Erst "Vorzeigeobjekt", dann Azubi

Manuela Haag (links) aus Egling an der Paar startete am Donnerstag ihre Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation am Klinikum Augsburg. Dabei unterstützen sie Jochen Geisenberger und Stefanie Diepold. Foto: Klinikum Augsburg/Poppe

Der Start ins Berufsleben ist für Jugendliche immer ein großer Schritt – der geschützte Rahmen der Schule wird verlassen, neue Menschen begegnen einem Auszubildenden, die Herausforderungen durch den Berufsalltag wachsen ein Stück weiter. Eine Behinderung soll und darf aber einen jungen Menschen nicht beim nächsten Schritt im Lebensweg aufhalten: Manuela Haag aus Egling an der Paar hat gerade ihre Mittlere Reife absolviert und wird jetzt eine Ausbildung zur Kauffrau für Büro­- kommunikation am Klinikum Augsburg beginnen.

Die 16-Jährige wirkt stark, weil ihr die Eltern den Rücken stärken, sie wirkt zielorientiert, weil sie klare Vorstellungen hat, und sie weiß, dass sie sich nicht aufhalten lässt – wenngleich eine Lehrerin ihr wegen ihrer Zukunftsperspektive vor einigen Jahren noch wenig Hoffnung machte. Manuela Haag leidet unter einer starken Sehbehinderung und hat dennoch eine sehr aussichtsreiche Zukunftsperspektive vor Augen. Rund eine Stunde lang pendelt Manuela Haag seit 1. September von Egling an der Paar nach Augsburg, um am Klinikum in den verschiedenen Verwaltungsbereichen neue Aufgaben zu erlernen. Eine be­- wusste Entscheidung trotz der Anstrengungen: „Ich habe im Internet recherchiert und mich hat das Klinikum sehr angesprochen“, erzählt die Auszubildende. Keine Iris Seit ihrer Geburt fehlen die Regenbogen-Häute (Iris) ihrer Augen, in der Ferne hat Manuela nur zehn Prozent Sehschärfe. Aber auch in der Nähe hat sie Schwierigkeiten und muss sich genau konzentrieren – umso mehr ausgeprägt ist ihre Auffassungsgabe: „Manuela hat uns nicht nur im Vorstellungsgespräch, sondern auch bei einem Probearbeitstag im Personalmanagement überzeugt“, betont Petra Zarbock, Leiterin des Personalmanagements am Klinikum mit seinen rund 5300 Mitarbeitern. „Sie hat schnell verstanden, worauf es ankommt.“ Das Personalmanagement-Team war so begeistert, dass eine zusätzliche Ausbildungsstelle für die angehende Kauffrau für Bürokommunikation eingerichtet wurde. Erst seit vergangenem Jahr bildet das Klinikum Kaufleute für Bürokommunikation aus, Manuela Haag ist die dritte Auszubildende in diesem Bereich. „Es gehört zu unserer Sozialkompetenz, für die Anliegen unserer Kolleginnen und Kollegen mit einer Behinderung offen zu sein“, betont Zarbock. „Obwohl Theorie und Praxis in der Integration von schwerbehinderten Menschen oft weit auseinanderklaffen, wurde in den letzten Jahren diesbezüglich sehr viel bewegt. So waren wir eines der ersten Krankenhäuser in Deutschland, das zwischen Vorstand, Personalrat und Schwerbehindertenvertretung eine Integrationsvereinbarung abgeschlossen hat.“ Keine Angst vor Neuem Stolz sind auch Manuelas Eltern, dass sich die Tochter gegen eine Vielzahl von anderen Bewerbern mit ihrer Beharrlichkeit durchsetzen konnte. Oft genug sei sie schon enttäuscht worden: „Eine Lehrerin prophezeite Manuela in der 7. Klasse, dass sie in Mathematik eine Sechs im Abschlusszeugnis erhalten würde“, erinnert sich die Mutter. „Sie war entmutigt.“ Doch mit ihrer Familie und ihrem Freundeskreis schöpfte das Mädchen Kraft, um sich der schulischen Herausforderung gerade mit ihrer Behinderung zu stellen: „Ich kann das aber selbst“, betonte sie immer wieder und verzichtete auf eine Vielzahl an Hilfsmitteln, die ihr wegen ihrer Sehbehinderung vorgeschrieben werden sollten. Im Gegenteil: Sie weiß, dass sie sich durchsetzen muss – ohne zusätzliche Hilfen. Ihr Vater sagt voller Stolz: „Ich bewundere meine Tochter immer wieder.“ Die Ausbildung am Klinikum ist nicht nur für Manuela Haag ein wichtiger Schritt. Ihre ganze Familie ist glücklich. Angst vor dem Neuen hat sie nicht, sie freut sich auf eine „interessante und abwechslungsreiche, vor“. Zurück am Klinikum Gerne kommt Manuela Haag dafür quasi zurück ans Klinikum, als Baby nämlich war sie häufig ein „Vorzeigeobjekt in der Kinderklinik“, erinnern sich ihre Eltern. Ihre Augenkrankheit kannten die Ärzte in dieser Form und Ausprägung noch nicht, und so hat Manuela als Kind den Ärzten bei ihren Weiterbildungen als Beispielpatientin geholfen. Jetzt kümmert sich die angehende Kauffrau für Bürokommunikation, die übrigens mit einer Drei in Mathematik ihre Schulausbildung abschloss, um die Verwaltungsaufgaben eines Großkrankenhauses. Dabei wird sie von Stefanie Diepold, Assistentin der Bereichsleitung Personalmanagement, sowie Jochen Geisenberger als Ausbilder betreut. Manuela Haag wünscht sich vor allem Normalität: „Ich möchte akzeptiert werden und wünsche mir, dass man meine Einschränkungen anerkennt. Mehr nicht.“ Eine besondere Behandlung oder gar eine „Rund-um-die-Uhr-Beaufsichtigung“ wünscht sich die Jugendliche keinesfalls. Die Kollegen sollen ihre Leistung im Blick haben, nicht ihre Behinderung. Die junge Frau will sich nicht entmutigen lassen, sondern mit Freude im Team am Klinikum mitwirken. Aktuell gibt es am Klinikum Augsburg über 250 Menschen mit einer Schwerbehinderung oder diesen gleichgestellt sind. Weitere rund 150 Beschäftigte haben eine Behinderung, gelten jedoch nicht als schwerbehindert bzw. gleichgestellt.

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