Schrott und Munition an der Angel

Ex-Magnet-Fischer erzählt von seinem Hobby - das im Landkreis nicht erlaubt ist

Magnet-Fischer beim Fischen.
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Kein ‚leichtes‘ Hobby: Manche Magnete wiegen bis zu 130 Kilogramm.
  • Dietrich Limper
    vonDietrich Limper
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Ammersee – Magnetfischen ist wieder in aller Munde – weil ein 17-Jähriger am Ammerseeufer in Utting am vergangenen Wochenende eine Granate aus dem See gefischt hat (siehe Seite 11). Dass das Hobby Magnetfischen nicht überall erlaubt ist, bekam der 17-Jährige durch eine Anzeige zu spüren. Dass der Ammersee kein ‚ungefährliches‘ Gewässer ist, bekam auch ein Magnetfischer zu spüren, der mit dem KREISBOTEN über sein Hobby gesprochen hat – das er inzwischen nicht mehr ausübt.

Wann genau jemand zum ersten Mal einen starken Magneten an einem Seil befestigte und durch ein Gewässer zog, ist nicht zu ermitteln. Tatsache ist allerdings, dass immer mehr Menschen dieses Hobby ausüben und viel altes und neues Metall aus den heimischen Flüssen und Seen ans Tageslicht befördern. Spaß und Kick kommen durch den Überraschungseffekt, denn das Erfolgserlebnis ist wie eine Wundertüte: Was ist am Magneten hängen geblieben? Eine Geldkassette? Alte Münzen? Ein Tresor? Altmetall? Ein verrostetes Fahrrad? Oder gar Waffen oder Munition?

Rechtliche Grauzone

Und genau beim Thema Waffen und Munition wird aus einem harmlosen Hobby schnell eine hochgefährliche Angelegenheit. Denn dabei handelt es sich um sogenannte „Kampfmittel“, die von der Polizei sichergestellt und entsorgt werden müssen. Die gesetzlichen Regelungen sind nicht nur in den einzelnen Bundesländern verschieden. Seit Juni diesen Jahres gibt es aber im Freistaat eine einheitliche Regelung, wie das Bayerische Umweltministerium auf Nachfrage mitteilte: „Magnetfischen ist eine erlaubnispflichtige Benutzung eines Gewässers gemäß Wasserhaushaltsgesetz. Wer vorsätzlich oder fahrlässig ohne Erlaubnis ein Gewässer benutzt, handelt ordnungswidrig. Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu 50.000 Euro geahndet werden. Grundlage für die Zumessung der Geldbuße sind danach insbesondere die Bedeutung der Ordnungswidrigkeit und der Vorwurf, der den Täter trifft.“

Wie geht der Sachbereich „Wasserrecht“ beim Landratsamt Landsberg mit dieser Rechtslage um? Man habe die Vorgaben restriktiv umgesetzt und für kein Gewässer eine Erlaubnis erteilt, informiert der Pressesprecher des Landratsamtes Landsberg Wolfgang Müller. Grundsätzlich sei ja das „Einbringen von Stoffen in Gewässer“ verboten. Kurz gesagt: Niemand erhält im Landkreis Landsberg eine Zulassung für die Magnetfischerei. Damit sind die Tage dieses Hobbys zumindest am Ammersee gezählt.

Verschwiegene Szene

Auch weil die Rechtslage schon in der Vergangenheit eher schwammig war, scheuen die meisten Magnetangler das Licht der Öffentlichkeit. Wie viele es in Deutschland gibt, ist schwer einzuschätzen, die größte Gruppe bei Facebook hat um die 8.000 Mitglieder. Es gibt Online-Shops für Zubehör und verschiedene Websites mit Tipps, Tricks und Erfahrungsberichten. Und natürlich finden sich viele Fotos von spektakulären Funden im Internet.

Es war gar nicht so leicht, den Kontakt zu Thomas Maier (Name von der Redaktion geändert) herzustellen, der aus ersichtlichen Gründen anonym bleiben möchte. Der 32-jährige gebürtige Weilheimer begann mit dem Magnetangeln in Peißenberg – und war auch oft im Landkreis Landsberg am Ammersee unterwegs. Durch ein YouTube-Video wurde er 2016 eher zufällig auf das Hobby aufmerksam und war infiziert. Die Einstiegshürde war gering: Bei ebay bestellte er sich einen Industriemagneten mit 130 Kilogramm Zugkraft, der gut 20 Euro kostet. Im Baumarkt holte er sich Schraube, Öse, Seil und wenig später stand er an der Ammer und warf den Magneten aus. Ein totaler Fehlschlag, wie er grinsend berichtet: „Dort ist ein Wehr, das aus Stahl besteht. Und natürlich saß der Magnet dort sofort fest und 130 Kilo zieht man nicht mal eben aus dem Wasser. Keine Chance. Das Seil löste sich und der Magnet war weg.“

Keine Schatztruhen: Oft holt man beim Magnetfischen auch nur den Müll aus einem Gewässer.

