Raus aus der Plastikwelt

Familie Rößler aus Reisch verzichtet auf Plastik

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Trinkflasche und Edelstahldose, Holzzahnbürste und selbstgemachte Kosmetik: Es geht auch ohne Plastik: Regine Rößler mit ihren Töchtern Kaylee und Anouk (v. links).

Landsberg/Reisch – An der Supermarktkasse eine Plastiktüte kaufen? Geht gar nicht. Und wird ja vielleicht auch demnächst verboten sein. Umweltschützen ist nicht nur in der Politik schick. Und es gehört inzwischen zum guten Ton, das eigene Einkaufsnetz zu zücken. In das man dann Joghurt im Plastikbecker, Bio-Zucchini in der Plastikschale und die Plastik-Ketchup-Flasche steckt. Denn wirklich auf Plastik zu verzichten, fällt schwer. Und ist unbequem. Regine Rößler und ihre Familie in Reisch versuchen es trotzdem. Und kommen damit ziemlich weit.

Regine Rößler und ihr Mann leben in Reisch, inzwischen noch mit den zwei jüngsten der fünf Kinder, der achtjährigen Kaylee und der zwölfjährigen Anouk. Im Garten sieht man Gemüsepflanzen, im Haus viel Holz, einen Schwedenofen, keinen Fernseher. Und vor allem wenig Krimskrams. „Bevor wir etwas anschaffen, überlegen wir, brauchen wir es oder lassen wir es da?“, sagt Regine. Bei ihnen werde kaum etwas weggeworfen, auch kein Essen: „Wenn wir nicht mehr können, isst es der Papa“, kräht Kaylee. Restmüll haben die vier Familienmitglieder eine Tonne voll. Wohlgemerkt pro Jahr.

Dass die ganze Familie auf ihren ökologischen Fußabdruck achtet, ist deutlich: Das – gefilterte – Trinkwasser kommt aus dem Hahn, das zweite Auto hat die Familie vor 15 Jahren abgeschafft, Regines Mann radelte damals jeden Tag 18 Kilometer zur Arbeit und zurück. Heute radelt er immer noch, aber nur noch zwei Kilometer nach Landsberg. Früher hat die Familie in einem selbstgebauten Strohballenhaus gewohnt, in ihrem jetzigen Haus haben die vier Personen einen Stromverbrauch von gerade mal 1.200 Kilowattstunden pro Jahr. Gewaschen wird meistens mit Kastanie, Efeu, Soda. Und die Familienmitglieder versuchen, auf Plastik zu verzichten. „Angefangen hat das mit dem Film ‚Plastic Planet‘“, erzählt Regine. Und damit, dass sie das Buch „Plastikfreie Zone“ von Sandra Krautwaschl gelesen hat. Der Verzicht geht ins Detail: Selbst der Luftballon an der Ladenkasse bleibt, wo er ist.

Teebeutel in Plastik

Die Möbel und Stoffe im Haus sind alle aus Holz oder Baumwolle, Sitzsäcke werden selber genäht. „Wir haben aber auch noch ein paar Kunststoff-Relikte“, lacht Regine und deutet auf ein schwarzes Synthetik-Kissen in der Sofaecke. Gemüse und Obst kommt aus dem eigenen Garten, vom Wochenmarkt oder aus der Gärtnerei um die Ecke. Milch gibt’s per Kanne, Pilze aus dem Wald, alles was geht im Glas, zum Beispiel auch Ketchup. „Aber einige Sachen werden kaum noch in Glasflaschen angeboten“, sagt Regine. Essigessenz zum Beispiel. Gewürze kauft sie in großen Papier-Dosen, Zucker und Mehl sind sowieso in Papiertüten. „Aber Teebeutel gibt es fast nur noch in einzelnen Plastiktütchen und bei Nudeln ist immer Plastik an der Schachtel dabei. Auch Süßigkeiten oder Trockenobst sind kaum ohne Plastik zu bekommen.“

