KREISBOTEN-Serie Naturschutzgebiete

Das Erlwiesfilz: Geschaffen von Gletschern, vom Menschen zerstört

1 von 9
Hier beginnt das Hochmoor. Die genügsamen Spirken sind 200 bis 300 Jahre alt.
2 von 9
Förster Stefan Bauernfeind an einer kleinen Fichte, die im Hochmoor keine Zukunft hat.
3 von 9
Kein Federvieh, auch wenn dieser etwas zerzauste Falter brauner Waldvogel heißt. Hier labt er sich an einer Blüte des Mädesüß.
4 von 9
Das Hochmoor Erlwiesfilz - hier beginnt die Wildnis.
5 von 9
Das Hochmoor Erlwiesfilz - hier beginnt die Wildnis.
6 von 9
Das Hochmoor Erlwiesfilz - hier beginnt die Wildnis.
7 von 9
Das Hochmoor Erlwiesfilz - hier beginnt die Wildnis.
8 von 9
Das Hochmoor Erlwiesfilz - hier beginnt die Wildnis.

Lechrain – Seit 1952 genießen die drei Hochmoore zwischen Rott und Dießen den Status als Naturschutzgebiete. Aber noch bis in die 1960er Jahre hinein wurde hier von der Bevölkerung Torf gestochen und als Brennstoff verwendet. Eine wahre Verschwendung, denn viel Energie liefert der Torf nicht. Viele Jahrhunderte natürlicher Entwicklung verschwanden in den Öfen und Kaminen der Menschen im Umland.

Ein Hochmoor kann nur entstehen, wenn es einen Boden gibt, der sehr dicht ist. Die letzte Eiszeit und der Gletscher sorgten durch hohen Druck für die Undurchdringlichkeit der Bodenschicht. Außerdem zermalmte die dicke Eisschicht Steine und Geröll, wodurch feine Tonmineralien entstanden, die zur Versiegelung des Bodens beitrugen. Während der Gletscher am Ende der Eiszeit sich langsam zurückzog, lagerte er an seinen Rändern Gesteinsmassen ab, die er aus dem Gebirge mitbrachte. Es entstanden regelrechte Wälle, „Moränen“ genannt. Die Flächen zwischen diesen Moränen sind Jahre später natürliche Mulden, in denen der dichte Boden das Regenwasser hindert zu versickern. Die ideale Voraussetzung für die Entstehung eines Hochmoors. Während sich ein Tiefmoor die Feuchtigkeit aus dem Grundwasser holt, wird ein Hochmoor immer nur von Wasser aus dem Himmel gespeist.

In diesen immerfeuchten Gebieten siedeln sich Torfmoose an, die Unmengen an Wasser speichern können. Während sie nach oben wachsen, sterben sie unten ab. So bildet sich, extrem langsam, Torf: bei guten Bedingungen, vielleicht ein Millimeter im Jahr. Irgendwann kamen die Menschen ins Spiel, hoben Gräben aus, entwässerten die Torfschicht und bauten sie ab. Diese Art der Brennstoff- und Landgewinnung ist seit Jahrzehnten aus Naturschutzgründen verboten. Die Folgen sind aber noch spür- und sichtbar. Durch die jahrelange Entwässerung fehlt den Mooren Wasser: Es sind „gestörte Hochmoore“.

Eines davon ist das Erlwiesfilz, wo Stefan Bauernfeind auf mich wartet. Der 61-jährige gebürtige Münchener ist seit 1987 Förster in Thaining und widmet sich intensiv den Hochmooren und ihrer Renaturierung. An diesem Freitag im Hochsommer meint es der Wettergott gnädig mit uns. Die Wolken hängen tief, es weht ein kühler Wind und keine Mücke lässt sich blicken oder hören. Das wird den Rest des Vormittags so bleiben. „Da haben wir wirklich Glück. Vor ein paar Tagen hätten wir hier nicht stehen können“, sagt der Förster und lehnt das Schutzmittel ab, das ich ihm anbiete.

