Poetische Wundertüte mit Maske

Erster Poetry Slam im Stadttheater Landsberg nach dem Lockdown

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Mit Vorliebe für Beerdigungen: Eva Karl-Faltermeier aus Regensburg begeistert beim ersten Nach-Lockdown-Poetry-Slam des Kreisjugendrings im Stadttheater.

Landsberg – Achteinhalb Monate haben die Poeten geschwiegen. Jetzt streiten sie wieder – beim Poetry Slam des Kreisjugendrings. Am Freitagabend standen sieben junge Künstler von Leipzig über Regensburg bis Peißenberg auf der Bühne, geleitet vom Münchener Poetry-Slam Moderator Ko Bylansky. Wobei dieser Dichterwettstreit gleich eine Hürde nehmen musste: Es war die erste Veranstaltung, bei der das Publikum durchgehend Maske trug – und das ohne Ausnahmen auch tat.

Bei den momentanen Zuschauerzahlen ist das Slam-Publikum besonders gefordert: Es unterstützt mit Applaus – Und bewertet durch Applaus. „Ihr müsst Lärm für 300 machen“, fordert Bylansky beim Blick in die bruchstückhaft besetzten Reihen.

Kein Problem: Rund 80 Personen applaudieren frenetisch – fast so wie ‚damals‘. Poetry-Slam, das ist immer ein bisschen wie eine Wundertüte, weiß der Moderator. Was du bekommst, weißt du nicht.

An diesem Abend sind es sieben Poeten aus der östlichen Längshälfte der Republik. Einer Thüringer Vizemeister – Marcel Schneuer aus Jena, inzwischen in München – mit einem politischen Text über ‚Heimat‘, die nicht da ist, wo man wohnt, sondern „auf dem Rücksitz eines Autos oder in der Sekunde vor dem Sonnenuntergang“. Wer diese Heimat aufgebe, „um freier atmen zu können“, habe mehr verdient, als bloßes Zuschauen.

Der zweite Poet ist Dritter bei den deutschen Meisterschaften und in Landsberg schon Stammgast – Yannik Sellmann. Dazu stößt in der ersten Gruppe Poetry-Ikone Kaleb Erdmann aus Leipzig. Er verbindet „Tradition, Kultur, Curling“. Die ersten beiden sollten bleiben, was das Dritte ist: ein etwas abstruses Angebot an jeden. Denn mindestens so seltsam wie Curling sei doch, eine Auferstehung mit der Suche nach Eiern, die ein Hase versteckt hat, zu feiern.

Mit von der Partie in dieser Promi-Slam-Gruppe ist Sina Boujdaa, zum ersten Mal auf der Slam-Bühne, die mit einem leidenschaftlich emanzipatorischen Text gegen den BH und für das weibliche Miteinander grandios abliefert.

Erster Platz für „Selma“

Den ersten Platz heimst aber Lokalmatador Sellmann ein. Mit „Selma“, einer strittig-zickigen alten Dame, der er im Zug den Koffer ins Netz hievt und letztendlich einen Tumult der Generationen im Abteil auslöst. Bester Humor, dargeboten mit rasantem Stimmenwechsel für die Verlautbarungen der Protagonisten seines Textes. Die zweite Gruppe mit drei Teilnehmern ist leiser. Der Münchener Henri Kruse zaubert mit zwei Vokalen: das A und das O, raffiniert, Poesie, aber inhaltlich schwer zu verstehen. Alexandra Heidel appelliert für weniger Selbstoptimierung und mehr Zufriedenheit. Und Eva Karl-Faltermeier aus Regensburg räumt ab – auf Niederbayerisch. Weil sie mit den Idealwelten der Insta-Familien nicht mithalten kann, konzentriert sie – alleinerziehend mit zwei Kindern, seit April soloselbstständig –, ihre sozialen Kontakte statt auf Hochzeitsfeiern auf Beerdigungen: keine „Leichen-Fotobox“, kein Strauß, der geworfen wird, um den nächsten im Grab zu markieren.

Feiern, auf denen sie einfach nur froh ist „noch da zu sein“. Mit der Mischung aus Ehrlichkeit, schnoddrigem Humor und lebensnahem Vortrag kann die ehemalige Journalistin und inzwischen Kabarettgröße im Finale sogar den Landsberger All-Time-Favourite Yannik Sellmann ‚überdichten‘. Fast. Akustisch ist der Applaus für die Finalisten gleich. Weshalb sich zwei gekrönte Poeten die Flasche Schampus aus dem niedrigeren Preissegment teilen. Geköpft wird sie auf der Bühne nicht, Umarmungen Fehlanzeige. Corona eben. Aber auch mit dem Virus ein bestens unterhaltender Abend.

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