"Länderspezial Eritrea":

Deutsch allein reicht nicht

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Ethnologe und Ostafrika-Experte Dr. Alexander Kellner klärte beim „Länderspezial Eritrea“ im Kratzertreff über das Land auf.

Landsberg – „Ich sag für alles danke!“ Das Schlusswort beim „Länderspezial Eritrea“, veranstaltet vom AWO-Mehrgenerationenhaus in Zusammenarbeit mit der Georg-von-Vollmar-Akademie und dem Projekt „Stark im Beruf“, hatte Abdullah aus Somalia. Der junge Mann freute sich herzlich über die große Aufgeschlossenheit für das Thema Flucht. In der AWO-Begegnungsstätte Kratzertreff hörten mehr als 50 Bürger einen sehr interessanten Vortrag des Ethnologen Dr. Alexander Kellner über die Fluchtursachen der jungen Menschen aus Eritrea. Für Stadt und Landrats­amt kamen die Integrationsbeauftragten Jost Handtrack und Stefanie von Valta sowie Jobcenter-Leiter Felix Rakette.

Die Engagierten aus den Helferkreisen mussten einmal mehr feststellen, dass die Dinge kompliziert sind. Der Ethnologe und Ostafrika-Experte aus München Alexander Kellner holte bei den Hintergründen weit aus. Das kleine Land am Horn von Afrika rangiert was Presse- und Menschenrechte betrifft noch hinter Nordkorea, dabei sei es einmal ein Global Player der Geschichte gewesen. Dafür nannte er viele Beispiele.

Eritrea gilt als die Wiege der Menschheit. Heute fliehen aber nach Schätzungen der Vereinten Nationen 5.000 Menschen pro Monat aus dem kleinen Land im Osten Afrikas. Sie sehen für sich keine Chance in der repressiven Diktatur des Präsidenten Isays Afewerki und seiner Regierungsclique. So fürchten alle Menschen zwischen 18 und 40 Jahren die Rekrutierung durch den National Service, um anschließend jahrelang ihren Landesdienst unter schwierigsten Bedingungen verrichten zu müssen.

Willkür, Folter und Zwangsarbeit seien laut Vereinten Nationen an der Tagesordnung. Als Legitimation diente die angespannte militärische Lage, denn Eritrea befindet sich nach jahrzehntelangen Freiheitskämpfen im Waffenstillstand mit dem großen Nachbarland Äthiopien. Viele liehen sich angesichts des andauernden Ausnahmezustands einige Tausend Euro von Verwandten, die es schon ins Ausland geschafft haben, und treten die Flucht über den Sudan, Libyen und das Mittelmeer an. Nur ein Teil von ihnen erreicht Europa. Hauptsächlich Männer (70 Prozent) trauen sich die Strapazen der Flucht zu, Frauen hoffen, später nachkommen zu können.

Junge Männer aus Eritrea im Vortragsraum wollten sich lieber nicht politisch äußern, höchstens etwas zur privaten Situation sagen, zu schwer wiegen Angst und Traumatisierungen. Erzählen konnten aber die Betreuer aus den Helferkreisen, die wussten wo der Schuh drückt und was sich ihre Schützlinge nach den zurückliegenden Anstrengungen wünschen: Sie brauchten eine Wohnung und möchten arbeiten. Eine Rednerin warb für das Projekt „Wohnen für Hilfe“ und stellte das Zusammenleben als wichtige Chance für geflüchtete und einheimische Menschen vor.

Eine andere Teilnehmerin appellierte an die solidarische Bevölkerung: „Paten können viel bewirken, also holt die Leute raus aus den Heimen, redet mit ihnen, ladet sie ein.“ Dieser Auffassung konnte sich Günter Dannhauer anschließen, der sich für das Berufspatenprojekt „Alt hilft Jung“ zu Wort meldete: „Jeder Flüchtling braucht einen Paten, dann kann Integration gelingen.“ Denn: Mit Deutsch lernen wäre es nicht getan. Bürokratie und Lebensbedingungen in Deutschland seien schon für die einheimische Bevölkerung eine Herausforderung, meinte eine Engagierte aus dem Helferkreis an der Iglinger Straße.

Auch Musik und Lebensfreude könnten eine Bereicherung für Geflüchtete sein. So verschenkte die Musikgruppe um Gertraud Sandherr-Sittmann regelmäßig ihre Zeit für kurzweilige Zusammenkünfte mit Menschen internationaler Herkunft. Eine weitere Möglichkeit, etwas zusammen auf die Beine zu stellen, ist nach Ansicht von Elisabeth Tschimmel der Gartenbau. In Dießen erntet sie zurzeit mit einigen Jugendlichen aus Eritrea Feldfrüchte für den eigenen Bedarf. Dabei wird erzählt, gesungen und gelacht – gelebte Integration.

Wer finanziert Staaten wie ­Eritrea? Der Experte nannte mit einem guten Drittel die Community der Eritreer im Ausland, die sich jeden Cent vom Mund absparten, um ihn heim zu schicken. Zuletzt müssten wir aber auch vor der eigenen Haustüre kehren. „Europa wünscht sich Ruhe und dafür fließen Zahlungen“, sagte Kellner. Dabei gehe es vor allem um den Image-Schaden, wenn Europa ständig Bilder von Toten im Mittelmeer verkraften müsse.

Die Georg-von-Vollmar-Akademie setzt das Bundesprogramm „Zusammenhalt durch Teilhabe“ um und initiiert Projekte zur Stärkung demokratischer Teilhabe und gegen Extremismus. Das Projekt „Stark im Beruf – Mütter mit Migrationshintergrund steigen ein“ wird durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und den Europäischen Sozialfonds gefördert.

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