Wir stehen am Rand des Moores. Ein großes Schild weist unübersehbar darauf hin, dass die Gegend nicht gestört werden darf. Aber nur wenige Meter neben dem Schild führt ein Trampelpfad ins Moor. Bauernfeind ist sichtlich verärgert: „Es gibt einfach Unbelehrbare, die hier unbedingt Pflanzen oder Tiere suchen müssen. Wenn ich jemanden im Naturschutzgebiet antreffe, gibt es eine deutliche mündliche Verwarnung. Zeigt sich die Person uneinsichtig, geht der Verstoß den juristischen Weg“, erzählt er bestimmt. Die Uneinsichtigkeit der ‚Naturliebhaber‘ ist auch der Grund, warum er seine Worte während unserer Wanderung mit Bedacht wählt. Würde er freimütig die seltenen Pflanzen- und Tierarten aufzählen, die hier zu entdecken sind – mit der Ruhe wäre es schnell vorbei. Nicht alle Geheimnisse der drei Hochmoore sollen gelüftet werden.

„Seit 20 Jahren haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, das Moor wieder zu vernässen, indem wir mit Spezialbaggern ins Gebiet fahren und die Gräben Stück für Stück verschließen. Es wird aber unmöglich sein, das Erl­wiesfliz wieder komplett herzustellen“, erklärt er das aufwändige Projekt. Aber nicht nur durch den Torfstich hat der Mensch den Mooren zugesetzt, auch das veränderte Klima fordert seinen Tribut. Selbst wenn es genügend regnen sollte, sorgen die hohen Temperaturen für eine stärkere Verdunstung. „Wir können nur versuchen, die Entwicklung anzuhalten, um einen Status Quo zu schaffen. Der Mensch hat hier zu viel zerstört“, Bauernfeind klingt traurig und kämpferisch zugleich. Die Vernässung ist auch wichtig, weil Moore wichtige CO2-Speicher sind. Trocknen sie aus, entweichen große Mengen Kohlendioxid in die Atmosphäre. Die Folgen: ein Teufelskreis.

Eine gute Seite kann der Förster dem Eingriff durch die Menschen dann doch abgewinnen. Durch die Entwässerung sind nährstoffarme Streuwiesen entstanden, die nur einmal im Jahr abgemäht werden. Auf diesen Flächen hat sich eine Artenvielfalt entwickelt, die das Erlwiesfilz als Habitat für gewisse Pflanzen und Tiere einzigartig macht. Falter flattern über die Wiesen, die ein Paradies für Amphibien und Insekten sind, die wiederum den Reihern und Störchen als Nahrung dienen. Kreuzotter und Ringelnatter finden hier eine Heimat und der Schwalbenwurz-Enzian setzt blaue Farbtupfer in die Landschaft. Umgestürzte Bäume lassen das Gebiet um die Streuwiese urtümlich erscheinen.

Wir verlassen die grüne Oase und gehen über einen breiten Schotterweg, gesäumt von Blutweiderich und Mädesüß, in den Erlwiesfilz hinein. Irgendwann biegt Stefan Bauernfeind scharf nach links ab und schon bald federt der Boden weich wie ein Trampolin unter unseren Füßen. Wir gehen querfeldein, Wege gibt es nicht. Baumstümpfe ragen wie Grabsteine aus dem Heidekraut, das nun den Boden bedeckt. Auch hier treibt der Borkenkäfer sein Unwesen und muss mit drastischen Maßnahmen bekämpft werden.

Ab in den Urwald

Wir sind im Moorrandwald: Die Fichten werden weniger, Heidel- und Preiselbeeren wuchern am Boden, doch auch sie müssen irgendwann aufgeben, denn der Untergrund ist einfach zu nass und nährstoffarm. Im Hochmoor wächst neben Moos und ein paar zähen Gräsern, Blumen und Sträuchern nur noch die Rauschbeere, von deren Verzehr der Förster abrät. Wir kämpfen uns durchs spärlicher werdende Wurzelwerk, abgestorbene Äste greifen mit knorrigen Fingern nach uns, aber schließlich halten wir inne. Bauernfeind macht eine ausladende Armbewegung und erklärt: „Jetzt sind wir praktisch in einem echten Urwald – willkommen im Hochmoor. Hier greifen wir gar nicht mehr ein, sondern überlassen die Natur völlig sich selbst.“

