweise liebte es, hier häufig und lange zu verweilen – bis er von seiner resoluten Gattin wieder zum Komponieren geschickt wurde. In diese Welt wurde der kleine Otto als ältester Sohn des Hoteliers hineingeboren. Er schildert in seinen Kindheitserinnerungen, wie er mit den Großen und Scheingroßen der Welt tagtäglich auf Tuchfühlung lebte. Er beobachtete aus der Nähe, was es hieß, für anspruchsvollste Gäste ein Hotel auf Weltniveau zu führen. Früh erlebte der aufgeweckte Junge aber auch, wie sehr sich sein Zuhause von dem seiner Spielkameraden aus dem Lehel unterschied. Ganz selbstverständlich wechselte „Ottolein“ tagtäglich zwischen seinem Alltag als Münchner Bub und den unterschiedlichen Hotel-Welten hin und her. Hinter den Kulissen war das Haus ein wunderbarer Abenteuerspielplatz: hier erkundete er das Wunderreich der Küche, den Hexenkessel der Wäscherei, die geheimnisvollen Tiefen des Weinkellers. Vor den Kulissen, in seiner prachtvollen Eingangshalle, den Salons und dem Restaurant war das „Vier Jahreszeiten“ ein Fenster zur Welt der Reichen und Schönen. Hier wurde Geschichte geschrieben; hier war München Weltstadt. Aber: „Titel bedeuteten mir nichts. Der eine kam in Zivil, der andere hatte eine Uniform an, und ob es die Uniform des Portiers war oder die Uniform eines Generalfeldmarschalls, das machte für mich keinen Unterschied.“ Viel eher interessierte den Jungen, welches Kunststück Fliegerheld Ernst Udet wieder vollbracht hatte und er war stolz, als er von Luftschiffkapitän Hugo Eckener zur Besichtigung eines Zeppelins eingeladen wurde.

Die Kindheit des Autors aber fiel in die Zeit des Dritten Reichs – und die Nazis setzten der Offenheit des „Vier Jahreszeiten“ enge Grenzen. Dabei beobachtete der heranwachsende Otto, mit welch großem diplomatischen Geschick die Brüder Walterspiel dem Hotel – zwischen Annäherung und Distanz – eine gewisse Unabhängigkeit bewahrten gegenüber der allgegenwärtigen Dominanz der NS-Diktatur. Eigenartig genug: Göring war Stammgast im Hotel und gab sich als Connaisseur der feinen Lebensart, Hitler schätzte vor allem die feine Küche und ließ geschliffene Manieren erkennen.

In seinem Leben außerhalb des Hotels, in der Schule, in der Pfarrgemeinde, später in der organisierten Jugendarbeit, erlebte Otto Walterspiel junior das Dritte Reich wie jeder andere auch – ebenso wie die zunehmende Unfreiheit und später die Schrecken des Krieges. Im April 1944 musste der mittlerweile 16-Jährige mit ansehen, wie sein Elternhaus, das Lebenswerk von Vater und Onkel, ein Raub der Flammen wurde. Nur die Fassade blieb erhalten – sie steht noch heute – und in einer unglaublichen Aufbauleistung brachten die Hoteliers das Grandhotel zu neuer Blüte.

Die Lebenserinnerungen von Otto Walterspiel erzählen überaus charmant von einer ungewöhnlichen Kindheit in schwieriger Zeit. Und mit den geschickt eingestreuten Zitaten aus den Tagebüchern und Briefen seiner Mutter gelingt dem Autor das Kunststück, den Leser mit hineinzunehmen in das Denken und Fühlen jener ereignisreichen Zeit.

Das Lesevergnügen an diesem Buch verdankt sich der Landsberger Autorin Dr. Sabine Skudlik, die diese Autobiografie als „Ghostwriter“ in Zusam-men­arbeit mit Walterspiel verfasst hat und als Co-Autorin genannt wird. Am Donnerstag, 17. Januar, berichtet das Bayerische Fernsehen in seiner „Abendschau“ um 18 Uhr aus dem Hotel „Vier Jahreszeiten“ über den Autor Otto Walterspiel und seine Autobiografie.

Otto Walterspiel mit Sabine Skudlik: Ein offenes Haus. Meine Kindheit im Hotel Vier Jahreszeiten. Lübbe Ehrenwirth Verlag 2013. 268 Seiten. Hardcover, auch als E-Book erschienen.

Meistgelesen

Lisa will Bierkönigin sein
Lisa will Bierkönigin sein
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Landrat klärt Mordfall
Landrat klärt Mordfall
Ein Rezept für das Miteinander
Ein Rezept für das Miteinander

Kommentare