„Ich habe einmal den Mozzarella vom Wochenmarkt gekauft“, erzählt Regine und schaut grinsend zu Anouk – die ihr Gesicht verzieht: „Der schmeckt nicht!“ Also gibt’s eben doch Mozzarella aus der Plastikverpackung. „Was hier eindeutig fehlt, ist ein Unverpackt-Laden“, betont Regine. Den würde sie sofort nutzen. In Utting sei schon ein Laden mit einem kleinen Unverpackt-Sortiment. Und in Augsburg gebe es einen großen Markt. „Aber da mit dem Auto hinfahren und wieder zurück, das kann ja nicht die Lösung sein.“

In dem Reischer Haushalt gibt es keine Alu- oder Klarsichtfolie. Beim Metzger können sie inzwischen ihre eigenen Dosen – aus Edelstahl – mitbringen. Klar gibt es noch ein paar Tupperdosen. Aber die werden nach und nach, wenn sie kaputtgehen, ersetzt. „Plastik wegzuwerfen ist noch schlimmer, als Plastik zu verwenden“, betont Regine. Weshalb Kaylee auch Playmobil und kleine Plastiktiere hat, „die sind teilweise noch von Mama, also ziemlich alt.“ Regine lacht. Was Spielzeug und generell die Kinder angeht, gebe es eher Ausnahmen. „Ich bin auch nicht fanatisch“, sagt Regine. So seien die Umschläge der Schulhefte aus Papier. „Aber natürlich haben die Kinder Filzstifte.“

Erstmal kein Handy

Nach dem Film „Plastic Planet“ wurde auch die zwölfjährige Anouk eifrige Plastikvermeiderin. „Das ganze Plastik im Meer, das fand ich schrecklich.“ In der Schule schrieb sie damals eine Abschlussarbeit zu dem Thema. Und gab ihre Plastikpuppen weg. Die ganze Familie achtet auf plastikfreie Kleidung. Dabei quellen die Kleiderschränke nicht über. Lieber weniger, dafür gute Qualität: viel Second Hand, keine Billigklamotten. Neben dem hippen Synthetik-Shirt aus Lohndumping-Ländern verzichtet Anouk bisher auch auf ein Handy. „Das ist teilweise blöd, weil alle eins haben. Aber es ist OK.“

„Das größte Problem, das ich habe, wenn ich ohne Plastik auskommen will, ist meine Bequemlichkeit und zu wenig Zeit“, sagt Regine. Wenn es zum Einkaufen eben in mehrere Läden geht, anstatt nur zum Supermarkt. Oder wenn das plastikfreie Leben zeitaufwendige Aktionen erfordert. Zum Beispiel im Bereich Bad, dem ‚Plastik-Hotspot‘ schlechthin: Shampooflasche, Creme- oder Zahnpastatube – alles Plastik. Für manches gibt es Alternativen. Zähneputzen geht mit Meersalz und Holzzahnbürsten. Wattestäbchen gibt es aus Papier. „Kürzlich hat eine Freundin erzählt, dass man die Haare mit Roggenmehl und Wasser waschen kann“, erzählt Regine. Statt Flüssigseife aus dem Plastikspender verwendet die Familie normale Seife. Gerne auch selbstgemacht. So, wie auch diverse Cremes in Glastiegelchen: Gesichtscreme aus in Öl ausgezogenen Rosenblättern mit Kakaobutter, Kokosfett und Lavendelwasser. Ringelblumenöl mit Olivenöl und Bienenwachs ergibt eine prima Körpercreme. Und den Mücken­geplagten empfiehlt Regine Spitzwegerich. „Aber es braucht Zeit und Muße, das alles selber herzustellen.“

Man müsse da anfangen, „wo es Spaß macht“, empfiehlt Regine Rößler jedem, der weniger Plastik im Leben will. Zum Beispiel beim Kreieren des eigenen Shampoos, der eigenen Creme, die genau so riecht, wie man es schon immer mal wollte. Ihre Familie mache einiges anders und manches gebe es eben einfach nicht. „Aber wir haben ganz sicher nicht das Gefühl, dass uns etwas fehlt.“

Susanne Greiner

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