Mobilitätsforum 2018

Was tun gegen zu viel Autoverkehr am Ammersee?

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Über die positive Resonanz des Mobilitätsforums freute sich das Orga-Team der Transition-Region Ammersee (stehend, v. rechts) Gabriele Übler, Hans Starke, Ernst Roeckl und Klaus-Peter Lieckfeld sowie (vorne) Eva-Maria Zotter, Sabine Pitroff, Antje Novoa und Patric Glass.

Dießen – „Das Auto hat keine Zukunft. Ich setze aufs Pferd“. Dieser historisch verbürgte Ausspruch des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. ist zumindest im ersten Teil aktueller denn je. Wobei der Satz genauer „Das Auto in seiner heutigen Form hat keine Zukunft“ heißen müsste.

Die Welt erstickt allmählich an seinen Ressourcen verzehrenden Blechlawinen. Allein in Deutschland wird das Auto täglich 300 Millionen Mal von A nach B bewegt. Wir haben unser Leben darauf eingerichtet, dass immer und überall flexible Individualfahrzeuge zur Verfügung stehen. Auch die Ammersee-Region leidet unter dem stetig wachsenden Verkehr, wobei es nicht nur um Pendler, Touristen und den unausweichlichen Liefer­ver­kehr geht. Selbst kleine Einkaufsfahrten werden bequem mit dem Pkw erledigt. Auf die Frage, wie man damit und der Umweltbelastung Herr werden kann, versuchte das „Mobilitätsforum 2018“ Antworten und Alternativen zu finden.

Immerhin rund 100 interessierte Besucher waren bei strahlendem Sommerwetter in die Dießener Mehrzweckhalle gekommen. Eingeladen hatte die Initiative „mobi-LL“, hervorge­gangen aus dem Netzwerk Transition-Region Ammersee, das sich für Wandel und Veränderung einsetzt und auf die epochalen Krisen dieser Erde Antworten sucht. Bei der Vortrags- und Diskussionsrunde ging es um Gedankenanstöße und neue Wege in Sachen Mobilität: Wie können wir unsere Bewegungsfreiheit erhalten und zugleich Lärm, Abgase und Feinstaub reduzieren? Wie können wir die Ammersee-Gemeinden wieder zu Orten machen, in denen sich Menschen und nicht nur Autos begegnen? Wie kann man die individuelle Mobilität sicherstellen, ohne auf das eigene Auto angewiesen zu sei?

Dießens Bürgermeister Herbert Kirsch begrüßte die Aktion und dankte Organisatorin Gabriele Übler für ihren Einsatz in Sachen alternativer Mobilität. „Dass hier Handlungsbedarf besteht, erlebe ich jeden Tag in meinem Rathausbüro. Bei offenem Fenster kann ich kaum telefonieren, so laut tönt der Verkehr herauf.“

Über die Zukunft der Mobilität und ihre Entwicklung im ländlichen Raum referierte Dr. Andreas Kolke, Technikchef des ADAC-Test- und Technikzentrums Landsberg. Mit eindrucksvollen Zahlen dokumentierte er den steigenden Mobilitätsbedarf bis ins Jahr 2040. Man stehe vor ähnlichen Umwälzungen wie nach der Erfindung des Autos vor 125 Jahren. Ein evolutionärer Wandel des Systems Mobilität bahne sich an. Das eigene Auto als Symbol für Freiheit und Unabhängigkeit verliere zunehmend an Bedeutung. Aus der Status-Mobilität werde Smart Mobility. Digitale Vernetzung, autonom fahrende Autos oder Lieferroboter werden in Zukunft unsere Mobilität beherrschen. Es sei natürlich heute gerade für die Älteren unvorstellbar, mit einer Handy-App ein selbstfahrendes Auto zu rufen, das einen von A nach B bringe.

Das Auto teilen?

Bis das soweit ist, gelte es, die bereits vorhandenen Alternativen zu nützen. Wie CarSharing, das im Pfaffenwinkel bereits erfolgreich praktiziert wird. Martin Heinz, Geschäftsführer von ÖkoMobil in Weilheim, erläuterte das Konzept „Auto teilen“ und empfahl die Nachahmung. Gabriele Übler macht bereits Ähnliches mit ihrem „Nach­bar­schaftsauto Dießen“, das allerdings noch nicht auf die gewünschte Resonanz stößt.

Zum Thema Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) referierten Dietmar Winkler vom Landratsamt Landsberg und Grünen-Kreisrat Moritz Hartmann, Mitglied im Umweltausschuss des Kreistags. Seit 30 Jahren bemühe man sich vergeblich um den Anschluss der Ammersee-Region an den MVV. Wobei das aber nur ein Tarifsystem sei und deshalb nicht mehr Züge fahren würden, dämpfte Winkler gleich die Hoffnungen auf bessere Verbindungen. Die Anrufsammeltaxis hätten sich nur in einigen Gemeinden bewährt, da andernorts oft der politische Wille fehle. Und die Ortsbusse führen nicht kostendeckend, weil sie zu wenig genutzt werden.

Radl-Boom

Positives gab es beim Thema Fahrrad-Mobilität zu vermelden. Nicht nur, weil wegen des eBike-Hypes ein Fahrrad-Boom herrsche, sondern weil man das Radwegenetz zwischen Lech und Ammersee konsequent ausbaue. Mit ein Verdienst des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, wie der Landsberger ADFC-Vorsitzende Martin Baumeister erläuterte. Neben den Freizeit-Radlern nutzen auch immer mehr Berufspendler das Angebot. Wobei im Publikum sofort Unmut über den immer noch fehlenden Birkenallee-Radweg zwischen Dießen und Fischen aufkam. Durchaus konträr wurde das Thema diskutiert, weil einigen Besuchern der Umweg über die von Regierung und Naturschutz bevorzugte „Raistinger Schleife“ genügte.

Bei den anschließenden Workshops wurden die Themen individuell vertieft und kreative Ideen für eine bessere Mobilität entwickelt. Unverständnis zeigten viele Besucher über die Staatliche Seenschifffahrt. Man könne neben den Ausflugsdampfern doch ein schnelles Schiff für den regelmäßigen Personenverkehr zwischen Dießen, Utting, Schondorf, Inning und Herrsching einsetzen. Das würde den Autoverkehr rund um den Ammersee zumindest im Sommer entlasten.

Dieter Roettig

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