Der Sieg des Sandburgensadisten

Der erste Landsberger Poetry-Slam nach der Sommerpause

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Der 19-jährige julius Althoetmar aus München ist Landsbergs neuer Slam-Meister.

Landsberg – Wer glaubt, dass die Lange Kunstnacht der Startschuss in die neue Kultursaison ist, liegt falsch: Der Poetry-Slam des Kreisjugendrings Landsberg ist immer ein bisschen schneller. Am vergangenen Samstag stellten sich neun Poetinnen und Poeten auf die Bretter des Stadttheaters und stritten mit Worten um den heißbegehrten ersten Platz. Der Preis ist dabei ein symbolischer: eine Flasche Sekt – „aus dem mittleren Supermarktregal“, konkretisiert Stammmoderator Ko Bylanzky. Aber wer braucht schon Schampus, wenn er allein mit Worten verzücken kann.

Das Schöne am Slam im Stadttheater: Altbekanntes grüßt Neues. Zum Beispiel Bylanzkys Frage, wer noch nie bei einem Poetry Slam war – und ja, jedes Mal sind Frischlinge mit dabei, die sich auf Bylanzkys Aufforderung mit einem schüchternen „Yippieh“ outen. Im Gegensatz zu den Alteingesessenen, aus denen ein beherztes „Yeah!“ erschallt. Anschließend werden die drei Kategorien des Applauses geübt: Mitleids-Applaus, kurze Begeisterung und letztendlich der ‚kollektive-Orgasmus-Applaus‘. Einfache Maßnahmen, die immer funktionieren: Die Müdigkeit der Sommerpause – oder vielleicht schon die ersten Herbstnebelgedanken? – sind verflogen. Und das Publikum ist bereit für die Macht der Poesie. Und die ist an diesem Abend erstaunlich ernsthaft.

Unter den neun Poeten des Abends sind fünf Lokalmatadoren. So auch die erste Poetin, deren Name Bylanzky aus dem Lostopf ziehen lässt: Sarah Fischer aus Buchloe. Die sich selbst als „Opferlamm“ bezeichnet, muss sie in Landsberg nicht zum ersten Mal als Erste auf die Bühne. Eine Aufgabe, die sie mit einem Text über den Wahn der Selbstoptimierung meistert. Applaus der Klasse 2. Auch Selma Wörle kommt aus Buchloe. Und hat in Landsberg mit einem Text über „Vergeben“ ihre Bühnenpremiere. Weitere lokale Dichterinnen sind Ramona Leukertz – auch sie aus dem ‚Poeten-Hotspot‘ Buchloe –, gerade mal 16 Jahre alt. Und die 20-jährige Theresa Conradi, die in Landsberg Slam-Premiere feiert. Philipp Stroh aus Offenburg ist hingegen ein alter Hase. Er äußert sich zum Thema ‚sexuelle Übergriffe‘, allerdings „ohne Betroffenheitsgetue“. Sein Text: „Hey, kleine Schlampe“ – über Sub-Dom-Beziehungen und sexuelle Freiheit.

Mit Sarah Anna Fernbach kommt die Welt nach Landsberg. Zumindest Österreich. die 20-Jährige ist ganz oben mit dabei: als österreichische Meisterin und U20-Slam-Meisterin im gesamten deutschsprachigen Bereich. Unüberhörbar akzentuiert dichtet sie über Work-Life-Balance, teilweise in eigenwilligem Rhythmus. Ein Text, so vollgespickt mit begeisternden Wortkombinationen, dass nur ein Fünftel Gehör findet. Wie zum Beispiel der „hoch­energetische Klangteppich aus Panflöten“. Oder auch die „Teebeutel-Austropf-Klangschale“. Frenetischer Applaus für die Oberösterreicherin aus Pasching bei Linz.

Den zweiten Platz im deutschsprachigen U20-Slam hinter Fernbach hat ein Münchener ergattert: Julius Althoetmar, gerade 19 Jahre, gerade nach einem Jahr Auszeit aus Australien wieder nach Deutschland und zur Bühne zurückgekehrt. Auch in Landsberg tritt er hinter Fernbach auf. Und überholt sie. Slam-Meister ist eben keine zementierte Position. Althoetmar dichtet über privilegierte Menschen. Über seine Jugend, in der er „Armut nur in Dokus auf Arte gesehen“ hat. Und seine Angst, als Erwachsener auf dem angewärmten Kirschkernkissen zu bequem zu sein, um sich noch für irgendetwas einzusetzen: „Ich bin so angepasst, ich therapiere Chamäleons“. Das Publikum schenkt ihm den kollektiven Orgasmus.

Nach der Pause wird es hauptstädtisch. Mit Paul Bokowski und Aron Boks. Ersterer mit Schieber und Nickelbrille, beide stil­echt im blau-weiß gestreiften Arbeiterhemd. Boks dichtet angerappt über „Philipp, der nie still blieb, begleitet vom nervösen Zucken der Fingerkuppen“, einen Menschen, der nicht in die Norm passt – und deshalb passend gemacht wird. Bokowskis Text widmet sich der Kult-Serie „Game of Thrones“ – und der Idee, wie es wäre, einen eigenen Drachen zu haben. Mit dem man sich am verhassten Schulfeind rächen und ihm „20 Jahre später die Doppelhaushälfte abfackeln könnte“. Oder auch andere nervtötende Menschen, die Flaschen im Supermarkt quer zur Laufrichtung hinlegen, um sie treusorglich bis zur Kasse per Handauflegen zu begleiten. Und weil Boks und Bokowski beide nicht nur das gleiche Hemd und ein O im Nachnamen, sondern auch beide einen klasse Auftritt hinlegen, rücken beide ins Finale vor.

Zwar versucht Bokowski, da mit seinem Staubsaugerroboter zu überzeugen. Aber Althoetmar punktet mit einem Liebesgedicht. Nicht an die Freundin, sondern ans Wasser, „das so schön geprickelt hat in meine Bauchnabel“. Das aber auch „Sandburgensadist, Frisurzerstörer“ und – letztendlich doch nur – „Himmelspisse“ ist. Ein genialer Text, ebenso vorgetragen: der wahre Dichtermeister.

Susanne Greiner

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