Arbeitsunfall vor dem Amtsgericht Landsberg

Weil er eine Regenjacke trug: Fensterputzer stürzt in den Tod

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Der tödliche Sturz von Fensterputzer Petar I. hatte jetzt ein gerichtliches Nachspiel.

Landsberg – Ein Sturz mit tödlichem Ausgang hatte für zwei Führungskräfte einer Putzfirma jetzt ein Nachspiel vor dem Amtsgericht Landsberg. Der Geschäftsführer und ein ehemaliger Objektleiter des Münchener Unternehmens waren wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Sie kamen mit Geldstrafen davon.

Es regnete stark am 30. August 2018, als ein Putztrupp der Münchener Firma bei einem Unternehmen in Landsberg die Fenster reinigte. Petar I. wollte mit seiner Arbeit dennoch zügig vorankommen. Ungesichert stieg der Kroate aus einem Fenster im ersten Stock von Werk I, um die Scheiben von außen zu putzen. Auf dem nassen Fensterbrett rutschte er aus und stürzte aus über fünf Metern Höhe durch ein Vordach. Weil er unglücklich gegen einen Tank prallte, landete der 45-Jährige auf dem Kopf. Mit schwersten Verletzungen wurde er in die Unfallklinik Murnau gebracht, wo er zwei Tage später starb.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hatten die beiden Angeklagten ihre Pflichten grob verletzt. Insbesondere wurde dem 47-jährigen Geschäftsführer und dem 64-jährigen Objektleiter vorgeworfen, keine konkrete Gefährdungsanalyse erstellt und keine Sicherungsmaß­nahmen getroffen zu haben. Tatsächlich hatten die beiden Männer das Rational-Werk noch nie gesehen, wie die Kripo später ermittelte. Eine Hebebühne für die Fenster­putzarbeiten war am Vortag wieder abbestellt worden – wohl, weil jemandem aufgefallen war, dass sie für den Bereich über dem Vordach nicht zu gebrauchen war. Eine Sicherung mit Brettern fand nicht statt.

Drei Kollegen des tödlich Ver­unglückten sagten bei der Polizei aus, dass sie nie eine Schulung oder Einweisung erhalten hätten. „Die Arbeiter wussten nicht, wie man sich ordnungsgemäß sichert“, so der ermittelnde Beamte. Ein Vorarbeiter war am Unfalltag nicht anwesend – „er fuhr Material von Baustelle zu Baustelle“. Die Fensterputzer hätten für die Außenarbeiten keine andere Möglichkeit gesehen als aus dem Fenster zu steigen. Dass Petar I. das übernahm, hatte einen banalen Grund: „Er hatte als einziger eine Regenjacke.“

Erst nach dem Unfall unterschrieben die drei bosnischen Kollegen ein in deutscher Sprache abgefasstes Belehrungsblatt mit Sicherheitshinweisen. Deutsch lesen konnten sie allerdings nicht, so der Polizeibeamte. Auch die Vernehmung habe mit Hilfe eines Dolmetschers stattgefunden.

Die beiden Angeklagten äußerten sich nicht zu den Vorwürfen. Stattdessen fanden längere Verständigungsgespräche zwischen Verteidigern, Staatsanwalt und Richter statt. So schrumpfte die auf zwei Tage angesetzte Verhandlung auf einen Vormittag zusammen. Resultat: Beide Angeklagte kommt der Unfall zumindest finanziell teuer zu stehen. Das Verfahren gegen den 47-jährigen Geschäftsführer wurde gegen Zahlung einer Geldauflage von 25.000 Euro eingestellt – 20.000 Euro davon gehen an die Familie von Petar I. in Kroatien, der Rest an die Staatskasse. Der 64-jährige ehemalige Objektleiter – inzwischen Rentner – wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 4.500 Euro (90 Tagessätze à 50 Euro) verurteilt.

Für Staatsanwalt Benjamin Junghans war klar, dass ein Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Arbeitsschutz bestanden habe. „Sicherheit hat Vorrang vor unternehmerischen Interessen“, betonte der Anklagevertreter. Bei klaren Anweisungen wäre der Unfall zu verhindern gewesen, so seine Überzeugung. „Was gefährlich ist und was nicht, darf nicht dem kroatischen Fensterputzer überlassen bleiben, der auch noch im Akkord arbeitet.“

Richter Michael Eberle glaubte, dass der Todesfall für die seit 1905 bestehende Münchener Reinigungsfirma „ein Schnitt“ gewesen sei. „Nochmal darf so etwas nicht passieren.“
Ulrike Osman

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