Und dann flogen die Fäuste

Scheuringer Fasching: K.o-Schlag war Notwehr 

+
Faschingsumzug in Scheuring: Erst floss der Alkohol in Strömen, dann flogen die Fäuste – ein 23-jähriger Dasinger wurde jetzt vom Amtsgericht freigesprochen: es war Notwehr.

Landsberg – Wer hat wen zuerst geschlagen? Um diese Frage drehte sich am Montag eine mehrstündige Verhandlung vor dem Amtsgericht Landsberg. Angeklagt war ein 23-Jähriger aus Dasing, der beim Faschingsumzug in Scheuring einen 28-Jährigen aus Merching k.o. geschlagen hatte. Ob dies aus Notwehr geschah oder nicht, war der Knackpunkt, der zwischen Verurteilung und Freispruch entschied.

Die beiden Kontrahenten hatten am 3. Februar vergangenen Jahres am Nachtumzug auf zwei verschiedenen Faschingswagen teilgenommen. Der 23-Jährige fuhr mit rund 30 anderen auf dem Wagen des Dasinger Faschingsvereins mit, der 28-Jährige feierte mit einer ähnlich großen Gruppe auf dem Wagen der Faschingsfreunde Mering. Zum Streit kam es gegen 22 Uhr, als der Umzug schon zu Ende und die Teilnehmer zu Fuß auf dem Weg zum Sammelplatz waren.

Er sei beschuldigt worden, ein Mädchen auf dem Meringer Wagen geschlagen zu haben, sagte der Angeklagte aus – was er aber definitiv nicht getan habe. Der 28-Jährige habe ihn im Zuge der Auseinandersetzung zwei- oder dreimal ins Gesicht geschlagen. Zum Beweis legte der Angeklagte ein Foto vor, das ihn mit Veilchen zeigte. „Da habe ich mich zur Wehr gesetzt“, beteuerte der 23-jährige Maschinen- und Anlagenführer. „Ich habe einmal zugeschlagen, und er ist umgefallen.“ Der Geschädigte soll wenige Sekunden bewusstlos am Boden gelegen haben. Er trug Platzwunden, eine Gehirnerschütterung und einen abgebrochenen Schneidezahn davon.

Völlig anders schilderte der 28-jährige Zimmerer den Vorfall. Seine Freundin und er hätten einen Streit beobachtet und schlichten wollen. Da habe er unvermittelt von hinten „ums Eck rum“ einen Faustschlag bekommen und sei zu Boden gegangen. Von wem der Schlag kam, habe er erst hinterher von seiner Freundin erfahren. Er selbst habe den Angreifer nicht gesehen und schon gar nicht zuvor selbst attackiert. Die 38-jährige Freundin habe den Angeklagten später auf dem Parkplatz noch einmal gesehen. Über Fotos auf Facebook sei man auf den Namen des 23-Jährigen gekommen.

War diese Schilderung eines Schlags von hinten mit den Verletzungen im Gesicht schon nicht recht in Einklang zu bringen, so sorgte die Aussage der Freundin für noch mehr Verwirrung. Sie behauptete, der Angeklagte habe mit einer „weiblichen Person“ des Meringer Faschingswagens „diskutiert“. Bei dem Schlichtungsversuch habe ihr Freund dem Angeklagten gegenüber gestanden, als dieser zuschlug. Dass sie den 23-Jährigen später noch einmal gesehen habe, bestritt sie.

Alkohol war zuvor reichlich geflossen. Circa sechs Halbe Bier und einige Schnäpse hatte der Angeklagte nach eigener Aussage intus. Der Geschädigte wollte „vier, fünf oder sechs“ Halbliterbecher eines Mixgetränks aus Wein, Limo und Kirschlikör sowie „ein paar Schnäpschen“ getrunken haben. Er sei aber nicht sturzbetrunken, sondern lediglich angetrunken gewesen. Allerdings hatte er nach dem Vorfall zwei herbeieilende Polizeibeamte für die Täter gehalten und war nicht vernehmungsfähig gewesen.

Zugunsten des Angeklagten sagten drei seiner Freunde aus – ein 23-jähriger Servictechniker, eine 22-jährige Kinderpflegerin und ein 24-jähriger Metallbauer. Ihre Schilderungen deckten sich im entscheidenden Punkt mit der Version des Angeklagten: Der andere habe zuerst zugeschlagen.

Zuletzt stand die Anklage auf derart wackeligen Füßen, dass selbst Staatsanwältin Melanie Ostermeier Freispruch beantragte. Verteidiger Stefan Kasparek wies auf die großen Widersprüche und Ungereimtheiten der Aussagen des Geschädigten und seiner Freundin hin. Rechtsanwalt Felix Dimpfl, der dem Geschädigten als Nebenklärgervertreter zur Seite stand, konnte all dem wenig entgegensetzen. Er fand allerdings die Aussagen der Dasinger Zeugen „erstaunlich übereinstimmend – obwohl es dunkel war und alle besoffen waren“.

Richter Alexander Kesslers kam jedoch zu dem Schluss, dass „nach dieser Beweisaufnahme kein Gericht in Deutschland den Angeklagten verurteilen würde“. Selten habe er es mit einem so klaren Fall von Notwehr zu tun gehabt. Kessler räumte ein, dass die Zeugen offensichtlich zwei Lagern angehörten. Während die Freunde des Angeklagten jedoch glaubwürdig erschienen, hätten die Aussagen des Geschädigten und seiner Freundin allzu krasse Widersprüche beinhaltet. Auch die zwei einschlägigen Vorstrafen des Angeklagten, änderten nichts daran, dass das Gericht in diesem Fall von seiner Unschuld überzeugt war. Der 23-Jährige wurde freigesprochen.

Ulrike Osman

Auch interessant

Meistgelesen

Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Die Babys der Woche im Klinikum Landsberg
Reichlinger Dirigent Lars Scharding und die 25-Kilo-Wette
Reichlinger Dirigent Lars Scharding und die 25-Kilo-Wette
Dießens Marienmünster feiert den 280. Geburtstag mit viel Programm
Dießens Marienmünster feiert den 280. Geburtstag mit viel Programm
Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Vierbeinern!
Neues Zuhause gesucht: Helfen Sie diesen liebenswerten Vierbeinern!

Kommentare