Experiment oder Mensch?– "landsberger bühne" inszeniert "Pygmalion"

Zwei Jungen haben ein Lieblingsspielzeug, sie sind stolz darauf, geben damit an, schleppen es mit sich herum und werfen es weg, wenn es langweilig geworden ist. Das Problem: das Lieblingsspielzeug von Henry Higgins und Oberst Pickering ist ein Mensch.

Der Phonetikprofessor Higgins (Gabriel Raum) und der Oberst (Matthias Spandl) wetten, ob es gelingt, das Blumenmädchen Eliza (Jarah Maria Schmid) mittels Sprach- und Benimmunterricht gesellschaftsfähig zu machen. Doch dabei ignorieren sie die Gefühle Elizas und deren Sorge vor der ungewissen Zukunft. Die Geschichte von George Bernard Shaws „Pygmalion“ ist spätestens seit seiner Musical-Adaption „My fair Lady“ nahezu jedem bekannt. Doch das Original, ohne zuckrige Mitsing-Melodien und vor allem ohne Happy End, ist bitterer, zynischer und muss doch immer mit dem bekannteren Vergleich kämpfen. Bedingt gelungen Wie also kommt man gegen die Champagnerseligkeit von Loewe & Lerners Musical an? Indem man das Stück knapp hundert Jahre in die Gegenwart katapultiert und den regionalen und sozialen phonetischen Besonderheiten Englands deutsche Dialekte und den Kontrast Jugendsprache – Hochdeutsch entgegensetzt. Doch diese Umsetzung gelingt nur bedingt und lässt Konsequenz vermissen. Zwar sind Bühnenbild und Ausstattung die der Gegenwart, aber die Sprache verweist an manchen Stellen direkt auf den Anfang des 20. Jahrhunderts, erwähnt „Kammermädchen“ und „Gram­mophone“. Auch die „Jugendsprache“ Elizas ist ein wenig undifferenziert, erschöpft sich in Fäkalausdrücken und einem gelegentlichen „Boah ey“. Brillant bis gut Doch insgesamt hat die „landsberger bühne“ unter Regie von Florian Werner eine solide Leistung mit vielen guten Momenten gezeigt. Gewohnt brillant Matthias Spandl als Oberst Pickering und Franziska Dietrich als Mrs. Higgins, neben denen es Gabriel Raum als Higgins ein wenig schwer hatte. Sein Higgins ist ein kalter, unnahbarer Mensch ohne den Hauch von Sensiblität, dem es Spaß macht, gelegentlich aus der Rolle zu fallen. Raum spielt gut, doch ohne Entwicklung, ist von Anfang bis Ende gleich, die wechselnde Beziehung zu Eliza findet kaum Beachtung. Jarah Maria Schmid überzeugt als „Experiment“ mehr als als Straßengöre, die Anfangsszenen wirken aufgesetzt, die Entwicklung hin zur großen Aussprache um so interessanter. Beiden Hauptdarstellern wünscht man noch ein wenig mehr Zeit, um in ihre Rollen hineinzuwachsen und mehr „miteinander“ zu spielen, obwohl manche kleinen Unkonzentriertheiten wohl auf das Premierenfieber zurückzuführen waren. Beeindruckend agiert Götz Hoffmann als Elizas Vater mit einer Mischung aus Skrupellosigkeit, Schlitzohrigkeit und Verzweiflung. Was kommt dann? Eine interessante Inszenierung, die nachdenklich macht über die Bedeutung der Sprache in der heutigen Zeit, des wieder wachsenden Wunsches nach allgemeinem Benehmen und Anstand. Doch es bleibt, wie bei Eliza, immer Frage nach dem Nutzen der „Umerziehung“, nach dem „Was kommt dann?“ Weitere Termine: 14., 15., 16., 21., 22., 23. Januar jeweils 20 Uhr, 17. Januar 17 Uhr im Stadttheater Landsberg.

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