Thomas Maier ging schnurstracks nach Hause und bestellte einen neuen Magneten. Um ein Wehr macht er seit diesem Tag allerdings einen großen Bogen. Weitere Magneten im Wert von Hunderten von Euro gingen verloren. Verluste, die einfach dazugehören. Sein „Jagdgebiet“ waren die Gewässer im näheren Umland: neben dem Ammersee, dem Dienhauser Weiher und dem Lech auch die Gewässer der Nachbarlandkreise wie Starnberger See, Staffelsee. Wenn er nicht alleine unterwegs war, nahm er Kumpels für die gemeinsame Gaudi mit. Er kaufte sich einen Magneten mit 400 Kilo Zugkraft, doch große Erfolge blieben in den ersten Monaten aus: Kronkorken, Altmetall, Nägel und anderer Kleinkram waren die magere Ausbeute. Der Spaß stand im Vordergrund und Maier teilte seine Erlebnisse mit einer kleinen Community im Internet.

Dadurch lernte er einen anderen „Fischer“ kennen, mit dem er gemeinsam in Dießen den Ammersee auslotete. Schon bald zogen sie Schätze an Land, die nicht mehr ganz so harmlos waren. Maier berichtet: „Wir holten Munition vom US-M1-Karabiner aus dem See. Zweiter Weltkrieg. Der Kollege aus Dießen hatte da schon öfter Munition geangelt. Normalerweise hätten wir den Fund gar nicht transportieren dürfen. Man muss den Kram liegenlassen, die Stelle sichern und die Polizei rufen. Der Kollege hatte aber von den Ordnungshütern die mündliche Genehmigung, seine Funde bei der Wache abzuliefern. Also sind wir einfach mit einem Eimer voll Munition quer durch Dießen zur Polizeiwache gelaufen. Die Beamten waren schon ein bisschen genervt und rieten uns, damit aufzuhören.“

Gefahr aus dem Weiher

Thomas Maier kritisiert, dass es zu viele Magnetfischer gäbe, die einfach scharf auf Waffen und Munition seien. Oftmals würden die Funde gar nicht den Behörden übergeben, sondern zuhause gereinigt und gehortet. Lebensgefährlich und unverantwortlich, wie Maier findet: „Meine Welt ist das nicht. Ich bin Waffengegner und will mit dem Zeug gar nichts zu tun haben. Manche Leute gehen damit um, also ob es Spielzeug wäre. Den Kontakt zu dem Angler aus Dießen habe ich dann auch abgebrochen, der war mir zu sehr darauf fixiert.“

Mittlerweile war Maier auch Vater geworden und es war undenkbar, dass er das Wohl seiner Familie aufs Spiel setzte. Der gelernte Metallbauer traf schließlich eine Entscheidung, nachdem er mit einem anderen Freund einen denkwürdigen Fund im Dienhauser Weiher machte: „Dort haben wir eine dicke, fette Flak-Patrone aus dem Wasser gezogen. Da ging mir dann echt die Pumpe, denn da steckt gefährliche Sprengkraft dahinter. Die Polizei musste kommen, aber die waren recht entspannt und haben uns erzählt, dass in diesem Weiher viel Material aus dem Krieg versenkt wurde. Das meiste sei aber bereits ausgebaggert worden. Naja, die haben die Patrone dann in einem Köfferchen mitgenommen.“

Danach ging er noch ein paar Mal zum Dietlhofer See, aber der Gedanke, dass Hobby an den Nagel zu hängen, reifte mehr und mehr. Er zog eine Menge Altmetall an Land. „Diesen See habe ich wirklich entmüllt. Abends bin ich mit einem Kofferraum voll Schrott zum Wertstoffhof gefahren. Denn das war ja meine Motivation: etwas für die Umwelt tun.“ Doch die Begeisterung war verflogen. Maier trennte sich von Magneten und Zubehör, und wendete der Szene den Rücken zu. Heute widmet er sich der Familie oder baut Modellflugzeuge. Gattin und Sohn werden dankbar sein, dass er nun ein Hobby hat, bei dem die Verletzungsgefahr ungleich geringer ist.

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