Nur wenige Bäume sind in der Lage, auf diesem kalten und feuchten Boden Fuß zu fassen. Einige mickrige Birken und Fichten kämpfen verzweifelt ums Überleben. Im Hochmoor dominiert eine Kiefernart: die Spirke. „Sie schauen nicht stark oder mächtig aus, werden aber sehr viel älter als die Fichten. Die Spirken, die hier stehen sind zwischen 200 und 300 Jahre alt“, erklärt Bauernfeind. In der Tat wirken die Überlebenskünstler im Hochmoor eher schwach und schmächtig. Doch hier gedeihen nicht die Stärksten, sondern die Zähesten. Oder besonders clevere wie der Sonnentau: eine fleischfressende Pflanze, die einsam im Herzen des Hochmoors wächst. Sie zieht die Nährstoffe nicht aus dem Boden, sondern lockt Insekten an und verspeist diese. Die Natur ist erfinderisch.

Die Hochmoor-Fauna

Hat es die Flora hier schwer, ist die Fauna hingegen reichhaltig: Wildschweine sind treue Moorbewohner, denn sie lieben das Wasser und die Ruhe. Sehr zum Leidwesen der Amphibien und Reptilien, die auf der Speisekarte der borstigen Allesfresser stehen. Dachse, Marder und Rehe leben im Moor, wie an vielen Wildwechseln ersichtlich ist. Stolz erzählt Bauernfeind, dass außer dem Wendehals alle in Deutschland vorkommenden Spechtarten im Erlwiesfilz heimisch sind. Sogar der seltene Dreizehenspecht findet hier ideale Bedingungen, nistet er doch am liebsten im Totholz. Eulen, Störche, Greifvögel und Reiher sind aber ebenfalls ständige Gäste.

Wir verlassen das geheimnisvolle und geradezu zauberhafte Hochmoor: ein verwunschenes Fleckchen Erde. Einen Ort möchte mir Förster Bauernfeind aber gerne noch zeigen. Wir müssen ein paar Minuten mit dem Auto fahren, aber dann sind wir auch schon da. Ein kleiner See liegt scheinbar unberührt mitten im Wald, aber die Idylle trügt, denn er ist von Menschenhand gemacht: der ehemalige Torfstich. Am Ufer breitet sich langsam wieder das rötliche Torfmoos aus, das in vielen Jahren einmal den eigentlichen Körper des Hochmoores bilden wird.

Ein paar Meter entfernt ist der breite Graben zu sehen, der einstmals als Entwässerungsanlage diente. Das dunkle Wasser spiegelt die umstehenden Bäume. Jetzt wird er verschlossen, damit die Flüssigkeit wieder in den Boden sickern kann. Und dabei erhält Stefan Bauernfeind ebenso tatkräftige wie überraschende Unterstützung: „Eine Biberfamilie baut weiter oben einen Damm nach dem anderen und staut den Graben zusätzlich an. Natürlich hat der Biber andere Absichten als wir, den kümmert die Renaturierung nur wenig, aber er hilft fleißig mit. Dafür lassen wir ihn auch ein paar Laubbäume fällen. Das stört uns nicht.“

Dank Förster, Naturschutzbehörde und Biber kann das Moor langsam wieder regenerieren. Aber es wird viele Generationen und eine Bremse beim Klimawandel benötigen, um das sensible Biotop zu erhalten und im besten Fall in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Auf dem Rückweg ruft ein Kolkrabe heiser aus einem Baumwipfel: „Ist das nicht auch ein Schädling?“, frage ich naiv. Stefan Bauernfeind lächelt milde und antwortet nachsichtig: „Es gibt nur einen Schädling im Wald. Den Menschen.“
Dietrich Limper

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gefälligkeitsatteste: Kripo ermittelt gegen Kauferinger Arzt
Gefälligkeitsatteste: Kripo ermittelt gegen Kauferinger Arzt
Landsberg: 52-Jährige tritt Mann mehrmals in Oberkörper
Landsberg: 52-Jährige tritt Mann mehrmals in Oberkörper
Neuer Träger für Landsberger Ausbildungsmesse
Neuer Träger für Landsberger Ausbildungsmesse
Kauferinger Arzt Kron mit Kind auf Berlin-Demo
Kauferinger Arzt Kron mit Kind auf Berlin-Demo

Kommentare